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Wer am Arbeitsplatz zu wenig zu tun hat und unterfordert ist, kann krank werden. Laut einer Studie ist jeder zehnte Arbeitnehmer betroffen.
Die Juristin Verena Rüegg (Name geändert) wollte beruflich vorankommen. Sie suchte eine höhere Position mit neuen Herausforderungen. Entsprechend freute sich die 31-Jährige auf die Stelle in einem Grossbetrieb. Doch es kam anders. Schon der erste Tag verunsicherte Verena Rüegg. Sie bekam kleine, einfache Aufgaben. Rüegg war damit jeweils schnell fertig. Nicht nur ihr ging es so: «Alle waren so energielos und schienen kaum etwas zu tun. Ich dachte: Brauchts mich da überhaupt?» Nach drei Wochen ging sie zum Chef. «Ich sagte ihm, meine Schonfrist sei doch nun vorbei, ich wolle richtig arbeiten», erinnert sie sich. Der Chef reagierte irritiert und unwillig. Rüegg: «Erst später begriff ich, dass er einfach keine Arbeit für mich hatte.»
Unterfordert und Gewissensbisse
Um die Zeit zu füllen, machte sich die Juristin die Arbeit künstlich schwer. So las sie die Gesetze auf Französisch und lernte die Fremdwörter. Die übrige Zeit surfte sie im Internet. Freude machte ihr das nicht. Verena Rüegg erinnert sich, wie sehr sie das schlechte Gewissen quälte: «Ich bekam mein Salär, ohne etwas dafür zu tun.» Die sonst aufgestellte Frau wurde depressiv. «Ich fühlte mich lustlos und lethargisch. Abends war ich extrem müde, obwohl ich kaum etwas getan hatte.» Immer mehr verlor sie ihr berufliches Selbstvertrauen: «Ich hatte Angst, mir einen neuen Job zu suchen.»
Betroffene sind oft müde und schlecht gelaunt
Verena Rüegg ist kein Einzelfall. Die Personalvermittlungs-Firma Kelly Services stellte in einer Umfrage fest, dass jeder Zehnte am Arbeitsplatz unterfordert ist. Die Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder ersannen für das krankhafte Langweilen am Arbeitsplatz den Begriff Boreout. Er setzt sich zusammen aus dem englischen Wort für langweilen (to bore) und dem bekannten Begriff «Burnout». Betroffene sind oft müde und schlecht gelaunt. Dabei sind sie nicht faul: Sie wollen arbeiten – aber bekommen keine Aufgaben oder nur solche, die für sie zu einfach sind. Der Psychiater Rolf Heim vom Institut für Arbeitsmedizin in Baden AG sagt, das Problem sei lange bekannt: «Alle Menschen haben das Bedürfnis, einen Sinn in ihrem Leben zu finden – zum Beispiel durch ihre Arbeit. Sehen sie diesen Sinn nicht, können sie erkranken.» Boreout-Betroffene werden depressiv, bekommen Schlaf- oder Angststörungen. Auch Herz- und Verdauungsbeschwerden können auftreten.
Vorgaukeln von Arbeit erzeugt Stress
Besonders belastend: Betroffene wollen nicht als faul gelten und versuchen, beschäftigt zu wirken. Wie Verena Rüegg erledigen sie daher ihre Aufgaben langsam. «Auch dieses Vorgaukeln, beschäftigt zu sein, erzeugt Stress», sagt Heim. Hinzu kommt die Sorge, den Job zu verlieren. Die grosse Langweile trifft vor allem gut Ausgebildete mit Bürojobs – während der Wirtschaftskrise noch mehr. Dies erlebt die Zürcher Arbeitsmedizinerin Denise Krebs während ihrer Beratung bei grossen Versicherungen und andern Firmen. «Die Grossunternehmen wollen nicht zu viele Mitarbeiter entlassen. Doch sie haben zu wenige Aufträge – und die Mitarbeiter haben kaum etwas zu tun», so Krebs.
Verena Rüegg schaffte den Absprung nach zwei Jahren. Sie ging zu einer Psychologin. In wenigen Sitzungen wurde ihr klar: Sie musste kündigen. Eine neue Stelle fand sie schnell – und heute, ein Jahr später, fühlt sie sich im richtigen Masse gefordert: «Ich weiss wieder, was ich kann.»
Tipps: Aktiv werden und das Gespräch suchen
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04. Oktober 2009 | Ines Vogel, Redaktion Gesundheitstipp
