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Viele Hersteller versuchen, umweltschädlichen Pro-dukten ein grünes Image zu geben. Ein neues Buch deckt die Lügen auf.
Grüne Propaganda, graue Realität
Konsumenten lieben umweltverträgliche Produkte. Doch viele Produkte sind nicht grün zu kriegen. Oder nur mit viel Aufwand. Was tun die Hersteller? Sie beauftragen Werbe-Experten, ihre Produkte grün aussehen zu lassen. Mehr als fünfzig solcher Beispiele von «Grünfärberei» führt der Journalist Toralf Staud vor. Viele stammen aus der deutschen Auto- und Stromindustrie, ähnliche Kampagnen finden sich auch in hiesigen Medien (saldo 13/2007).
Grünfärberei arbeitet dabei, so Staud, «nur selten mit offensichtlichen Lügen». Meist verdrehen oder lassen Hersteller Fakten weg. So gibt sich der Ölmulti BP umweltfreundlich, indem sein Logo ein grün-gelbes Blümchensymbol ziert und das Firmenkürzel offiziell «beyond petroleum» lautet: «über Erdöl hinaus». Laut Firmenbilanz machen Erdgas und Solarstrom jedoch unter 0,2 Prozent des Jahresumsatzes aus. Auch steckte BP 2008 nur 7 Prozent der Investitionen in alternative Energien.
Auch Sony präsentiert sich als «Klimaretter», stattet aber die TV-Geräte-Serien Bravia W 4000, E 4000 und W 4500 mit einem energieintensiven «digitalen Bilderrahmen» aus. Läuft kein Programm, flimmert ein Kunstwerk über den Schirm. In der Presseerklärung betont Sony, dass dieser Modus bis zu 10 Prozent weniger Strom verbrauche als der TV-Betrieb und somit helfe, «Energie zu sparen». «Stromsparen ist halt relativ», giftet Staud zurück. Denn der Bilderrahmen braucht immerhin noch 90 Prozent des TV-Verbrauchs und 1000-mal mehr als der Standby-Modus.
Die Lektüre dieses Buchs hat Folgen: Künftig schenkt man keiner «grünen» Werbung leichthin Glauben. Vielmehr sucht man nach den Tricks, mit denen die Hersteller einen hinters Licht zu führen versuchen.
Toralf Staud, «Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen», Kiepenheuer & Witsch, ca. Fr. 16.50
Verhalten beeinflusst die Gene
Epigenetiker versuchen herauszufinden, warum einzelne Gene bei einem Individuum zum Tragen kommen und andere nicht. In seinem Buch beleuchtet der Neurobiologe Peter Spork die neusten Erkenntnisse dieser Fachrichtung. Vieles würde darauf hinweisen, dass jeder Mensch mit seinem Verhalten Einfluss auf seine Gene und die seiner Nachkommen habe. So zeigten Versuche mit Ratten, dass Jungtiere, die viel von ihren Müttern geleckt wurden, später stressresistenter waren als andere. Diese Stressrenitenz vererbten sie an ihre Kinder. Die Einführung in den Stand der Forschung ist spannend. Doch dann leitet der Autor daraus altbekannte Tipps ab, wie jeder das Beste aus seinen Genen holen kann: Stress vermeiden, Verzicht auf Alkohol und Tabak, gesunde Ernährung.
Peter Spork, «Der zweite Code», Rowohlt, ca. Fr. 30.–
Warum Ideen in der Praxis scheitern
Elektroautos im Nahverkehr, Biotreibstoff für Limousinen und Hybridwagen für viel PS – das ist die Zukunft des Privatverkehrs gemäss Matthias Horx, dem in Wien lebenden Zukunftsforscher. Horx’ Buch ist ein grosses Lesevergnügen. Seine Stärke liegt paradoxerweise in der Analyse der Vergangenheit. Er erklärt plausibel, weshalb sich unzählige technologische Ideen in der Praxis nicht umsetzen liessen.
Zum Beispiel das «Interaktive TV», bei dem man mit einem Antwortkanal auf das Programm reagieren kann. Technisch ist das laut Horx längst machbar: «Aber haben wir Lust, dauernd zu voten, uns per Kamera oder Wortmeldung in laufende Sendungen einzuschalten?» Horx’ Antwort: Niemals, denn der Mensch akzeptiert Neues nur, wenn es seinen Bedürfnissen entspricht.
Matthias Horx, «Technolution», Campus, ca. Fr. 44.–
Verrückte Wissenschaft
Unter Detailhändlern gilt es als unumstössliche Tatsache, dass sich ein Produkt zum Preis von Fr. 11.95 statt 12 Franken besser verkauft. Doch stimmt das wirklich? Ein Marketingexperte testete die Wirkung solcher Preise und fand heraus: Sie haben keinen Einfluss auf das Kaufverhalten. Versuche wie diese hat NZZ-Folio-Redaktor Reto U. Schneider in seinem zweiten Band der verrückten Experimente gesammelt. Und verrückt sind sie allemal: Ein rumänischer Mediziner testete im Selbstversuch, wie sich Erhängen anfühlt (er überlebte). Ein Psychologe gähnte Hunde an, um zu sehen, ob sie sich davon anstecken lassen (sie gähnten ebenfalls). Schneider gelingt mit seiner Sammlung erneut ein amüsanter Blick auf die skurrile Seite der Wissenschaft.
Reto U. Schneider, «Das neue Buch der verrückten Experimente», C. Bertelsmann, ca. Fr. 35.–
07. September 2009 | Eric Breitinger, ask, hü, mmn
