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Karl Köster, 42, hat starkes Übergewicht
Was gibt es Schöneres, als Freunde zu bekochen und dann gemütlich miteinander zu essen! Ich mag deftige Gerichte mit Sauce, Desserts und Rahm. Wenn ich mit meinen Freunden zusammensitze, nehme ich mir gern eine zweite Portion. Dazu trinke ich einen guten Wein oder zwei, drei grosse Hefeweizen-Biere. Ich geniesse das Essen und die Stimmung. Dabei fühle ich mich glücklich. Auf so etwas Schönes verzichten? Dazu ist das Leben zu kurz!
Ich weiss, dass ich zu dick bin. Ich bin 1,88 Meter gross und wiege 148 Kilo. Damit habe ich einen Body-Mass-Index von 42. Ich bin mit acht Geschwistern aufgewachsen. Da wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Als 25-Jähriger wog ich 95 Kilo. Ich spielte gerne Fussball – bis beim Kicken ein Band im Knie riss. Ich musste lange mit dem Sport aussetzen, der mir viel bedeutet hatte. Damals begann ich mehr zu essen und nahm immer mehr zu.
Wegen des Knies darf ich nicht mehr Fussball spielen. Aber ich bewege mich sehr gern. Ich fahre mit dem Velo zur Arbeit und gehe regelmässig ins Fitnessstudio. An Wochenenden wandere ich oft mit meiner Freundin in den Bergen. Allerdings bin ich meist schon nach zwei Stunden erschöpft, das ärgert mich. Und wenn ich Lebensmittel zur Wohnung hochschleppe, schmerzen die Knie. Dann spüre ich: Ich sollte abnehmen.
Ich schwitze auch mehr als Schlanke. Darum achte ich sehr auf meine Körperpflege. Frustrierend finde ich, dass ich mich nicht nach Lust und Laune einkleiden kann. In meiner Kleidergrösse 64/66 ist die Auswahl beschränkt – und die Sachen sitzen schlecht. Trotzdem bin ich im Kopf nicht bereit abzunehmen. Deswegen nützen mir auch die angesammelten Diätbücher nichts. Ich habe diverse Kuren ausprobiert. Erst nahm ich ein wenig ab. Aber dann waren mir strenge Diätregeln zu kompliziert und das Essen war zu verlockend.
Ich mag es nicht, wenn Leute mich belehren wollen. Einmal war ich stark erkältet und ging zum Arzt. Doch er sagte mir: «Sie sind zu dick.» Das weiss ich selbst. Ich hatte den Eindruck, er wollte mir unbedingt Abspeck-Medikamente verkaufen. Dabei bin ich sonst gesund. Meine Blutwerte sind optimal. Die Menschen sollen mich so nehmen, wie ich bin. Ich versuche ja auch nicht, andere zu überzeugen, mehr zu essen.
Durch mein Körpergewicht falle ich auf. Es kommt sogar vor, dass Fremde mich beleidigen. Als ich mich an einem Fest durch die Menge schlängelte, sagte jemand «du dicke Sau» zu mir. Früher verletzten mich solche Kommentare. Inzwischen bin ich gelassener und versuche, Beleidigungen zu überhören. Einmal hat mich ein Mann am Strand allerdings so aufdringlich angestarrt, dass es mir zu bunt wurde. Ich ging zu ihm und sagte: «Legen Sie sich doch direkt neben mich! Dann können Sie mich genau mustern.» Das war ihm peinlich – und er hörte auf, mich anzustarren.
Meine Freundin ist auch mollig. Sie stört sich nicht an meinen Kilos. Überhaupt war es für mich nie ein Problem, Frauen kennenzulernen. Ich habe ein gutes Gefühl, wenn ich in den Spiegel schaue, und finde mich nicht hässlich. Ich denke, es kommt auf die Ausstrahlung an. Viele Menschen schätzen meine offene Art und dass ich mit beiden Beinen auf dem Boden stehe.
Übergewicht: Oft leidet auch die Seele
Fast jeder vierte Mensch in der Schweiz ist zu schwer. Diese Menschen haben einen Body-Mass-Index (BMI) von 25 und höher. Ab einem BMI von 30 gilt das Übergewicht als krankhaft. Das kann zu Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten sowie Verdauungs- und Gelenkbeschwerden führen. Oft leidet auch die Seele: Die Gesellschaft diskriminiert die Übergewichtigen. Manche Menschen werfen ihnen Charakterschwäche vor. Viele stark Übergewichtige ziehen sich deshalb zurück. Fachleute sagen, dass nicht nur kalorienreiches Essen und zu wenig Bewegung zu Übergewicht führen, sondern auch erbliche Faktoren und die Lebenssituation.
Infos und Hilfe
Schweizerische Adipositas-Stiftung SAPS, Kontakte zu Selbsthilfegruppen, www.saps.ch, Tel.: 044 251 54 13.
06. Juni 2009 | Fridy Schürch
