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Schamlippen verkleinern, die Vagina straffen und den G-Punkt aufspritzen – Schönheitschirurgen kennen keine Tabuzone mehr. Doch diese Eingriffe sind unter Fachleuten umstritten.
Tanja Gertsch (Name geändert) legte sich letztes Jahr unters Messer: Sie liess sich ihre inneren Schamlippen um einen Zentimeter kürzen. Grund: Sie fühlte sich «unschön da unten». Jetzt sei sie zufrieden, sagt die 30-Jährige. Sie geniere sich nun nicht mehr in der Sauna und in Umkleidekabinen. «Und überhaupt fühle ich mich wieder schöner.» So wie Tanja Gertsch geht es immer mehr Frauen. Es stört sie, wie ihr Intimbereich aussieht – und sie lassen ihn aus ästhetischen Gründen operieren. Zahlen belegen: Das Verkleinern der Schamlippen hat die drittgrösste Wachstumsrate aller Schönheitsoperationen.
Cynthia Wolfensberger, plastische Chirurgin in Zürich, sagt: «Viele Frauen finden ihre Schamlippen oft zu lang oder ungleich.» Klein und mädchenhaft sollen sie stattdessen werden. Auch Cynthia Wolfensberger bietet in ihrer Praxis die Operation an. Die Kosten: 4000 bis 6000 Franken. Doch jetzt melden sich Kritiker. Aglaja Stirn ist Ärztin und Leiterin des Bereiches Psychosomatik an der Universitätsklinik Frankfurt. Sie hat sich eingehend mit dieser neuen Art der Schönheitschirurgie befasst und sagt: «Bei dieser Operation schneiden die Chirurgen an einem sehr empfindlichen Bereich.» Das Risiko bestehe, dass operierte Frauen beim Sex weniger spüren. Franziska Wirz von der Frauenberatungsstelle Appella warnt gar: «Finger weg von diesem Eingriff.»
Oft bleiben unschöne oder schmerzhafte Narben
Die Operation birgt diverse Risiken: Nicht immer heilt die Wunde problemlos. Es bleiben unschöne oder gar schmerzhafte Narben. Zudem sind die Frauen mit dem Resultat häufig unzufrieden. In Internetforen berichten Frauen von Schamlippen, die nicht mehr gleich lang sind. Medizinische Gründe für die Operation gibt es kaum. Es gibt zwar Frauen, die wegen vergrösserter Schamlippen beim Velofahren oder Sex Schmerzen haben. Doch das ist äusserst selten. Catherine Perrin, Sprecherin der Schweizerischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie, kritisiert: «Gewisse Chirurgen schaffen Bedürfnisse, die bis vor kurzem gar nicht vorhanden waren.»
Sensualmedics bietet ganze «Mutterschafts-Packages»
Dafür sorgt auch der Münchner Schönheitschirurg Stefan Gress. Seine Praxis Sensualmedics hat sich auf Intimoperationen bei Frauen spezialisiert. Etwa 2000 Intimkorrekturen hätten er und seine Ärzte schon gemacht. «Wir machen die Frauen glücklich», behauptet Sensualmedics-Sprecher Bernhard Lunkenheimer gegenüber dem Gesundheitstipp. Besonders gross sei die Nachfrage bei Schweizerinnen.
Neben Schamlippenverkleinerungen bietet Schönheitschirurg Gress zahlreiche weitere Intimoperationen an. Auf seiner Internetseite verspricht er künftigen Kundinnen: «Kleine operative Eingriffe können Ihnen den Weg in ein erfüllteres Leben eröffnen.» Dazu gehört auch das operative Verengen der Vagina. So sollen beispielsweise «die Folgen der Mutterschaft» behoben werden. Sensualmedics bietet für die frischgebackenen Mütter gleich ein «Mutterschafts-Package» an, damit die «ästhetischen Einschränkungen behandelt werden können» – zu haben ab 13 000 Franken. Es umfasst ein Straffen der Vagina und des Unterbauchs sowie das Modellieren des Schamhügels.
G-Punkt aufspritzen soll den Sex verbessern
Der Schönheitschirurg verspricht den Frauen auch besseren Sex dank Operationen: Mit Kollagen oder Eigenfett können sie sich in der Vagina ihren G-Punkt aufspritzen lassen. Im Internet preist Sensualmedics die Methode mit folgenden Sätzen an: «Das Volumen wird erweitert, so kann das zu einer Steigerung der sexuellen Erregbarkeit führen und die Orgasmusfähigkeit steigern.» Kostenpunkt: zwischen 2000 und 4000 Franken. Ob es den G-Punkt tatsächlich gibt, ist in der Fachwelt allerdings umstritten.
Schönheitschirurgin Cynthia Wolfensberger warnt zudem vor dem Risiko dieser Operation. In der Vagina habe es viele Bakterien. Nur um der Schönheit willen würde sie das Risiko einer Infektion nicht eingehen. Der Sensualmedics-Sprecher Bernhard Lunkenheimer hält daran fest, dass es den G-Punkt gibt – und der Eingriff «bei 70 Prozent der Frauen wirkt.» Experten sind schockiert über den Katalog von Sensualmedics. Stephan Hägeli von Acredis, dem Beratungszentrum für ästhetische Chirurgie in Zürich, sagt: «Solche Angebote sind unseriös.»
«Die sexuelle Lust wird durch die Operation nicht besser»
Hägelis Kritik gilt insbesondere dem «Mutterschafts-Package». Der Grund, so Hägeli: «Häufig ist das Resultat der Operation ästhetisch unbefriedigend.» Aber auch ein Aufspritzen des G-Punkts sei bedenklich. Franziska Wirz von der Frauenberatungsstelle Appella in Zürich kommt sogar zum Schluss: «Diese Ärzte machen Geld mit gesunden Frauen.» Laut der Ärztin Aglaja Stirn könne sich zwar eine Frau mit Minderwertigkeitsgefühlen nach einer Schönheitsoperation selbstbewusster fühlen. Doch sie warnt davor, sich Illusionen zu machen: «Weder die sexuelle Lust und Qualität noch die Partnerschaft werden durch die Operation besser.»
Illusionen spielen nicht nur bei Schönheitsoperationen im Intimbereich eine Rolle. Für Lilian Saemann, Frauenärztin der Gruppenpraxis Paradies in Binningen, ist es bei allen Schönheitsoperationen von zentraler Bedeutung, die tatsächlichen Gründe für den Eingriff herauszufinden. «Nicht selten spielen psychische Probleme eine wesentliche Rolle bei Schönheitsoperationen.» Diese sollen dann mit einem Schnitt gelöst werden – was aber nicht funktioniere.
«Ein falscher Eingriff ist selten wieder gutzumachen»
In der Schweiz haben sich im vergangenen Jahr 50’000 Menschen der Schönheit wegen unters Messer gelegt: Sie nahmen gesundheitliche Risiken in Kauf, um sich Brüste vergrössern, Augenlider korrigieren oder Hüftspeck absaugen zu lassen (siehe unten). Jeder Arzt darf solche Eingriffe anbieten, doch nicht jeder ist dafür ausgebildet. Der Rat aller Experten ist deshalb: Bevor man sich zu einer sogenannten Lifestyle-Operation entscheidet, soll man sich vorgängig gründlich darüber informieren und allfällige Risiken kennen. Aglaja Stirn: «Ein falscher Eingriff am Körper ist selten wieder gutzumachen – und kann einen Menschen ein Leben lang belasten.»
Tipps: Schönheitschirurg – so darf sich jeder Arzt nennen
Wer sich für eine Schönheitsoperation entscheidet, muss wissen: Der Eingriff verändert nicht nur das Aussehen, auch die Gesundheit steht auf dem Spiel.
Weitere Infos
06. Juni 2009 | Gabriela Braun, Redaktion Gesundheitstipp
