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Artikel | Gesundheits-Tipp 10/2009

Riskantes Ersatzteil fürs Herz

Menschliche Herzklappen sind Mangelware. Deshalb weichen Chirurgen auf Produkte aus Rindervenen aus – obwohl sie für Erwachsene gar nicht zugelassen sind.

Seit Jahrzehnten leidet die 45-jährige Marianne Stäubli (Name geändert) unter Herzproblemen: Schon als Kleinkind musste sie sich zwei Operationen am Herzen unterziehen. Denn verschiedene Teile ihres Herzens sind fehlgebildet. Marianne Stäubli hatte unter anderem ein Loch in der Herzscheidewand und eine missgebildete Herzklappe. Die Operationen in der Kindheit konnten das Problem nicht endgültig lösen. Im Jahr 2003 war ein weiterer Eingriff nötig. Denn Marianne Stäubli fühlte sich nicht gut: «Ich litt unter Herzrhythmusstörungen und Atemnot», erinnert sie sich, «und ich war oft müde.» Ihr Hausarzt verwies sie ans Universitätsspital Zürich. Dort wurde Marianne Stäubli eingehend untersucht.

Der renommierte Chirurg René Prêtre operierte sie am 26. September 2003. Unter anderem schloss Prêtre das Loch in der Herzscheidewand, und er setzte der Patientin  eine neue Herzklappe für die Lungenarterie ein. Die neue Herzklappe, ein sogenannter Contegra-Graft, wird aus Rindervenen hergestellt. Doch Marianne Stäubli sagt, es gehe ihr heute nicht besser als vor der Operation: «Ich leide immer noch unter Müdigkeit und Atemnot.» Obwohl ihr der Arzt Erwin Oechslin, der sie untersucht hatte, versichert habe, es würde ihr nach dem Eingriff besser gehen. Doch die Patientin gerät nach wie vor ausser Atem, wenn sie nur die paar Hundert Meter vom Bahnhof zu ihrer Wohnung gehen muss.


Contegra-Hersteller: «Für Erwachsene nicht zugelassen»

Weil Marianne Stäubli mit dem Resultat der Operation nicht zufrieden war, suchte sie Rat bei verschiedenen ausländischen Herzspezialisten. Diese gaben ihr beunruhigende Auskünfte. Der Direktor einer deutschen Herzklinik schrieb ihr zum Beispiel: «Die Contegra-Herzklappe kommt ausschliesslich bei Kindern zum Einsatz. Für Erwachsene ist diese Prothese in keiner Weise zu empfehlen.» Ein anderer Chirurg, auch er ist in leitender Funktion an einer deutschen Herzklinik tätig, beschied ihr kurz und bündig: «Die Contegra-Klappe ist für Erwachsene nicht zugelassen.»

Tatsächlich: Auf der Homepage der deutschen Filiale der Firma Medtronic, der Herstellerin der Contegra-Grafts, steht klar, diese Klappe sei «nur für Patienten unter 18 Jahren zugelassen». Jetzt wirft Stäubli den Ärzten des Unispitals vor, sie hätten sie vor dem Eingriff zu wenig genau über die Herzklappe informiert. Chirurg René Prêtre räumt ein: «Aufgrund ihres relativ kleinen Durchmessers ist die Contegra-Herzklappe vor allem für Kinder geeignet.» Doch Herzklappen, die von menschlichen Spendern stammen, sind laut Prêtre «sehr schwierig zu bekommen».

Der Chirurg sieht deshalb kein Problem darin, statt einer menschlichen Herzklappe das Rinderprodukt zu verwenden. Er schreibt dem Gesundheitstipp: «Mehrere wissenschaftliche Studien zeigen, dass man den Contegra-Graft auch bei Erwachsenen erfolgreich einsetzen kann.» Das Unispital habe in den Jahren 2001 bis 2007 bei 19 erwachsenen Patienten solche Herzklappen aus Rindervenen eingesetzt. Schon vor Marianne Stäublis Operation sei der Contegra-Graft bei «mindestens zwei weiteren Schweizer Herzzentren sowie in anderen Ländern» bei Erwachsenen eingesetzt worden. René Prêtre schreibt weiter: «Wenn die Blutgefässe klein sind, kann ein Contegra-Graft für einen erwachsenen Patienten die beste Option sein.»

Auch das Universitätsspital weist Stäublis Vorwürfe zurück. Es schreibt in einer Stellungnahme: «Die Patientin war über den Eingriff ausführlich informiert.» Vier Monate nach der Operation habe eine Untersuchung gezeigt, dass der Contegra-Graft einwandfrei funktioniere. René Prêtre schreibt dem Gesundheitstipp, die Patientin sei zu einem späten Zeitpunkt ins Spital gekommen, als ihr Herz bereits geschädigt gewesen sei: «In diesem Stadium ist es nicht immer möglich, dass sich die Herzfunktion wieder komplett erholt.» Der untersuchende Arzt Erwin Oechslin sagt, er habe der Patientin keine vollständige Befreiung von allen Symptomen in Aussicht gestellt.


«Mit der menschlichen Ersatzklappe geht es mir gut»

Schlechte Erfahrungen mit dem Contegra-Graft machte auch Edith Bolliger (Name geändert). Seit ihrer Geburt litt Edith Bolliger an einer verengten Herzklappe. «Als ich 20 Jahre alt war, ging meine körperliche Leistungsfähigkeit zurück», berichtet sie. Deshalb erhielt sie im Berner Inselspital eine Contegra-Klappe. Medien berichteten damals über den Eingriff. Ihr Herzchirurg Thierry Carrel sagte, er schätze, dass die neue Herzklappe 15 bis 20 Jahre lang halten werde.

Doch Edith Bolliger vertrug die Rinder-Herzklappe nicht gut. «Ich konnte maximal zehn Meter geradeaus marschieren», erzählte sie Pressevertretern. Kurze Zeit später  wurde Edith Bolliger ein zweites Mal operiert. Doch bei der zweiten Operation erhielt sie keinen Contegra-Graft mehr, sondern eine menschliche Herzklappe. «Seither geht es mir hervorragend», berichtet die Patientin.

Fünf Jahre nach Edith Bolligers zweiter Operation veröffentlichte Thierry Carrel eine Studie zu Contegra-Herzklappen. In der Studie beschrieb er die Erfahrungen von 38 Patienten, die einen Contegra-Graft erhalten hatten. Laut der Studie ging es allen Patienten drei Monate nach der Operation gut. Doch später mussten fünf Contegra-Herzklappen ersetzt werden, weil sich Blutgefässe im Bereich der Operationsnaht verengt hatten. Deshalb schrieb Carrel als Fazit seiner Studie: «Wir können die routinemässige Verwendung des Contegra-Grafts nicht empfehlen.»

Heute drückt sich Thierry Carrel vorsichtiger aus. Der Chirurg schrieb dem Gesundheitstipp, der Contegra-Graft sei ein «sicheres Produkt, das verwendet werden kann, wenn keine menschlichen Spenderklappen zur Verfügung stehen». Dennoch verwendet das Inselspital Contegra-Grafts bei Erwachsenen «nur ausnahmsweise», so Carrel. Er arbeite lieber mit menschlichen Spenderklappen oder selbst konstruierten Implantaten.

Eric Gasser, Sprecher der Firma Medtronic, Herstellerin der Contegra-Grafts, sagt, Carrels Studie sei ihm bekannt. In anderen Studien habe der Contegra-Graft aber besser abgeschnitten. Diese Studien beziehen sich allerdings auf Kinder und Jugendliche. Gasser: «Uns liegen auch Berichte über den erfolgreichen Einsatz des Contegra-Grafts bei erwachsenen Patienten vor.» Der Medtronic-Sprecher sagt, zu den schlechten Erfahrungen von Edith Bolliger könne er nicht Stellung nehmen.


Tipps: Das müssen Sie bei einer Operation beachten

Vor der Operation

  • Der Chirurg muss Sie vor dem Eingriff über Diagnose, Risiken und mögliche Alternativen informieren.
  • Notieren Sie vor dem Informationsgespräch mit dem Arzt Ihre Fragen. Lassen Sie sich von einer Vertrauensperson zum Gespräch begleiten.
  • Verlangen Sie vom Arzt eine Kopie des Aufklärungsprotokolls.
  • Lassen Sie sich nur operieren, wenn Sie Vertrauen zu Ihrem Chirurgen haben.
  • Holen Sie bei einem anderen Arzt eine Zweitmeinung ein.
  • Nehmen Sie sich genug Zeit für die Entscheidung.


Nach der Operation

  • Sprechen Sie mit dem Arzt, falls Sie mit dem Operationsergebnis unzufrieden sind.
  • Lassen Sie sich beraten, falls der Arzt nicht auf Sie eingeht.


Beratungsstellen

  • SPO Patientenschutz, Tel. 0900 56 70 47 (Mo–Fr 9–16 Uhr, Fr. 2.13/Min.)
  • Dachverband Schweizerischer Patientenstellen, Tel. 0900 104 123 (Mo–Fr 9–11.30 Uhr, 13.30–16.30 Uhr, Fr. 2.20/Min.)


Buchtipp: «Die Rechte der Patienten»: Gesundheitstipp-Ratgeber, hier bestellen.

04. Oktober 2009 | Andreas Gossweiler, Redaktion Gesundheitstipp


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