Artikel | K-Geld 02/2009
Wenn die Barriere zum Fallbeil wird
Barrier Reverse Convertibles sind riskante Anlageprodukte. Das erfuhr eine Bankkundin, die mehr als zwei Drittel ihres Einsatzes verlor.
Eine 60-jährige Frau aus Oberentfelden AG hat auf Anraten ihrer Bank 25’000 Franken in ein riskantes Finanzvehikel investiert – und rund zwei Drittel ihres Geldes verloren. Sie ist Kundin der Neuen Aargauer Bank (NAB). Die Anlegerin hat einen sogenannten Multi Barrier Reverse Convertible gekauft. Das bedeutet im konkreten Fall:
- Die Anlage läuft genau ein Jahr lang.
- Der Herausgeber (Emittent) zahlt einen im Voraus bestimmten Coupon, also einen festen Zins von attraktiven 10 Prozent.
- Entscheidend ist bei solchen Produkten die Entwicklung der Aktienwerte, die ihnen zugrunde liegen. Im vorliegenden Fall sind das die Aktien von UBS, Geberit und Straumann. Falls diese drei Aktien steigen, gleich bleiben oder nur leicht sinken, erhält der Anleger nach einem Jahr exakt den Nennwert seiner Investition zurück, also 100 Prozent des investierten Geldes.
- Aber: Sinkt eine oder mehrere Aktien unter einen bestimmten Wert (Barriere), erhält der Anleger nicht den Nennwert ausbezahlt, sondern muss eine bestimmte Anzahl von Aktien derjenigen Firma nehmen, deren Wert in der Zwischenzeit gesunken ist. Das ist immer ein schlechtes Geschäft.
Die Anlegerin aus dem Aargau fiel mit den UBS-Aktien auf die Nase. Als sie die Anlage im Oktober 2007 tätigte, waren die UBS-Aktien Fr. 60.46 wert. Die im Voraus festgelegte Barriere, die nicht unterschritten werden durfte, lag bei Fr. 41.72. Die Banker nennen das blumig den Knock-in-Level. Bekanntlich liegt die UBS-Aktie jetzt auf dem Tiefpunkt von rund 12 Franken. Die Folge für die Anlegerin: Sie hat 25’000 Franken investiert, einen Coupon von 2500 Franken kassiert – sitzt jetzt aber auf 400 UBS-Aktien zum gegenwärtigen Wert von nur rund 4800 Franken. Ihr derzeitiger Verlust: 17’700 Franken.
Die Fallstricke strukturierter Produkte
Die NAB hingegen hat verdient. Beim Verkauf der Anlage hat sie der Kundin 250 Franken belastet. Und vom Herausgeber – der Bank Vontobel – hat sie eine Vertriebsentschädigung erhalten, deren Höhe die Beteiligten nicht bekannt geben. Insider schätzen sie auf 200 bis 300 Franken. Der Fall der Anlegerin aus dem Aargau zeigt exemplarisch ein paar Fallstricke im Umgang mit solchen strukturierten Produkten:
- Sicherheit: Viele Verkäufer preisen solche Anlagen im Kundengespräch als relativ sicher an und spielen die Risiken eher herunter. Im Nachhinein ist oft unklar, was besprochen wurde. Das war auch im Fall der Anlegerin aus dem Aargau so: Sie selber sagt, sie habe nur das kleinste Risiko eingehen wollen, die NAB erwidert, die Kundin habe «das aggressivere Profil Einkommen/Wachstum» gewählt.
- Risiko: Barrier Reverse Convertibles sind Gift, wenn die Aktienkurse sinken – womit jederzeit zu rechnen ist. Im konkreten Fall war es ein Produkt der Bank Vontobel mit dem Namen Multi Defender Vonti. Vontobel wirft immer wieder neue Produkte mit diesem Mechanismus auf den Markt – teils mit attraktiven Coupons von bis zu 24 Prozent. Lassen Sie sich davon nicht beeindrucken! Sollte sich die zugrunde liegende Aktie als Niete erweisen, verlieren Sie viel Geld, weil Sie nun Aktien besitzen, die Sie nie wollten.
- Komplizierte Produkte: Strukturierte Produkte sind nur schwer zu verstehen und deshalb für Laien ungeeignet. Trotzdem verkaufen sie die Berater – meist aus Provisionsinteresse – auch an Leute, die in Finanzdingen total unerfahren sind.
Die NAB-Kundin aus dem Aargau sagt, sie habe nicht gewusst, dass sie am Schluss mit UBS-Aktien dastehen würde. Die NAB betont hingegen, die Kundin habe das Produkt verstanden. Emittentenrisiko: Falls der Herausgeber Pleite geht, ist das Geld in der Regel komplett verloren. Strukturierte Produkte fallen nicht unter den Einlegerschutz, weil sie im Grund Darlehen an den Herausgeber sind. Strukturierte Produkte gelten auch nicht als geschütztes Sondervermögen wie zum Beispiel Anlagefonds.
29. März 2009 | Ernst Meierhofer, Redaktion K-Tipp
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