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Artikel | saldo 07/2009

SBB: «Wer mit der Karte zahlt, muss vor allem selber aufpassen»

Bancomaten manipulieren, PIN-Codes ausspähen oder Geldkarten stehlen: Hunderte von Bankkunden werden in der Schweiz jährlich Opfer von Gaunern. Doch für die Banken sind das nur Einzelfälle.

Die grösste Gefahr für Kartenzahler lauert zurzeit bei SBB-Billettautomaten. «Die Anzahl der Ausspäh-Vorfälle ist 2008 massiv angestiegen», sagt Eva Zwahlen, Sprecherin des Bundesamtes für Polizei (Fedpol). Zahlen nennt sie keine, auch die SBB nicht. Typisch ist ein aktueller Fall im Basler Bahnhof SBB: Unbekannte spähten eine Frau aus, die beim Ticketkauf den PIN-Code ihrer Bankkarte in den SBB-Billettautomaten eingab. Nachher besuchte sie die Sprüngli-Filiale, wo die Diebe ihr die Handtasche stahlen – Bankkarte inklusive. Am nächsten Geldautomaten bezogen die Täter mit der Karte und dank des ausgespähten PIN-Codes den Maximalbetrag.


Betrüger manipulieren Automaten mit raffinierten Tricks

Ein anderer aktueller Trick ist das Manipulieren von Bancomaten. In Basel simulierten unbekannte Täter vor kurzem einen Papierstau an einem Geldautomaten. Dazu hatten sie am Gerät eine Abdeckung angebracht, deren Innenseite sie mit Klebstoff beschmiert hatten. Als ein Kunde 1000 Franken beziehen wollte, blieben die Noten hängen, und die Gauner holten sie später heraus.

Kein Einzelfall: «Bei uns gibt es wöchentlich mehrere Fälle von Manipulationen an Geldautomaten», sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, Markus Melzl. Die Trickpalette ist breit: Bei der «Marseiller Schlinge» schieben die Betrüger einen Plastikstreifen in den Geldschlitz, um Bankkarten abzufangen. Oder sie montieren kleine Funkkameras an den Geldautomaten, um PIN-Codes auszuspähen. Eine Bande schleuste sich gar in einen Basler Baumarkt ein, um dort nachts eigene Lesegeräte in die PIN-Code-Leser einzubauen. Mit den Kundendaten fertigten die Verbrecher Geldkarten-Rohlinge an, um von Paris aus Schweizer Konten zu plündern.

Im Fachjargon heisst das illegale Kopieren der Daten von Kredit- oder Bankkarten «Skimming». Die Täter sind laut Experten meist herumreisende Gruppen aus Osteuropa. Die Kantonspolizei Thurgau  registrierte letztes Jahr sechs solcher Manipulationen, im Kanton Bern waren es 2007 zwei Fälle, in Neuenburg vor vier Jahren sechs. Nationale Zahlen gibt es nicht.


Portemonnaie-Diebe sorgen für die meisten illegalen Bezüge

Häufiger sind illegale Geldbezüge an Bancomaten durch Portemonnaie-Diebe. Im Kanton Bern zum Beispiel registrierte die Kantonspolizei im vergangenen Jahr 343 Fälle von «betrügerischen Bargeldbezügen an Datenverarbeitungsanlagen», die Kantonspolizei in Graubünden zählte 104 Fälle, im Thurgau waren es 78 und in Neuenburg 66. Auch hier fehlen nationale Zahlen. Viele Kantone wie Zürich oder der Aargau führen keine separaten Statistiken für Bancomatdelikte. Wie viele Bankkunden 2008 insgesamt Opfer von betrügerischen Handlungen wurden, lässt sich deshalb nur schätzen: Es waren auf jeden Fall mehrere hundert.


saldo-Umfrage: Die Banken sprechen von wenigen Fällen

Die Banken reden das reale Betrugsrisiko klein. «Es handelt sich nur um wenige Einzelfälle», sagt Credit-Suisse-Sprecher Georg Söntgerath in der saldo-Umfrage. «Wir waren bis heute nur wenig von Manipulationsfällen betroffen», beteuert auch Michael Buess von der Basler Kantonalbank. Die Zürcher Kantonalbank ZKB gibt ebenfalls an, dass ihre Bancomaten bisher nur sehr selten manipuliert worden seien. Und bei der Postfinance spricht man «von einigen Dutzenden missbräuchlicher Geldbezüge mit gestohlenen oder kopierten Karten» im letzten Jahr.

Viele Geldinstitute, etwa Raiffeisen, die UBS oder die Migros Bank, verweigerten mit dem Hinweis auf die Sicherheit jede Auskunft über Bancomatbetrügereien. Ob die Banken und die SBB zu wenig in die Sicherheit ihrer Automaten investieren, ist umstritten. Eine Sprecherin der ZKB betont, dass die Automaten ständig erneuert würden und technisch auf «einem sehr guten Stand» seien.

Bernhard Wenger von der SIX Group, die im Auftrag der Banken das Schweizer Geldautomaten-System betreibt, weist darauf hin, dass die Schweizer Banken aus Sicherheitsgründen seit kurzem alle neu ausgegebenen Maestro-Karten mit einem Chip und alle rund 6000 Bancomaten mit Chip-Lesern aufgerüstet haben. «Seitdem laufen in der Schweiz alle Transaktionen am Bancomaten über den Chip», so Wenger. Dies soll mehr Schutz vor Kopierattacken bieten. Bisher machten zumindest die SBB Betrügern das Ausspähen von PIN-Codes nicht allzu schwer. 970 ihrer Automaten haben, wie die Bundespolizei erwähnt, momentan «keine Sichtschutzvorrichtungen, wie sie an Geldautomaten angebracht sind».


Billettautomaten der SBB sollen bald besser geschützt werden

Die SBB rüsten aber nach: Bis Dezember dieses Jahres werden die Billettautomaten mit neuen, um einige Zentimeter versenkten Zahlenkartenlesegeräten ausgestattet. Damit sollen Kunden besser vor dem Ausspionieren des Codes geschützt werden. Zugleich will die Bahn ab Juni Kartenkunden auf dem Display mit der Meldung warnen: «Bitte PIN geschützt eingeben.» Für SBB-Sprecher Jean-Louis Scherz investieren die SBB damit genug: «Wer mit der Karte zahlt, muss vor allem selber besser aufpassen.»


Tipps: So schützen Sie sich vor Bancomat-Betrügern

  • Bewahren Sie den PIN-Code nie mit Bank-, Kunden-, Post- oder Kreditkarte auf. Geht die Karte oder der PIN-Code verloren, muss man die Karte bei der Bank umgehend sperren lassen.
  • Vor dem Bezug sollte man den Geldautomaten möglichst genau ansehen. Bemerkt man etwas Auffälliges, sollte man die Bank informieren.
  • Decken Sie beim Eintippen des Codes mit der freien Hand die Tastatur ab. Achten Sie vor dem Eintippen darauf, dass andere Personen genug Abstand halten.
  • Gehen Sie während einer Transaktion nie weg vom Geldautomaten. Bevor Sie sich jemandem zuwenden, unbedingt zuerst die Karte entnehmen. Trickbetrüger versuchen die Opfer abzulenken, damit sich ein Komplize die Karte schnappen kann.
  • Bleibt die Karte im Automaten stecken, sollte man sofort seine Bank anrufen und die Sperrung der Karte veranlassen. Normalerweise ist über dem Bancomaten eine Telefonnummer angegeben. Bei dringendem Verdacht auf Manipulationen am Gerät kann man auch die Polizei verständigen. Wichtig: Nicht vom Geldautomaten weggehen, bis die Karte gesperrt ist.
  • Falls Sie trotz allem Opfer eines Kartendiebstahls werden: Akzeptieren Sie keine Belastungen auf Ihrem Konto, die nicht von Ihnen stammen. Falls Ihnen die Bank mangelnde Sorgfalt vorwirft, muss sie das beweisen, auch wenn in den Geschäftsbedingungen das Gegenteil steht. Bisher ersetzten die Geldinstitute den Kunden die von Automatenbetrügern bezogenen Beträge.

13. April 2009


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