|
(0) |
Die «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens glänzt mit hohen Einschaltquoten, sorgt aber für mehr Verwirrung als Information.
Gesundheitsminister Pascal Couchepin gibt vor laufender Kamera seinen Lieblingssatz zum Besten: «Man bezahlt, was man konsumiert.» Mit diesem Slogan erklärte er vor zwei Wochen in einem «Tagesschau»-Interview höhere Krankenkassenprämien. Der Reporter des Schweizer Fernsehens (SF) wagte kein Wort der Widerrede. Offensichtlich gilt für den Mann mit dem Mikrofon: Was der Bundesrat sagt, muss stimmen.
Ein typischer Fall für die mangelnde Kritikfreude der Schweizer «Tagesschau». In sämtlichen Krankenversicherungsbeiträgen während einer zufällig ausgewählten Woche setzte die Nachrichtensendung auf Verlautbarungen von Behörden oder Magistraten. Einzig SF-Bundeshausredaktor Hanspeter Trütsch wagt in einem Kommentar Kritik an den Prämienerhöhungen, bleibt aber vage: «Die Politik hat vollkommen versagt», konstatiert er. Wer genau versagt hat, entzieht sich dem Publikum.
Hoher Marktanteil: Einschaltquoten liegen bei 55 Prozent
Die «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens ist mit zahlreichen innenpolitischen Themen überfordert, inhaltlich wie formal. So berichtete sie in der letzten Mai-Woche über finanzielle Nachforderungen der Netzgesellschaft Swissgrid an die Schweizer Elektrizitätswerke. Auch wer den Beitrag nach der Sendung noch zwei, drei Mal im Internet schaute, konnte bis zum Schluss nicht verstehen, warum genau Swissgrid 200 Millionen Franken mehr Einnahmen fordert. Und, wichtiger, ob die Stromkonsumenten demnächst dafür bezahlen müssen.
Die «Tagesschau» um 19.30 Uhr gehört mit mehr als 55 Prozent Marktanteil zu den meistgesehenen Sendungen des Schweizer Fernsehens. Das heisst, mehr als jeder zweite Zuschauer vor dem Bildschirm schaut die Nachrichtensendung. Ob er sie versteht, ist ungewiss. Denn die «Tagesschau» ist schnell und oftmals unverständlich:
Schnell etwa in einem weiteren Beitrag über die Krankenkassenprämien. Da zeigt eine kurz eingeblendete Karte (45 Sekunden), dass die Prämienzahler im Kanton Bern mit einer grösseren Erhöhung rechnen müssen als im Kanton Zürich. Aber der Grund dafür erschliesst sich dem verwunderten Berner nicht; dafür ist der Beitrag zu kurz. Im Schnitt dauern die einzelnen Beiträge der Sendung 1,5 Minuten.
Und sie sind unverständlich. Ein Bericht über die Hochschulpolitik etwa ist derart verwirrend, dass man besser darauf verzichtet hätte. Bundesrätin Doris Leuthard spricht in einem kurzen Interview über die «vermehrte Koordination im Hochschulwesen» und sagt voraus: «Kann sein, dass man strategische Schwerpunkte festlegt.» Was hat denn der Zuschauer von dieser Politikersprache? Gar nichts.
Komplexe Nachrichten stiften mehr Verwirrung als Aufklärung
Die SF-«Tagesschau» ist im Vergleich zur Ausgabe der ARD nicht schlechter. Sie leidet nur an denselben Fehlern wie die meisten Nachrichtensendungen auf öffentlich-rechtlichen Kanälen. Die Fernsehleute versuchen, komplexe politische Sachverhalte in knapper Form abzuhandeln – und sorgen oftmals für Verwirrung statt Information.
Einfachere Themen in der Testwoche meisterte die «Tagesschau» dank der Kraft der Bilder bravourös. So dokumentierte eine Reportage vom Zürcher Türlersee eindrücklich den Schreck der Campingfreunde, als ein grosser Brand ausbrach. Oder die Sendung zeigte die Wut französischer Arbeitnehmer über die wirtschaftsliberale Politik von Präsident Nicolas Sarkozy. Eine kurze Reportage zwar, die ein Printmedium aber nur mit grossem Aufwand hätte leisten können.
Aber warum nur versucht die «Tagesschau» einen Entscheid des deutschen Bundesgerichtshofes im Landstreit zwischen Deutschen und Schweizern in einer Kurzmeldung von knapp 30 Sekunden abzuhandeln? In dieser Zeit muss der Nachrichtensprecher dem Zuschauer einen jahrelangen Zwist in der Region Schaffhausen erklären, bei dem es um komplizierte Sachverhalte wie Wettbewerbsvorteil und landwirtschaftliche Zollfragen geht.
Zudem bleibt dem Zuschauer verschlossen, was die Bilder zeigen: Fahren da deutsche oder Schweizer Bauern umher – und wo sind die eigentlich? Fairerweise signalisiert die Sendung allerdings, dass das Bildmaterial aus dem Archiv stammt. Die unbekannten Bauern sind also nicht mehr ganz taufrisch.
Entlassungen: Betroffene kommen nicht zu Wort
Mitunter staunt der Zuschauer über die von den Fernsehmachern gewählte Perspektive, etwa in einem Bericht über den Stellenabbau bei Georg Fischer in Schaffhausen. Die «Tagesschau» berichtet ausführlich über anstehende Entlassungen. Sie zeigt Beschäftigte bei ihrer Arbeit und lässt das Management seine Sicht der Dinge in aller Breite erklären. Zum Schluss kommt zwar kurz ein Gewerkschaftsfunktionär zu Wort, der milde Kritik an den Entlassungen anbringt. Aber von den direkt Betroffenen, nämlich den Angestellten, ist nichts zu hören. Über diese Leute wird zwar viel gesprochen, aber zu sagen haben sie in dieser Sendung nichts.
Zuschauer sind mit den vielen Themen überfordert
Laut dem Zürcher Medienwissenschafter Heinz Bonfadelli bleiben lediglich zwischen 25 und 30 Prozent der «Tagesschau»-Inhalte beim Zuschauer haften. Die Gründe dafür sind laut Bonfadelli:
Zuschauern, denen abstrakte Begriffe geläufig sind, haben es einfacher. Die Verständlichkeit der «Tagesschau» hängt zum Teil vom Vorwissen jedes Einzelnen ab: Man frage sich im Selbsttest nach einer Sendung einmal, an wie viele der rund 18 Themen in einer Sendung man sich erinnert. Das Ergebnis ist auch bei gut informierten Zuschauern fast immer ernüchternd. Warum findet die «Tagesschau» beim Publikum dennoch so hohen Anklang, auch wenn vieles unverständlich ist? Für Medienforscher Bonfadelli ist die Sendung ein allabendliches Ritual, das Ablenkung vom Alltag bietet und damit als unterhaltend wahrgenommen wird. Oder mit den Worten des legendären RTL-Chefs Helmut Thoma: «Man kann den Leuten um diese Zeit eine Kerze hinstellen, sie schauens trotzdem.»
Kein Platz für vertiefende Erklärungen
Der Fernsehjournalist Thomas Schäppi ist seit einem halben Jahr neuer «Tagesschau»-Chef beim Schweizer Fernsehen. Er kennt die Kritik an seiner Sendung und sagt dazu: « Wir sind für eine erste allgemein verständlich aufbereitete Information zuständig.» Und: «Wir gehen davon aus, dass unsere Zuschauer ein Vorwissen mitbringen.» Die «Tagesschau» könne nicht jeden einzelnen Sachverhalt von Grund auf erklären. «10 vor 10» und vor allem TV-Magazine wie «Eco», «Kassensturz» oder die «Rundschau» sorgten für die vertiefende Berichterstattung. Und was sagt Schäppi zum kritiklosen Abfragen der Magistraten? «Wir könnten manchmal tatsächlich kritischer sein.»
06. Juni 2009 | Rolf Hürzeler, Redaktionsleiter saldo
