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Artikel | saldo 11/2009

MP3-Player: Verkaufsgeschäfte verschweigen die Gefahr von Hörschäden

Wer mit dem MP3-Player laut Musik hört, schädigt das Gehör – bis zur Taubheit. Dennoch geben Verkäufer den Kunden sogar Tipps, wie sie möglichst laut hören können. Das zeigt eine saldo-Stichprobe.

Sie werden immer kleiner, vielseitiger – und lauter: MP3-Player sind ständige Begleiter vieler Schweizer, sei es beim Joggen im Wald oder beim Reisen im Zug. Doch die Dauerbeschallung ist Gift für das Gehör. Der anhaltende Lärm kann zu massiven Schädigungen führen.

In der Schweiz gilt daher für alle MP3-Player ein Grenzwert von 100 Dezibel (dB) Lautstärke. Doch diese Limite wiegt den Hörer in falscher Sicherheit. Wer mehr als eine Stunde pro Woche Musik mit 100 dB Lautstärke hört, hört bald gar nichts mehr. Eine aktuelle EU-Studie zeigt: Selbst 89 dB sollte man seinen Ohren höchstens fünf Stunden wöchentlich zumuten. Ansonsten besteht nach fünf Jahren die Gefahr, das Gehör dauerhaft zu verlieren. 5 bis 10 Prozent der Nutzer überlasten laut Studie so ihre Ohren.

Dennoch verlangen vor allem Jugendliche im Detailhandel laute Abspielgeräte. saldo wollte wissen, ob die Verkäufer von MP3-Playern die Kunden auf die Gefahren beim lauten Musikhören aufmerksam machen. Dazu ging ein Testkäufer in Filialen von Media Markt, Fust, Interdiscount, Manor und M-Electronics in fünf Städten und verlangte ein «möglichst lautes Gerät mit gutem Sound».


Verkäufer verloren kein Wort über die Risiken

Das Ergebnis: 9 von 10 Verkäufer halfen dem Kunden, einen besonders lauten MP3-Player zu finden. Die Angestellten verloren dabei kein Wort über das gesundheitliche Risiko hoher Lautstärke. Sie gaben oftmals sogar Tipps, wie man noch lauter hören kann. Zum Beispiel wie sich Geräte dank Spezialsoftware austricksen lassen: Der Verkäufer im Media Markt Zürich Sihlcity zeigte zwei Modelle, deren Lautstärkebegrenzung sich ausschalten lässt. Auch im Interdiscount in Zug gab der Händler den Ratschlag, beim iPod die Lautstärkenlimite durch Software zu entfernen.


Spezialohrhörer können Schall versechsfachen

Ein häufig genannter Tipp war, bessere Ohrhörer zu verwenden. Teure Extra-Kopfhörer können das Signal des MP3-Players deutlich verstärken, wie ein Test der Suva zeigt: Ist Musik auf Original-Ohrhörern 99 dB laut, erreicht man mit Spezialohrhörern 107 dB. Eine Zunahme von 8 dB bedeutet: Die Schallintensität, die auf das Ohr wirkt, versechsfacht sich. Eine derartige Lautstärke sollte man dem Ohr nicht länger als 15 Minuten pro Woche zumuten. Solche Kopfhörer empfahlen die Verkäufer im Media Markt Zürich, bei Fust und Interdiscount in Zug, im Interdiscount in Luzern und bei Fust und M-Electronics in Bern.

Viele Händler rieten zudem zu Geräten, die angeblich keine Lautstärkebegrenzung haben. Richtig ist: Jeder MP3-Player in der Schweiz muss die EU-Norm von 100 dB erfüllen. Einige Verkäufer wussten nichts von dieser Begrenzung. So meinte etwa der Händler von Fust in Bern, eine solche Begrenzung sei längst aufgehoben.

Wenn Verkäufer die im Gerät eingebaute Lautstärkebegrenzung von 100 dB erwähnten, fragte der saldo-Testkäufer nach, ob damit das laute Musikhören nicht mehr gesundheitsschädlich sei – und wurde von fast allen Beratern beruhigt: «Mit dieser Begrenzung kommt es nicht zu Hörschäden», sagte der Verkäufer im M-Electronics in Bern. Ebenso falsch beriet man auch bei Interdiscount in Zug: Das Ohr werde nicht geschädigt. Im Manor Luzern kam der Kunde zu einem weiteren Tipp, den Grenzwert zu umgehen: Der Dezibelwert hängt stark davon ab, wie laut das Musikstück aufgenommen wurde. Wenn man das MP3-Stück entsprechend abspeichert, tönt es lauter aus dem Ohrhörer. «Den Begrenzer habe ich selber schon so umgangen», sagte der Manor-Angestellte. Seine einzigen Bedenken waren, dass die Soundqualität darunter leide.


Nur im Manor Zürich wurden Risiken erwähnt

Löbliche Ausnahme in der saldo-Stichprobe war der Verkäufer im Manor Zürich. Als einziger machte er den Kunden darauf aufmerksam, dass das Gehör stark geschädigt werden kann, wenn man mit voller Lautstärke Musik hört.


Geschäfte appellieren an Eigenverantwortung

Die Geschäfte reagierten unterschiedlich, als saldo sie mit dem Resultat der Stichprobe konfrontierte: Bei Media Markt machte man auf die Hinweise in den Gebrauchsanweisungen der MP3-Player aufmerksam: «Die Geräte sind bei vernünftigem Gebrauch nicht gesundheitsschädigend», sagt Sprecherin Manuela Tröndle. «Die Verantwortung bleibt beim Benutzer.»

Auch bei der Migros pochte man auf die Reife der Kunden: «Wenn jemand ausdrücklich nach einem lauten Gerät verlangt, so erachten wir es als Teil der Selbstverantwortung, dass er weiss, worauf er sich einlässt.» Immerhin will die Migros die Verkäufer in Zukunft zum Thema Gehörschäden besser instruieren. Auch bei Manor, Fust und Interdiscount soll das Thema in den nächsten Schulungen aufs Tapet kommen.

Das Ergebnis der saldo-Stichprobe erstaunt den Akustikexperten Beat Hohmann von der Suva nicht. Der Leiter des Bereichs Physik fordert Geräte, die auf dem Display über zu hohe Lautstärke informieren und die Leistung der Ohrhörer einberechnen. Eine Senkung des Grenzwertes hält Hohmann dagegen für eine schlechte Lösung. Er ist zuversichtlich, dass Player mit besseren Anzeigen in Zukunft erhältlich sind: «Der Druck aus der EU auf die Hersteller nimmt zu, solche Geräte auf den Markt zu bringen.»


Tonproduzenten mischen heute viel lauter ab

Gegenwärtig setzt man die Euro-Norm bei MP3-Playern mit einem standardisierten Testgeräusch fest, das den Grenzwert von 100 dB ermittelt. Doch aktuelle Musikstücke sind deutlich lauter als dieses Geräusch. Wie eine Suva-Studie zeigt, mischen Tonproduzenten heutige CD-Musik lauter ab als vor 25 Jahren, weil die Industrie hofft, dass sich die Musik so besser verkauft. So betrug der Dauerschallpegel der CD «Brothers in Arms» von Dire Straits 1985 noch 88 dB. Als sie 2005 neu herauskam, war sie auf 99 dB abgemischt. Die CD «Schrei» der Teenie-Band Tokio Hotel kam 2005 mit einem Dauerschallpegel von 105 dB heraus – fast so laut wie eine Motorkettensäge. Bei derart intensiver Musik ist der Grenzwert der MP3-Player schnell überschritten.

Daher rät saldo: Prüfen Sie, ob sich am Gerät manuell eine maximale, noch angenehme Lautstärke einstellen lässt. Hören Sie möglichst nie mit einer Lautstärke von 100 dB, und benutzen Sie den MP3-Player nicht über längere Zeit. Die maximale Lautstärke ist auch abhängig vom Musikstil: Aktuelle Musik kann man laut Suva nur 1 Stunde wöchentlich in maximaler Lautstärke hören. Bei klassischer Musik liegt die Grenze bei 16 Stunden. Der Grund: Klassische Aufnahmen sind aus Qualitätsgründen nicht wie Popmusik lauter abgemischt. Ausserdem dauern die lauten Stellen nur kurz. Während der leisen Passagen kann sich das Ohr erholen.


Was ist wie laut?

Der Geräuschpegel wird in Dezibel (dB) gemessen. Bei einer Zunahme um 10 dB empfinden wir das Geräusch als doppelt so laut. Die Schallintensität, die das Ohr belastet, steigt jedoch bei 10 dB sogar um das Zehnfache. 0 dB können gesunde Ohren gerade noch hören, die Schmerzgrenze liegt bei ungefähr 125 dB.

06. Juni 2009 | Marc Mair-Noack, Redaktion saldo


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