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Neuroimagination heisst die Methode, die Schleudertrauma-Patienten jetzt heilen soll. Doch Fachleute kritisieren: Der Nutzen der Behandlung ist keineswegs bewiesen.
Samstag, 24. Januar, im Schweizer Fernsehen: Die Schleudertrauma-Patientin sitzt in einem Ledersessel. Vor ihr stehen zwei Klanghölzer auf Säulen. In jeder Hand hält sie einen Filzschlägel. Damit schlägt sie abwechselnd auf die beiden Hölzer, einmal links, einmal rechts.
Die Methode, die in der Sendung «Gesundheit Sprechstunde» gezeigt wird, heisst Neuroimagination und soll selbst «austherapierten» Schleudertrauma-Betroffenen helfen. Das sagt Horst Kraemer von der Firma Brainjoin, der Erfinderin der Methode. Die rhythmischen Schläge sollen das Hirn aktivieren. Sie helfen der Patientin, sich an die Situation des Unfalls zu erinnern, an dessen Folgen sie fast zehn Jahre gelitten hat. Der Brainjoin-Coach fordert sie jetzt auf, den Unfall in allen Details zu beschreiben: was sie gesehen habe, gespürt, gerochen und gehört.
«Das Schleudertrauma ist eine körperliche, keine psychische Verletzung»
Neuroimagination diente ursprünglich dazu, seelische Traumen zu verarbeiten, etwa nach Katastrophen oder Krieg. Die Methode ist aber nicht völlig neu: Psychiater wenden Ähnliches schon lange als Traumatherapie an. Horst Kraemer hat die Methode abgewandelt und machte damit vor sieben Jahren einen Versuch mit einem Mann, der an Schleudertrauma litt. «Mit Erfolg», wie Kraemer sagt. Nach der Behandlung seien dessen Beschwerden «restlos und nachhaltig beseitigt» gewesen.
Doch Experten kritisieren, dass die Methode bei Schleudertrauma angewendet wird: «Das Schleudertrauma ist keine psychische, sondern eine körperliche Verletzung», sagt Evalotta Samuelsson, Präsidentin des Schleudertraumaverbands. Ausgelöst wird es durch einen Unfall, wenn der Kopf plötzlich vorwärts und zurück geschleudert wird. Dabei entstehen kleinste Verletzungen der Wirbelkörper, Blutungen, Zerrungen und Einrisse von Bändern und Muskeln. Folgen: Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindel, Seh- und Hörstörungen, Konzentrationsprobleme.
Einer von zehn Betroffenen wird invalid
Bei rund einem Viertel der Betroffenen bleiben die Beschwerden bestehen, jeder zehnte Patient wird wegen des Schleudertraumas sogar teilweise oder vollständig invalid. Durch die Schmerzen und Ängste hätten die Patienten zwar auch «Stresssymptome», sagt Schleudertrauma-Experte Thierry Ettlin von der Reha Rheinfelden. Doch: «Das rechtfertigt nicht das Anwenden einer Psychotrauma-Therapie.» Das bestätigt der Zürcher Psychiater Jürg Häfliger: «Die Patienten sind vom Unfall als Ereignis normalerweise nicht schwer traumatisiert. Sie leiden vielmehr an seinen Folgen, das heisst an den chronischen Schmerzen und den neuropsychologischen Problemen.»
Horst Kraemer verteidigt die Methode: «Selbst ein leichter Unfall ist eine psychische Stresssituation. Dabei schüttet der Körper Unmengen des Stresshormons Cortisol aus. Das verhindert, dass das Unfallerlebnis im Gehirn richtig verarbeitet wird.» Der Betroffene habe deshalb nur eine zerstückelte Erinnerung daran. Kraemer spricht von «Neurostress-Fragmentierung». Bei den meisten Menschen bessere das von selbst. Bei den übrigen bleibe «der Stress vom Unfall gespeichert». Und das verhindere, dass man wieder gesund werde, so Kraemer. Mit der Neuroimagination könne man diese Blockade lösen.
Kraemer will nicht nur Menschen mit chronischen Schleudertrauma-Beschwerden behandeln, sondern auch akute Fälle kurz nach dem Unfall. Bereits dann könne man feststellen, wer das Erlebte nicht von selbst verarbeite. Ein Hinweis darauf: «Die Betroffenen fühlen sich verwirrt, gereizt, sind vergesslich, schlafen schlecht, fühlen eine innere Unruhe, ohne aktiv werden zu können», so Kraemer. Dass seine Methode wirke, habe eine Studie von ETH-Forschern nachgewiesen.
Die Versicherung Axa Winterthur hat die Studie mitfinanziert
Von dieser Studie halten Mediziner allerdings wenig: Sie sei von schlechter Qualität. Der Zürcher Neurologe Peter Zangger sagt: «Es gibt keine wissenschaftlichen Arbeiten im eigentlichen Sinn, die beweisen, dass die Methode wirkt.»
Auch Evalotta Samuelsson hält die «sehr geschickt vermarkteten Studienergebnisse» nicht für «aussagekräftig». Störend seien für sie auch die engen Verbindungen zwischen Kraemers Firma Brainjoin und Versicherungskonzernen. Die Axa Winterthur etwa hat die Studie mitfinanziert und weist Brainjoin Klienten zu. Von Betroffenen hätte der Schleudertraumaverband zudem «keine überragenden Feedbacks erhalten», sagt Evalotta Samuelsson.
Wichtig: Schleudertrauma möglichst früh behandeln lassen
Horst Kraemer hält die Kritik für ungerechtfertigt: «Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen. Doch rund 20 Prozent unserer Klienten können auch wir nicht helfen.» Da könne es zu enttäuschten Hoffnungen kommen. Die Verbindung zu Versicherungen hält Kraemer «nicht für unüblich». Brainjoin sei als Firma unabhängig, arbeite aber mit verschiedenen Partnern zusammen, «die dasselbe Interesse am Genesen der Menschen» hätten. Dazu würden auch einzelne Versicherungen gehören. Auch die Studie verteidigt Kraemer: «Sie wurde sorgfältig gemacht, mit einer Kontrollgruppe. Sie hält dem Vergleich mit Studien über die anderen Schleudertrauma-Therapien stand.»
Neurologe Peter Zangger empfiehlt Schleudertrauma-Patienten, sich möglichst früh von einem kompetenten Arzt behandeln zu lassen. «Es ist wichtig, dass der Arzt die Patienten ernst nimmt, die Beschwerden aber nicht dramatisiert.» Kurz nach dem Unfall brauche es eine grosszügige Therapie mit Schmerzmitteln, Ruhe und schonende Physiotherapie. Je nach Verlauf sind später verschiedene weitere Therapien nötig.
Schleudertrauma: Nach dem Unfall richtig reagieren
Sonja Marti
02. Februar 2009 | Sonja Marti, Redaktion Gesundheitstipp
