|
(0) |
Der Zug Nummer 2490 aus Zofingen hält pünktlich um 19.16 Uhr auf Gleis 6. Erst mal die Leute aussteigen lassen, die Handschuhe an, Kratzeisen raus. Wir gehen zu fünft rein: Mohammed, Birol und ich hinten, zwei andere Kollegen vorne. Auf dem Dienstplan steht das Modul «C 1»: Alle Kübel leeren. Zuerst die im Zwischenabteil und im Klo. Dann rein ins Abteil: jeden Aschenbecher säubern, entweder runterklappen oder einzeln Pet-Flaschen, Dosen, Kaugummis, Pfirsichkerne und Papierknäuel mit dem Kratzer rausschaben, ja nie mit der Hand. Der Dreck landet im Müllsack.
Wir müssen seckeln, um die zehn Wagen in 28 Minuten zu schaffen. Genauso wie bei den anderen 20 Zügen, die wir heute schon gemacht haben. Der aufwendigste war der Cisalpino aus Mailand. «C 4» steht auf dem Plan – Grossputz in einer Stunde. Wir wischen Handabdrücke weg, saugen die 1. Klasse, schrubben WC-Schüsseln, wienern Böden, polieren Lavabos. Wenn nötig, gibts zwei, drei Spritzer vom WC-Parfüm.
Insgesamt arbeiten allein hier im Bahnhof 150 Zugvorbereiter rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Der Schmutz macht nie Ferien. Pro Tag sammeln wir 1,5 Tonnen Müll.
An uns liegt es nicht, wenn es heute in manchen Zügen dreckiger ist als früher. Eher daran, dass die SBB mehr Fahrgäste mit gleich vielen Zügen befördern. Am schmutzigsten kommen die Wagen aus Chur und Deutschland an. Die haben weite Wege und viele Passagiere hinter sich. Die Zeit zum Putzen wird immer knapper, viele Züge fahren gleich weiter. Hinzu kommen Verspätungen. Heute etwa traf der Ersatzzug für den Transalpino 10 Minuten später ein. Da reichte es nur für den Schnellputz: Klopapier nachfüllen, den sichtbaren Abfall wegräumen.
Statt Ausputzer war ich früher Stürmer. Ich habe Fussball in der 2. Liga gespielt, über 100 Goals erzielt. Aber mit 21 hatte sich noch kein grosser Verein gemeldet, und die Stifti als Isolierspengler hatte ich geschmissen – wegen Allergien. Zu den SBB kam ich durch Zufall, ich wollte etwas Feriengeld verdienen, um meine Geburtsstadt zu besuchen, Konya in der Westtürkei. Nun sind aus drei Monaten sechs Jahre geworden. Heute bin ich der Einzige von über hundert Kollegen, der von den SBB einen Festvertrag bekommen hat, zudem bin ich Schichtleiter und Rangierer.
Der Job ist nicht ohne. Man muss gründlich und schnell sein. Nachtschichten gehören dazu. Nur so bringt man es auf 4000 bis 5000 Franken pro Monat. Und man muss die Augen offen halten. Ich habe mir schon eine gebrauchte Spritzennadel in den Oberschenkel gerammt. Die muss vom Aschenbecher in den Müllsack gekommen sein und von da aus in mein Bein. Ich bin sofort zum Notarzt. Gebrauchte Spritzen und Scherben finden wir ständig.
Es ist gefährlich, die Gleise zu queren. Aber das machen wir, um Zeit zu sparen. Im Bahnhof wird viel rangiert und man knickt leicht auf dem Schotter ein. In Zürich hat einmal ein Kollege auf dem Gleis nicht aufgepasst, den hat eine Lok erwischt.
Ob ich die Arbeit in zehn Jahren noch mache, weiss ich nicht. Nach fast jeder Schicht schmerzen meine Füsse und der Rücken. Die Müllsäcke sind oft 20 Kilo und mehr schwer, vor allem in der Frühschicht, wegen der Gratiszeitungen. Auch laufe ich in 90 Minuten mehr als früher bei jedem Match, nur eben in klobigen Sicherheitsstiefeln. Aber vielleicht bringe ich es ja noch bis zum Teamleiter oder Kondukteur. Da würde ich die Schweiz besser kennenlernen und könnte den Fahrgästen direkt helfen.
02. November 2008 | Eric Breitinger
