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Die mächtigen Ratingagenturen stehen in der Kritik. Sie werden mitverantwortlich gemacht für die Finanzkrise. Zudem wird ihre Unabhängigkeit bezweifelt. K-Geld sagt, wie Anleger die Ratings trotzdem nutzen können.
Massive Fehleinschätzungen der grossen Ratingagenturen gelten als eine der Ursachen der Finanzmarktkrise. Den Notengebern wird vor allem vorgeworfen, dass sie die Risiken strukturierter Kreditprodukte unterschätzt und zu spät mit Neubewertungen reagiert haben. So wurde die US-Investmentbank Lehman Brothers noch am 12. September 2008 mit einer A-Note beurteilt («gute Bonität, etwas höheres Risiko»). Drei Tage später war die Bank zahlungsunfähig.
Die Bewertungsfirmen waren zudem oft gleichzeitig Berater jener Banken, welche die Ratings in Auftrag gaben. Die Vermischung von Beratung und Prüfung der Kreditwürdigkeit ist denn auch der grösste Interessenkonflikt, dem sich die Ratingagenturen ausgesetzt sehen. Ein scharfer Kritiker der Ratingagenturen ist der pensionierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann. Für ihn ist klar: «Je mehr eine Bank zahlt, desto besser fällt das Rating aus.» Klaus Spremann, Direktor des Swiss Institute of Banking and Finance der Universität St. Gallen, sagt dazu: «Was gut täte, wären Regeln, wie Interessenkonflikte zwischen Ratingagentur und Auftraggeber besser bewältigt werden können.»
Das Europaparlament der EU verabschiedete im April als Reaktion auf die Missstände neue Regeln zur Überwachung der Ratingfirmen. Alle in Europa aktiven Notengeber sollen sich künftig bei den Finanzaufsichtsbehörden registrieren müssen. Zudem sollen sie ihre Bewertungsmethoden offenlegen und jährlich einen Transparenzbericht veröffentlichen. Hinzu kommen strenge Vorschriften zur Vermeidung von Interessenkonflikten. Bis diese neuen Regeln umgesetzt sind, werden aber noch viele Bewertungen nach alter Manier erstellt. Alternativen zu den mächtigen Agenturen fehlen.
Benotungen der Agenturen oft nicht sehr aktuell
Ein Rating ist eine Bewertung von Herausgebern von Wertpapieren (Emittenten) hinsichtlich ihrer Kreditwürdigkeit und Zahlungsfähigkeit (Bonität). Weltweit führende Ratingagenturen sind Standard & Poors, Moody’s und Fitch. Sie schätzen die Kreditwürdigkeit von Staaten, staatsnahen oder internationalen Organisationen und Unternehmen ein. Die Einstufungen basieren auf Analysen von Geschäftsberichten oder auf Gesprächen mit Unternehmensvertretern. Die Noten reichen in der Regel von «D» («sehr schlecht») bis «AAA» («sehr gut»). Anleger erhalten mit Hilfe der Ratings Anhaltspunkte, um abzuschätzen, wie riskant eine Investition ist. Die Bewertung sagt nichts über die Handelbarkeit eines Wertpapiers (Marktliquidität) aus und ist auch keine Anlageempfehlung. Die oft nicht sehr aktuellen Benotungen sollten nur als Ergänzung zu einer Eigenrecherche über einen Emittenten dienen.
Interessenten können nach einer Registrierung auf den Webseiten der Agenturen Moody’s oder Standard & Poors Ratings zum Nulltarif abrufen. Dieselben Noten sind meist auch auf den Webseiten der Emittenten zu finden. Die Einstufungen stehen zudem in den Fact- oder Termsheets der interessierenden Obligation oder des strukturierten Produkts.
Falls vorhanden, sollten neben externen auch bankeigene und interne Ratings in den Anlageentscheid einbezogen werden. Nur grosse Finanzinstitute wie die ZKB, Credit Suisse, Bank Vontobel oder UBS machen solche internen Ratings, leider aber nur von Schweizer Unternehmen.
Ratings können eigene Recherche nicht ersetzen
Aber auch interne Ratings sind mit Vorsicht zu geniessen: «Problematisch ist es, wenn zum Beispiel die Bank mit dem zu bewertenden Emittenten enge Geschäftsbeziehungen unterhält. Besonders heikel wird es, wenn Banken andere Banken benoten müssen», warnt Gion Reto Capaul von Visual Finance Capaul. Daher sollte nach Einbezug von Ratings eine Eigenrecherche erfolgen, die folgende Fragen beantwortet:
Ein Anleger kann sich auch im Internet schnell ein Bild über einen Emittenten machen – zum Beispiel bei der Schweizer Börse, mittels unabhängiger Analysten-Meinungen und Artikeln in Fachtiteln wie zum Beispiel «Finanz und Wirtschaft» oder «Handelszeitung».
Grundsätzlich gilt: Jede Recherche auf eigene Faust benötigt Zeit, Interesse und Fachwissen. Und auch die aktuellsten und vertrauenswürdigsten Informationen können Anleger leider nicht immer vor Verlusten bewahren, zumindest aber Risiken minimieren.
23. Mai 2009 | Bernhard Bircher, Redaktor K-Geld
