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Mit einer Horror-Geschichte und dem Bild eines weinenden Mädchens bettelt die Ostmission um Spenden. Der K-Tipp weiss: Alles frei erfunden.
Der Spendenaufruf tönt dramatisch: «Geschlagen, missbraucht, entwürdigt… Ich ging durch die Hölle», steht über dem Bild eines weinenden Mädchens. Darunter das Zitat: «Sie haben mich geschlagen, sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen. Dann gelang mir die Flucht. Niemand wollte mir danach eine Arbeitsstelle geben, weil ich eine Prostituierte bin. Jetzt hat sich das geändert.»
Retter in der Not soll das in Worb BE ansässige Hilfswerk Christliche Ostmission gewesen sein, suggeriert der Spendenaufruf. Der K-Tipp fand den Fotografen des Bildes. Fazit: An der dramatischen Geschichte auf dem Spendenaufruf stimmt nichts.
Entstanden ist das Bild vor sieben Jahren in St. Petersburg. Wolfgang Müller schoss es für eine Bildreportage über Jugendliche, die Lösungsmittel inhalieren. Katja, so der Name des Mädchens, war damals 15 und lebte mit anderen Jugendlichen zusammen auf der Strasse. Geschlagen, sexuell missbraucht oder zur Prostitution gezwungen worden sei sie nicht, so Müller. Aber warum weint sie so herzzerreissend auf dem Bild? Müller: «Sie hatte sich kurz vorher beim Skaten den Knöchel verstaucht.»
Katja hat nie Hilfe von der Ostmission erhalten. Das Mädchen hat für die Verantwortlichen der Ostmission nur einen Zweck: Es soll die Spender berühren und deren Geldbeutel öffnen.
Dass ihr Bild für Spendenaufrufe verwendet wird, weiss die heute 22-Jährige nicht. Zugestimmt hatte sie nie. Missionsleiter Georges Dubi rechtfertigt: «Wir haben das Foto bei der Agentur Ostkreuz mit den entsprechenden Abdruckrechten erworben.»
«Einverständnis müsste vorliegen»
Für Martina Ziegerer von der Hilfswerk-Zertifizierungsorganisation Zewo ist klar: «Werden Betroffene gezeigt, muss von diesen oder den gesetzlichen Vertretern das Einverständis vorliegen.» Ihr Fazit: «Riefe eine unserer Organisationen so zu Spenden auf, würden wir intervenieren.»
Mit der Veröffentlichung des Bildes verstösst die Ostmission wohl gegen den Ehrenkodex der Evangelischen Allianz (SEA), der das Hilfswerk angehört. Dieser verlangt, in der Werbung «die Würde notleidender Menschen» zu achten. Laut SEA-Geschäftsführer Hansjörg Leutwyler ist die Angelegenheit bereits traktandiert.
Dubi räumt ein: «Wir haben versäumt, darauf hinzuweisen, dass das Bild keinen Zusammenhang mit dem Text hat. Das bedauern wir.» Künftig werde darauf hingewiesen. Von der Homepage ist das Bild inzwischen verschwunden.
24. November 2008 | Daniel Jaggi
