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Artikel | K-Geld 01/2009

45-jährige Laufzeit ist «sinnlos»

Auch der AWD versucht, 19-Jährige an langfristige Fondspolicen zu binden. «Das widerspricht dem gesunden Menschenverstand», kritisiert ein Vorsorgeberater.

Eines Tages im letzten November erhielt Matthias Sahli aus Bolligen BE unerwartet einen Telefonanruf von einem Verkäufer des Allgemeinen Wirtschaftsdienstes (AWD). Sahli war damals 19 Jahre alt und hatte eben seine Lehre abgeschlossen.

Der Grund für den Anruf: Der AWD-Berater war kurz zuvor bei einem ebenfalls 19-jährigen Kollegen von Sahli gewesen und hatte diesen gebeten, ihm Adressen von Freunden und Bekannten zu geben.


Nichts für junge Leute: Policen mit langen Laufzeiten 

Der AWD nennt diese Art von Adressenbeschaffung «strategisches Empfehlungsmarketing». Kritiker finden es unsympathisch und werfen ein: Wer so zu potenziellen Kunden kommt, verleitet die Adressengeber dazu, das Vertrauen ihrer Bekannten zu missbrauchen. Denn was der AWD-Mann dem 19-jährigen Sahli vorschlug, war keinesfalls im Sinn des jungen Mannes: eine Fondspolice mit einer Laufzeit von 45 Jahren.

K-Geld hat schon mehrfach betont: Solche lang-jährigen Versicherungsverträge sind meist ein ungeeignetes Sparvehikel – vor allem für junge Leute. Viele, die von provisionsgesteuerten Verkäufern aggressiv zu einer Unterschrift verleitet wurden, steigen bald wieder aus und verlieren viel Geld.

«Eine gemischte Versicherung mit einer Laufzeit von 45 Jahren macht keinen Sinn», betont Markus Glauser von der Finanzplanungsfirma Glauser+Partner in Bern. «In diesem Alter einen Vertrag über 45 Jahre abzuschliessen, widerspricht dem gesunden Menschenverstand.»

Der AWD betont, auch für sehr junge Leute sei Sparen wichtig. Das ist richtig. Glauser empfiehlt aber dafür die Bank. Denn anders als bei einer Police kann «bei der Bank die Höhe der Spareinlage jederzeit kostenlos geändert werden». Der gleichen Meinung ist Fritz Bühlmann von der unabhängigen Fairsicherungsberatung AG in Bern.

Der Vorschlag, der dem 19-Jährigen unterbreitet wurde, ist noch aus einem anderen Grund problematisch: Die vorgeschlagene Fondspolice enthielt auch eine Erwerbsunfähigkeits-Rente. Der junge Mann hätte dann pro Jahr eine Rente von 6000 Franken erhalten, wenn er invalid geworden wäre.

Im Grundsatz ist das in Ordnung. Nur: Bevor man eine solche Versicherung abschliesst, muss klar sein, wie viel Betroffene im Invaliditätsfall von der staatlichen Invalidenversicherung (IV) und von der Pensionskasse des Arbeitgebers erhalten. Die Sache mit der Pensionskasse konnte der AWD-Verkäufer beim 19-jährigen unmöglich abklären – weil er noch gar keinen Job hatte.

«Werden die Leistungen der staatlichen und der beruflichen Vorsorge nicht abgeklärt respektive berechnet, kann man nicht von einer seriösen Beratung sprechen. Dann handelt es sich um reinen Produkteverkauf», kritisiert Glauser.

Der AWD wendet ein, eine Beratung umfasse «in der Regel zwei bis drei Kundentermine». Deshalb hätte man die Höhe der Erwerbsunfähigkeits-Rente auch «beim folgenden Servicetermin» ändern können.


Risikopolice lässt sich jederzeit auflösen

Seriöse Vorsorgeberater raten davon ab, eine Erwerbsunfähigkeits-Rente im Rahmen einer Fondspolice abzuschliessen: «Falls tatsächlich eine solche Rente nötig sein sollte, was durchaus möglich ist, empfehle ich, diese durch eine reine Risikopolice mit Nettoprämien abzudecken – den möglichen Überschuss bereits abgezogen», sagt Fritz Bühlmann. «Wenn später durch den Arbeitgeber bessere Rentenleistungen bei Invalidität versichert werden, kann die reine Risikopolice sofort aufgelöst werden.» (iehe auch Prämienvergleich K-Geld 1/09)

Der AWD wendet ein, eine Rente im Rahmen der Fondspolice könne auch während der Laufzeit angepasst oder aufgelöst werden. Im Übrigen stehe beim AWD «einzig und allein das Kundeninteresse im Mittelpunkt». Und: Die «gerne pauschal propagierte Lösung der Trennung von Spar- und Risikoteil ist heute überholt».

Tatsache bleibt: Wer Jungen eine Banklösung fürs Sparen und dazu allenfalls separat eine reine Todesfallrisiko-Versicherung empfiehlt, verdient markant weniger als beim Verkauf einer Fondspolice.

02. Februar 2009 | Ernst Meierhofer, Redaktion K-Tipp


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