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Christian Griot, 52, Virologe und Leiter des Instituts für Viruskrankheiten in Mittelhäusern BE
Zurzeit bin ich mit dem Projekt Constanze beschäftigt. Wir erforschen die Vogelgrippe am Bodensee. Dabei möchten wir verstehen lernen, wie genau sich die Vogelgrippe unter den Tieren ausbreitet. Deutschland und Österreich machen mit, denn Viren kennen keine Grenzen. Das macht sie so bedrohlich. Grassiert irgendwo eine Seuche, kann sie sich über den Waren-, Tier- oder Personenverkehr leicht verbreiten. Tierseuchen schüren bei vielen Menschen Angst vor einer Epidemie oder gar Pandemie. Aber Grund zur Panik besteht meiner Meinung nach bei uns nicht. Denn die Natur setzt sich bis zu einem gewissen Grad selber Grenzen, und der Supergau, den man sich auf dem Papier ausmalen kann, muss nicht zwingend eintreten. Längst nicht jedes Virus springt von einer Art zur anderen.
Wie sehr man sich einem Ansteckungsrisiko aussetzen will, ist eine persönliche Frage. Ich würde beispielsweise trotz Vogelgrippe nach China reisen, während andere ein solches Reiseziel meiden. Aber man muss wissen, dass Tierseuchen weltweit nicht unter Kontrolle sind. Die Vogelgrippe ist nicht verschwunden, nur weil sie in den Medien zurzeit kein Thema ist. Deshalb ist es entscheidend, eine Infektion mit Seuchenpotenzial möglichst früh zu erkennen. Liegt der Verdacht auf eine Erkrankung vor, klärt der Amtstierarzt ab, ob es sich um eine Seuche handelt, und leitet die Proben an unser Institut weiter. Wir führen die Diagnose durch und untersuchen die Entstehung neuer Krankheiten sowie die allfällige Übertragung auf Menschen. Und wir erforschen verbesserte Impfstoffe für Tiere. Ich selbst bin eher selten im Labor, denn als Institutsleiter besteht ein Grossteil meines Arbeitstags aus Management-Aufgaben wie Vorträge halten oder Öffentlichkeitsarbeit leisten.
Die Angst, dass gefährliche Viren entweichen, war zu Beginn unseres Institutbetriebes wegen des Sicherheitslabors recht gross. Unsere Sicherheitsvorschriften sind jedoch ausgesprochen streng und nicht zu vergleichen mit den Verhältnissen, die teilweise im Ausland herrschen. Und schon gar nicht mit dem, was Sciencefiction-Filme zeigen. So müssen wir die Kleider vollständig wechseln, wenn wir ein Labor betreten. Und beim Rausgehen unterziehen wir uns einem ausführlichen Duschprozedere. Ich habe keine Angst davor, mich selbst einmal mit einer Seuche anzustecken, weil wir mit heiklen Substanzen sehr sorgfältig umgehen und uns mit Spezialkleidern schützen.
Ich habe Veterinärmedizin studiert und wollte Tierarzt werden. Schnell habe ich aber eingesehen, dass es für mich Spannenderes gibt als Papageien mit Kopfschmerzen. Viren zum Beispiel. Darum ist es für mich und mein rund 80-köpfiges Team jedes Mal eine Herausforderung, wenn sich ein Seuchenerreger der Schweiz nähert. Wir wollen mit unserem Wissen dazu beitragen, dass es zu keiner Epidemie oder Pandemie kommt, wie das bei der Vogelgrippe hätte passieren können.
Wir müssen jedesmal schnell handeln. Ein Virus nimmt keine Rücksicht auf Wochenenden oder Ferienabwesenheit. Ich erinnere mich etwa an den Herbst 2005, als Rumänien und die Türkei die ersten Fälle von Vogelgrippe meldeten. Im Labor herrschte Alarmstufe 1, und ich konnte nicht mehr abwesend sein. So mussten meine Frau und die beiden Buben allein in die Ferien fahren.
06. Juni 2009 | Marianne Siegenthaler
