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Klaus Ehringfeld, Journalist in Mexiko
Genormte Kehrichtsäcke sind in Mexiko unbekannt. Der Abfall wird hier jeden Tag in x-beliebigen Plastiktüten direkt zum Müllwagen getragen, der laut bimmelnd durch die Strassen fährt. Plastiktüten gibt es in Mexiko zuhauf und überall: im Supermarkt, im Tante-Emma-Laden. In der Papeterie wird sogar der Kugelschreiber noch in eine Tüte gesteckt, die dann als Müllbeutel weiterverwendet wird. Wer keine Lust oder Zeit hat, den Abfall bei der Müllabfuhr abzugeben, stellt seine Tüten einfach abends vor die Tür: «vecino cochino» nennt meine mexikanische Freundin Jenny diese Landsleute, was man mit «schmutziger Nachbar» übersetzen kann.
Jenny wohnt ein paar Häuser von mir entfernt und ist auf die «vecinos cochinos» besonders schlecht zu sprechen. Denn genau vor ihrer Haustüre hat sich schon seit langem eine Art informeller Müllabladeplatz gebildet. Meist schon nachmittags liegen dort die ersten Abfalltüten, und bis Mitternacht wächst sich das Trottoir vor ihrem Haus zu einem oft über einen Meter hohen Berg aus Flaschen, Essensresten, Kartons und Verpackungen jeder Art aus. Auf dem Papier ist diese Art der anarchistischen urbanen Kleinstmüllkippe natürlich verboten.
Aber Papier ist in Mexiko geduldig. Ich habe noch von niemandem gehört, den das Gesetz mit der vollen Härte der 36 Stunden Haft getroffen hätte. Mehr noch: Die vielen Polizeistreifen, die nachts durch mein Viertel kurven, werfen ihre Cola-Dose selber hie und da aus dem fahrenden Auto auf einen Müllberg.
Nun will die Regierung in der Hauptstadt eine Idee durchsetzen, die angesichts dieser Mülltradition fast revolutionär daherkommt: Abfalltrennung. Die ist zwar schon seit sechs Jahren verpflichtend – aber ich habe noch niemanden gesehen, der seine Tüten abends nach organischem und anorganischem Müll, nach Verpackung und Papier getrennt vor die Türe stellt. Hinzu kommt, dass die Wagen der Müllabfuhr gar nicht die notwendigen getrennten Behälter haben.
Doch ab sofort will die Stadt Ernst machen, denn die Müllkippen sind überfüllt. 12’500 Tonnen Abfall produzieren die Millionen Menschen der Metropole jeden Tag. Experten haben ausgerechnet, dass man damit dreimal das riesige Aztekenstadion füllen könnte. Bis 2012 sollen vier moderne Abfallzentren entstehen, in denen insgesamt 85 Prozent des Mülls der Hauptstadt weiterverarbeitet werden können: 20 Prozent gehen ins Recycling, 20 Prozent sollen kompostiert und weitere 45 Prozent verbrannt und zur Energiegewinnung verwendet werden. Ein ehrgeiziges Projekt, wenn man bedenkt, dass bisher kaum 6 Prozent des Abfalls der Hauptstadt in irgendeiner Weise verarbeitet werden.
Sollte Bürgermeister Marcelo Ebrard sein Vorhaben gelingen, würde sich Mexiko, die Stadt der «vecinos cochinos», in die Recycling-Liga Europas einreihen. Hoffentlich machen die Einwohner mit.
29. März 2009
