SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | saldo 17/2008

Fragwürdige Krebstests aus dem Internet

Beim Online-Labor Self-Testing.ch kann sich jeder ohne Arzt auf schwere Krankheiten untersuchen lassen. Mediziner halten diese Tests für heikel.

«Lassen sie Magen-, Darm- und Gebärmutterhalskrebs keine Chance.» Mit diesem Slogan wirbt die Firma Self-Testing.ch aus Kreuzlingen TG auf ihrer Internetseite. Bei ihr kann sich jeder ohne ärztliches Rezept auf schwere Krankheiten untersuchen lassen, etwa auf Krebs, Diabetes oder Geschlechtskrankheiten. Eine Online-Bestellung und die Bezahlung per Kreditkarte genügen und das Testset für die Blut-, Urin- oder Stuhlprobe liegt ein paar Tage später im Briefkasten. Self-Testing-Geschäftsführer Thomas Krech behauptet, mit seinem Service Personen zu erreichen, «die sonst keinen Arzt aufsuchen».


Patienten laufen Gefahr, die Testresultate falsch zu interpretieren

Ein Test kostet rund 50 Franken. Die selbst entnommene Probe wird in den gelieferten und bereits vorfrankierten Versandbeutel gesteckt und im nächsten Briefkasten eingeworfen. Einige Tage später ist das Ergebnis unter www.self-testing.ch über ein persönliches Passwort abrufbar.

Fachleute raten davon ab, auf Self-Testing.ch zu setzen. Für den Zürcher Hausarzt Thomas Walser schüren «solche vom Patienten selbst ausgeführte Tests oft vergeblich viel Angst». Nur ein Arzt könne abschätzen, welche Tests für einen Patienten sinnvoll sein könnten.

Auch die Krebsliga kritisiert die Schnelltests zur Krebsvorsorge. Sprecherin Karin Huwiler fordert, dass Patienten «vor jedem Test ihre gesundheitliche Situation und mögliche Resultate mit einer Fachperson diskutieren sollten». Zudem könne es vorkommen, dass Patienten eine fehlerhafte Probe einschickten oder das Resultat falsch interpretierten. Gerade die angebotenen Krebstests sind umstritten. So gilt der Test zur Darmkrebsvorsorge in vielen Studien als unzuverlässig und gibt nur bereits bestehende Tumore an – und somit eine fortgeschrittene Krebskrankheit. Zuverlässige Vorsorge liefert laut Experten nur eine Darmspiegelung.


Osteoporose-Test: Wichtige Risikofaktoren nicht berücksichtigt

Ähnliches gilt für den Test gegen Magenkrebs. Er weist das Bakterium Helicobacter pylori nach. Doch neben dem Bakterium spielen Ernährungsgewohnheiten, frühere Krankheiten und die Vererbung eine Rolle.

Der HPV-Test sucht im Urin nach Papillomaviren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Self-Testing.ch bietet ihn an, erwähnt aber auf der Homepage, dass ausreichende Studien ausstehen.Daher sei der Test nur eine Ergänzung zum Abstrich beim Frauenarzt. Dieser ist für Siegfried Heinzl, Chefarzt der Frauenklinik im Basler Kantonsspital Bruderholz, ein Muss: «Die ärztliche Untersuchung berücksichtigt alle möglichen Frauenkrankheiten und nicht nur eine Infektion mit Papilloma-Viren.»

Ärzte kritisieren den Test, mit dem Frauen prüfen können, ob sie Osteoporose haben. Denn dabei blieben die wichtigsten Risikofaktoren wie das Alter der Patienten, daneben Rauchen und gewisse Medikamente unberücksichtigt. Marius Kraenzlin von der Klinik für Endokrinologie, Diabetes und Klinische Ernährung am Universitätsspital Basel, hält es für «nicht sinnvoll, den Knochenschwund zu messen, ohne den klinischen Hintergrund der Patienten zu kennen». Eine Laboruntersuchung sei erst dann ratsam, wenn ein Arzt eine Veranlagung für Osteoporose festgestellt habe.


«Auftrag und Auswertung gehören in die Hände eines Arztes»

Auch der Schweizer Laborverband FAMH distanziert sich laut Präsident Hans Siegrist «ausdrücklich von den Geschäftspraktiken» von Self-Testing.ch: Der Auftrag für eine Laboruntersuchung und deren Auswertung gehören in die Hände eines Arztes.
«Alles andere ist unverantwortlich.»

Geschäftsführer Krech widerspricht und betont, dass nach seiner bisherigen Erfahrung Laien die Probenentnahme sicher durchführen und mit den Resultaten umgehen können. Für ihre Rückfragen unterhalte seine Firma eine Online-Beratung. Bei einem positiven Ergebnis empfehle seine Firma dem Patienten, einen Arzt aufzusuchen.   


Weitere Infos:

18. Oktober 2008 | Andreas Grote


Beitrag als PDF
Fragwürdige Krebstests aus dem Internet
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Verwandtes Buch
Die Rechte der Patienten
Die Rechte der Patienten
Tipps für den Umgang mit Ärzten und Spitälern

Detail-Infos
Buchshop
 
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Darmspiegelung: Neue Methode ist weniger unangenehm Dickes Geschäft mit dem Ultraschall So finden Sie den richtigen Hausarzt
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten