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Die Anhänger der Polyamory-Bewegung pflegen Liebesbeziehungen zu mehreren Partnern. Doch die Freude an der freien Liebe währt oft kurz.
Die 47-jährige Monika* liebt nicht nur einen Mann, sondern zwei: «Mit Peter* bin ich seit 14 Jahren zusammen, mit Eric* seit zweieinhalb Jahren.» Anfänglich sei es bei Eric nur um Sex gegangen. «Doch mit der Zeit haben wir uns tief ineinander verliebt.» Peter habe nichts dagegen – im Gegenteil: «Er freut sich darüber. Denn er weiss, dass meine Gefühle für ihn genauso intensiv sind. Eric nimmt ihm nichts weg.»
Dreiecksbeziehungen sind nichts Neues. Doch seit ein paar Jahren gibt es eine Bewegung, die ein neues Wort dafür erfunden hat: Polyamory. Die Anhänger der Polyamory-Bewegung stehen offen dazu, dass sie mehrere Partner gleichzeitig lieben und verbindliche Mehrfachbeziehungen leben wollen. «Ich finde die klassische Zweierbeziehung in ihrer Ausschliesslichkeit einengend», sagt Monika. «Polyamory erlaubt mir, mein Herz zu öffnen und mich zu entfalten. Wer glaubt denn ernsthaft, ein einziger Partner könne alle Bedürfnisse befriedigen?»
Der Schweizer Paartherapeut Markus Bärlocher, der in Stuttgart lebt und arbeitet, sagt: «In einer polyamoren Beziehung darf die Liebe frei fliessen. Niemand ist gezwungen, sich für eine Liebe und gegen eine andere Liebe zu entscheiden.» Das sei ehrlicher und besser, als wenn in einer klassischen Zweierbeziehung durch das Fremdgehen viel Leid geschehe: «Wenn man einen Seitensprung verheimlichen muss, verschwendet man viel Energie für das Lügen.»
Doch nicht alle Polyamoristen stehen offen zu ihren Nebenbeziehungen. Das zeigt die Erfahrung des 56-jährigen Mischa* aus Schaffhausen: «Meine Partnerin hat früher hinter meinem Rücken Beziehungen zu anderen Männern geführt.» Als er das merkte, habe dies zu einer Beziehungskrise geführt: «Ich litt unter Verlustangst und Minderwertigkeitsgefühlen.» Mischa will selber nicht polyamor leben: «Ich wünsche mir eigentlich eine exklusive Beziehung.» Dennoch verlangt er von seiner Partnerin nicht, ihre Nebenbeziehung aufzugeben: «Dann würde sie unglücklich und wäre nicht mehr sie selbst. Das möchte ich noch weniger. Deshalb versuche ich, meine Eifersucht unter Kontrolle zu halten.»
Dass es in Mehrfachbeziehungen oft zu Eifersucht kommt, stört Markus Bärlocher nicht: «Eifersucht gibt es in allen Beziehungen.» Es lohne sich, diesen Gefühlen auf den Grund zu gehen: «Meistens stehen Neid und Angst vor Einsamkeit dahinter.» Doch wer Angst vor dem Alleinsein hat, sei «als Persönlichkeit nicht voll entwickelt», sagt Bärlocher. «Und wenn man neidisch ist, fehlt einem etwas im eigenen Leben.» Dann solle man besser seine eigenen Bedürfnisse erfüllen, statt dem Partner die Erfüllung seiner Wünsche zu verbieten.
Die Churer Paartherapeutin Christina Casanova ist von Polyamory weniger begeistert: «Mehrfachbeziehungen sind verlockend. Sie können jedoch kurzlebig sein und eine bestehende Paarbeziehung vor unvorhersehbare Probleme stellen. Denn sie sind mit einem enormen Aufwand verbunden.» Alle Beteiligten müssten immer wieder von Neuem aushandeln, wer mit wem was teilen darf: «Darunter leidet oft der sexuelle Lustgewinn.»
Christina Casanova warnt: «Es stimmt nicht, dass Poly-Beziehungen alle Beteiligten glücklich machen.» Es könnten plagende Schuldgefühle auftreten: «Wenn sich ein Mann entscheidet, sich mit einer von zwei Frauen sexuell einzulassen, muss die zweite Frau dem Liebesspiel fernbleiben.» Deshalb bestehe die Gefahr, dass die romantischen Momente in endlosen Diskussionen über Schuld und Zurückweisung untergehen. Um das zu verhindern, brauche es eine intensive Kommunikation zwischen allen Beteiligten.
Casanova bezweifelt, dass es bei Polyamory nur um selbstlose Liebe geht. Oft stehe der Egoismus im Zentrum: «Es ist doch faszinierend, wenn man von zwei Partnern gleichzeitig begehrt wird.» Auch für Kinder seien Mehrfachbeziehungen belastend: «Kinder wissen in einer solchen Familie oft nicht, welche Erwachsenen für die Erziehung zuständig sind.» Christina Casanova gibt zu bedenken: «Man sollte sich einmal fragen, ob wirklich jede Fantasie ausgelebt werden muss.» Besser als Aussenbeziehungen und Seitensprünge sei es, die bestehende Paarbeziehung in Schwung zu bringen (siehe unten).
Die Churer Paartherapeutin empfiehlt: «Wenn sich in eine langjährige Beziehung Routine und Langeweile einschleichen, sollte das Paar zusammen etwas Ungewohntes unternehmen.» Zum Beispiel einen Camping-Wagen kaufen. Oder auf den Kilimanjaro steigen. Oder das Haus verkaufen. Was das Paar unternimmt, sei nebensächlich – es müsse aber ein Wagnis sein, etwas völlig Ungewohntes. «Wenn man die Umgebung ändert, dann verändert sich auch die Sexualität», weiss die Paartherapeutin. «Wenn eine Frau ihren Partner nicht immer nur in Pantoffeln sieht, sondern mit einer Landkarte in der Hand und mit schweissgebadeter Brust, findet sie ihn plötzlich viel attraktiver und erotischer.»
Tipps: So bleibt Ihre Beziehung in Schwung
* Namen geändert
09. Mai 2009 | Andreas Gossweiler, Redaktion Gesundheitstipp
