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Artikel | saldo 15/2009

Buch-Tipps

Trotz Diät wollen die Kilos oft nicht purzeln. Der Arzt Gunter Frank zeigt, dass man auf den Abnehm-Stress verzichten kann.


Essen mit Lust statt Diäten mit Frust

In «Lizenz zum Essen» erklärt der Arzt und Ernährungsexperte Gunter Frank, dass populäre Konzepte wie der Body-Mass-Index oder Nährwerttabellen wissenschaftlich nicht haltbar sind. Je nach Veranlagung hat jeder Mensch einen individuellen Körperbau: Der eine ist hager, der andere molliger. Zwar lässt sich das Gewicht minim beeinflussen, doch kann man auf gesundem Weg seinen Grundtyp nicht wechseln, sagt Frank. Er lehnt daher die Vorstellung eines Idealgewichts sowie Essregeln ab: «Eine für alle geltende Ernährungsempfehlung ist so sinnvoll wie eine einzige ideale Schuhgrösse für die ganze Bevölkerung.»

Hagere Menschen nehmen laut Frank pro Tag meist mehr Kalorien zu sich als molligere, ohne dick zu werden. Die Gene der Vorfahren sorgen vor allem für Übergewicht und nicht das Essverhalten, behauptet Frank und verweist auf zahlreiche Studien. Entsprechend kritisiert er die Diskriminierung molliger Menschen durch Werbung oder Schule. Diäten sind laut Frank kontraproduktiv. Denn der damit verknüpfte Leistungsdruck und das schlechte Gewissen sorgen für Stress. Stress wiederum lässt oft das Bauchfett anwachsen. Wer hingegen das Essen geniesst und isst, was ihm schmeckt, verliere leicht ein paar Kilo.

Gunter Frank schreibt sehr verständlich und stellt viele Ernährungsgebote in Frage. So führt er aus, dass Vollwertkost nicht immer gesünder ist und man Gemüse durchaus weich kochen kann. So zerstört man zwar ein paar Vitamine, aber auch pflanzliche Giftstoffe. Sein Rat: Weniger Stress und mehr Spass beim Essen, denn: «Die Bedeutung der Ernährung für die Krankheitsbildung wird masslos überschätzt, die Bedeutung für unser Wohlbefinden aber unterschätzt.»

Gunter Frank: «Lizenz zum Essen», Piper, ca. Fr. 17.-


Den Kapitalismus zähmen

US-Milliardär Larry Ellison verdient 138’000 Dollar die Stunde. Mit solchen Einkommen verliere der Kapitalismus seine Glaubwürdigkeit, sagt Autor Peter Zudeick. Doch er ortet auch positive Zeichen: Profiteure des Systems, wie der Elektronikkonzern Canon oder der Energie-Multi Chevron, engagieren sich in Projekten gegen Hunger oder Klimawandel. Die Lösung für eine Wirtschaft mit mehr sozialem Ausgleich liegt für Zudeick in genossenschaftlichen Modellen wie der Mondragón Corporación Cooperativo im Baskenland: Jeder Arbeiter besitzt Anteile an der Firma und ein Mitbestimmungsrecht. Das Buch bietet einen spannenden, zuweilen aber ideologisch holzschnittartigen Überblick über Ansätze zur Weiterentwicklung unseres Wirtschaftssystems.

Peter Zudeick, «Tschüss, ihr da oben», Westend, ca. Fr. 30.-


Korruption verstehen


Helfen unsere Spenden wirklich den Bedürftigen oder fallen sie nur Kriminellen in der Dritten Welt in die Hände? Dieser Frage gehen Raymond Fisman und Edward Miguel nach. Sie versuchen die Gründe für Korruption zu verstehen und beleuchten teils überraschende Zusammenhänge. So widerspiegelt die Anzahl der Parkbussen von UN-Diplomaten in New York die Verbreitung von Korruption in ihren entsprechenden Heimatländern. Zwei Diplomaten aus dem Tschad brachten es auf 126 Bussen pro Jahr, die sie aufgrund ihres Status nicht bezahlten, zehn Schweizer Kollegen liessen es dagegen fast nie zu einer Parkbusse kommen. Fisman und Miguel schaffen es, sich einem komplexen Thema unterhaltsam zu nähern. Dabei verzichten sie  auf ultimative Antworten.

R. Fisman, E. Miguel, «Economic Gangsters», Campus, ca. Fr. 34.50


Vitamin C – ein Marketingerfolg

Als der Chemiker Tadeus Reichstein 1933 sein Patent zur künstlichen Herstellung von Vitamin C anbot, war der Pharmakonzern Roche skeptisch: «Erwachsenen dürfte genügend Vitamin C mit frischem Gemüse» zukommen, sagte der Forschungschef. Roche kaufte das Patent trotzdem und machte Vitamin C zum Blockbuster, schreibt der Historiker Beat Büchi. Der Erfolg beruht auf Marketing. Roche behauptete, Vitamin C steigere die Leistungsfähigkeit. Wissenschaftliche Belege hierfür fehlten, aber es war ein genialer PR-Trick, denn nun kamen Gesunde wie Kranke als Käufer in Frage. Büchis Studie zeigt am Beispiel der Urmutter aller Nahrungsergänzungsmittel eindrücklich, wie Konzerne Anwendungen für medizinisch nutzlose Produkte (er-)finden.

Beat Büchi, «Vitamin C für alle!», Chronos, ca. Fr. 38.-

22. September 2009 | Marc Mair-Noack, ja, gr, eb


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