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Artikel | saldo 07/2009

Pensionskassen: Kleine sind beim Deckungsgrad ganz gross

Durch die Krise sind viele Pensionskassen Ende 2008 in Unterdeckung geraten. Nicht so die Kleinen: Sie hatten im Durchschnitt einen Deckungsgrad von über 100 Prozent.

Per Ende 2008 wiesen laut dem Schweizerischen Pensionskassenverband Asip 60 Prozent der Vorsorgeeinrichtungen eine Unterdeckung auf. Das Controlling-Unternehmen Complementa ist bei seinen Berechnungen auf 64 Prozent der Pensionskassen mit Unterdeckung gekommen. Etwas besser sind die vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) per Ende März erhobenen Zahlen: Die Berechnungen zeigen, dass sich noch 56,7 Prozent der Kassen in Unterdeckung befinden.


Grössere Kassen im Durchschnitt unter 100 Prozent

Die Complementa hat die Vorsorgeeinrichtungen auch nach Gesamtvermögen aufgeschlüsselt. Mit erstaunlichem Ergebnis: Die kleinen Kassen mit einem Gesamtvermögen bis 100 Millionen Franken hatten Ende 2008 einen Deckungsgrad von durchschnittlich 102 Prozent. Alle grösseren Kassengruppen hingegen lagen im Schnitt unter der Schwelle von 100 Prozent. Für Kassen mit über 1,5 Milliarden Franken Vermögen schätzt Complementa den Deckungsgrad auf 90,4 Prozent, für Einrichtungen mit Vermögen zwischen 0,8 und 1,5 Milliarden auf 88,9 Prozent.

Haben die kleinen Kassen ihr Geld weniger risikoreich angelegt als die grossen Sammeleinrichtungen? Complementa-Geschäftsführer Michael Brandenberger verneint. Seinen Schätzungen zufolge hätten die kleinen Kassen infolge der Finanzkrise ebenfalls erhebliche Verluste erlitten. Diese seien nur geringfügig tiefer ausgefallen als jene der grossen Vorsorgeeinrichtungen.

Interessant: «Punkto Verteilung auf die verschiedenen Anlageklassen wie Aktien, Immobilien oder Obligationen gibt es zwischen kleinen und grossen Vorsorgeeinrichtungen keine deutlichen Unterschiede», sagt Brandenberger. Bei der Rendite würden kleine und grosse auf die Dauer etwa gleich abschneiden. Laut Brandenberger haben die grossen Vorsorgeeinrichtungen in früheren Jahren jedoch mehr verteilt. Grosse Kassen stünden stärker unter Druck von Gewerkschaften und Politik. Deshalb hätten sie den aktiv Versicherten das einbezahlte Kapital höher verzinst.

Der Verwalter einer kleinen Personalfürsorgestiftung in Kreuzlingen TG widerspricht: «Unsere Einrichtung hat in den letzten Jahren jeweils 6 Prozent verteilt, das ist sicher mehr als die grossen.» Dennoch weist seine Kasse immer noch einen Deckungsgrad von 101 Prozent aus. Er erklärt sich den Erfolg der kleinen Kassen mit «kürzeren Wegen» und «mehr Flexibilität». Mit einem Deckungsgrad von genau 100 Prozent steht auch die Personalvorsorgestiftung des Getränkeherstellers Rivella verhältnismässig gut da. Tiefere Verwaltungskosten und eine etwas konservativere Anlagestrategie seien für dieses Resultat verantwortlich, meint Stiftungsrat Felix Schönle.

«Wir investieren nur, wenn wir das Anlageprodukt verstehen und wissen, was dahintersteht», sagt Annemarie Vogel, Geschäftsführerin der Personalvorsorgestiftung des Zürcher Schulthess-Verlags. Von Hedge-fonds und strukturierten Produkten lässt die kleine Kasse aus Zürich die Finger. Das zahlt sich aus: Ende 2008 betrug der Deckungsgrad immer noch 114 Prozent.

Einen Deckungsgrad von nur 87,5 Prozent weist hingegen die Sammelstiftung Vita auf, die grösste teilautonome Sammelstiftung der Schweiz. «Grosse Pensionskassen haben natürlich oft eine grössere Risikofähigkeit», erklärt Sprecherin Sonja Giardini. Das heisst: Die Grossen gehen höhere Risiken ein, um die Rendite zu optimieren.


Kassen haben einen Spielraum bei den Berechnungsgrundlagen

Die aktuelle Situation ist kein Grund zur Panik: Der Deckungsgrad ist ein theoretischer Wert. Er gibt an, bis zu welchem Grad eine Pensionskasse alle aktuellen und künftigen Verpflichtungen erfüllen könnte, wenn sie alle Versicherten an einem bestimmten Tag auszahlen müsste (siehe Kasten im pdf-Artikel). Zudem: Ein Deckungsgrad von 100 Prozent bedeutet nicht bei allen Kassen dasselbe. Bei der Festlegung dieser Grösse gehen sie von bestimmten Annahmen aus – von der Lebenserwartung der bei ihr versicherten Personen oder der Rendite des ihnen anvertrauten Kapitals. «Der Deckungsgrad allein sagt einiges aus über den Zustand einer Kasse, aber nicht alles», bestätigt der Basler Vorsorgespezialist Hans-Ulrich Stauffer.

Der Deckungsgrad kann unterschiedlich ausfallen – je nach der Berechnung der Rentenverpflichtungen. Wichtig ist der technische Zinssatz, den die Pensionskassen ihren Kalkulationen zugrunde legen. Dieser schwankt meist zwischen 3,5 und 4,5 Prozent. So erhalten die Pensionskassen einen gewissen Spielraum bei der Definition des Deckungsgrades. Stauffer schätzt diesen Spielraum auf 2 bis 3 Prozentpunkte nach oben oder unten. Je nach der Struktur einer Pensionskasse kann es aber auch mehr sein. Complementa-Geschäftsführer Michael Brandenberger: «Als Faustregel gilt: Bei einer reinen Rentnerkasse macht eine Differenz von 1 Prozent beim technischen Zinsfuss zirka 10 Prozent des Deckungsgrades aus.»


Deckungsgrad: Ein theoretischer Massstab

Der Deckungsgrad gibt Auskunft darüber, wie weit die Vorsorgeverpflichtungen einer Pensionskasse gedeckt sind. Ein Deckungsgrad von 110 Prozent beispielsweise bedeutet, dass das Vermögen der Kasse das Sparkapital der aktiven Beitragszahler sowie die künftigen Rentenverpflichtungen um 10 Prozent übersteigt. Ein Deckungsgrad unter 100 Prozent besagt, dass die Kasse nicht genügend Geld hat, um im gegenwärtigen Zeitpunkt für alle versprochenen Leistungen aufzukommen. Dieser Fall tritt praktisch nie ein, weil nicht alle Versicherten gleichzeitig den Arbeitgeber wechseln oder am selben Tag pensioniert werden – und das Kapital der Rente vorziehen.

13. April 2009 | Thomas Lattmann, Redaktion saldo


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