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Artikel | K-Geld 02/2009

Was Banken «konservativ» nennen, ist schon ziemlich riskant

Banker sprechen von «konservativ», «ausgewogen» oder «wachstumsorientiert». Doch Normalmenschen verstehen darunter etwas völlig anderes.

Der Sparer aus Dübendorf ZH ist ein vorsichtiger Zeitgenosse. Nie im Leben wollte Heinz Hebeisen (Name geändert) spekulieren. Schon gar nicht mit Geld, das für seine Altersvorsorge gedacht war. Darum schloss er mit der ehemaligen Bank Leu einen Vermögensverwaltungsvertrag mit dem Anlageprofil «konservativ» ab. 2007 erneuerte Hebeisen den Vertrag mit der Nachfolgebank Clariden Leu.

Da kann nicht viel passieren, dachte er, schliesslich zeigt der Kurzbeschrieb ein Risiko von lediglich 5,1 Prozent im schlimmsten Jahr, die längste Verlustperiode wird mit 2,3 Jahren ausgewiesen. Dem stehen bei einem Anlagehorizont von mindestens fünf Jahren jährliche Renditechancen von 4 bis 6 Prozent gegenüber. Doch Hebeisen hat sich gründlich geirrt, wie sein Kontoauszug für das Jahr 2008 nun zeigt: Sein Leu Fund Star «konservativ» hat 2008 über 17,5 Prozent an Wert verloren – das Dreieinhalbfache dessen, was der Anleger schlimmstenfalls erwartet hätte.

Was Hebeisen nicht beachtet hat: Was als Strategie für Anleger angepriesen wurde, die auf «reale Erhaltung ihres Kapitals» mit «möglichst kleinen Vermögensschwankungen» setzen, enthält einen Aktienanteil von bis zu 35 Prozent. Und diesen Spielraum hat Clariden Leu mit einem aktuellen Aktienanteil von 31 Prozent auch weitgehend ausgeschöpft. «Eine garantierte Zielrendite gibt es nicht», schreibt Clariden Leu dazu. Auf diesen Umstand werde sowohl im Anlageprofil «konservativ» als auch in der allgemeinen Fund-Star-Broschüre hingewiesen.

«Für einen Anleger, der das Geld bald wieder braucht und nicht darauf verzichten kann, ist ein Aktienanteil von 25 Prozent überhaupt nicht ‹konservativ›», meint dagegen Professor Manuel Ammann, Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen der Universität St. Gallen. Diese Meinung vertritt auch sein Zürcher Kollege Thorsten Hens, Direktor des Bankeninstituts der Universität Zürich: «Eine Anlagestrategie mit einem Drittel Aktien muss bei einem Kleinanleger als risiko-reich bezeichnet werden.»

Hens ist auch nicht überrascht, dass Clariden Leu einen so hohen Aktienanteil noch unter «konservativ» laufen lässt: «Verschiedene Banken führen Anlagestrategien mit einem Viertel Aktien und mehr noch unter dem Begriff ‹konservativ›.» Mit der normalen Wahrnehmung hat dies jedoch wenig zu tun: Der Duden definiert «konservativ» als «vorsichtig, zurückhaltend».

Das müssten eigentlich auch die Finanzdienstleister wissen: «Wer konservativ anlegen will, sollte nicht über 10 Prozent in Aktien halten», meint beispielsweise Meret Wiedenkeller, Partnerin beim Zürcher Ver-mögensverwalter Helvetic Trust.

Wie missverständlich die Marketing-Begriffe der Banken sind, musste auch Albert Mayr (Name geändert) aus Hettlingen ZH erfahren: Die Zürcher Kantonalbank ZKB betreut sein «Vermögensverwaltungsmandat klassisch» in der Kategorie «ausgewogen». Was Mayr als ausgewogenes Verhältnis zwischen Chancen und Risiken interpretierte, ist in Tat und Wahrheit eine risikoreiche Anlagestrategie mit rund 50 Prozent Aktienanteil. Folge: Mayrs Vermögen schrumpfte im Crash-Jahr 2008 um 27 Prozent.

«Einkommensorientiert» heisst bei der Credit Suisse ein Anteil an Aktien und alternativen Anlagen (Rohstoffe, Hedge Funds, Derivate usw.) von über 40 Prozent. Vermögensverlust 2008 bei einer Kundin aus Hofstetten BE: 19 Prozent. Credit-Suisse-Kunde Ivo Ohlmüller (Name geändert) aus Zürich wird bei der CS als Kunde «ausgewogen» geführt. Verlust 2008: 25 Prozent.

«Da ich von Bankgeschäften überhaupt nichts verstehe, scheint mir das unwirklich», meint Rentner Ohlmüller verzweifelt und fragt: «Was habe ich falsch gemacht?» Eigentlich nichts, ausser dass er – wie viele andere auch – dem Marketing-Schwindel der Banken aufgesessen ist. Wer höhere Erträge wünscht, als das Sparkonto hergibt, geht Risiken ein. Vermeintlich «moderate» Anlageziele von 4 bis 6 Prozent jährlich bergen bereits ein grosses Verlustrisiko. Nicht nur im Katastrophenjahr 2008, sondern auch 2009 und in allen künftigen Jahren.


Anlagen: «Kapitalgeschützt» und «Absolute return»? Denkste!

Wenn es darum geht, ihren Kunden Sicherheit vorzugaukeln, sind die Banken erfinderisch.

  • Kapitalgeschützte Produkte: Sie werden von vielen Banken verkauft. Es handelt sich faktisch um Darlehen an den Herausgeber. Sie bringen unter Umständen keine Rendite, versprechen aber eine 100-prozentige Kapitalrückzahlung am Ende Laufzeit. Die Lehman-Pleite hat es drastisch vor Augen geführt: Geht der Herausgeber (Emittent) Pleite, ist das Geld verloren,  «Kapitalschutz» hin oder her.
  • Absolute Return oder Total Return: So nennt sich eine weit verbreitete Anlagestrategie der Banken, die unter diesem Titel auch in schlechten Börsenzeiten positive Erträge in Aussicht stellen. Laien könnten meinen, hier sei von absoluter Sicherheit die Rede. In der Realität haben Absolute-Return-Kunden – beispielsweise der UBS – 2008 über 25 Prozent ihres Vermögens eingebüsst.


Rolf Biland vom VZ Vermögenszentrum hält diese Bezeichnungen denn auch für «irreführend, weil sie den riskanten Charakter einer Anlagestrategie verschleiern».

29. März 2009 | Fredy Hämmerli


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