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Artikel | saldo 15/2008

Bis zu 50 Prozent Luft in Lebensmittelpackungen

saldo liess den Luftanteil von Lebensmittelpackungen untersuchen. Das Resultat: Jede zweite Verpackung entpuppte sich als Mogelpackung.

Die Enttäuschung beim Öffnen von Verpackungen ist oft gross – denn drin steckt viel Luft.

saldo kaufte in verschiedenen Läden 30 Produkte ein. Der Zürcher Eichmeister Rudolf Metzler prüfte den Luftanteil der Verpackungen. Gemäss Schweizer Deklarationsverordnung dürfen Grösse und Aufmachung von Fertigpackungen nicht über die Menge der darin enthaltenen Ware täuschen. Zu viel Luft ist nur zulässig, wenn dies aus produktionstechnischen Gründen notwendig wäre. Für die Einhaltung der gesetzlichen Richtlinien bei Packungen sind die Eichmeister verantwortlich.

Das Resultat der Stichprobe: 15 Verpackungen enthielten zu viel Luft. So sind die Beutel der Thai Kitchen Rice Snacks von der Migros zu 50 Prozent mit Luft aufgebläht. Auch die Schachteln der Sablés au fromage aus der teuren Fine-Food-Linie von Coop sind halb leer. Geschickt verpackt sind die Mini-Willisauer-Ringli: Die Beutelchen sind gerade so hoch gefüllt, dass die Ringli das Sichtfenster im unteren Bereich der Verpackung füllen. In der oberen Hälfte der Beutel herrscht gähnende Leere. Das Urteil des Eichmeisters: «Das sind Mogelpackungen.»


Behörden kontrollieren die Verpackungen nur sehr selten

Das Resultat überrascht Rudolf Metzler nicht: «Als Konsument kann man immer wieder auf vermutete Mogelpackungen stossen.» Trotzdem erachtet der Eichmeister eine gezielte Kontrolle als nicht dringlich. Die Schweizer Hersteller müssten sich mit ihren Produkten gegen die ausländische Konkurrenz und deren Verpackungsgepflogenheiten behaupten und sich diesen wohl anpassen.

Hans-Peter Vaterlaus vom Bundesamt für Metrologie stellt fest, dass die Eichmeister in der Schweiz pro Jahr nur etwa zwei bis drei Fälle von Mogelpackungen beanstanden. Meist handle es sich um kosmetische Produkte.


Willisauer Ringli: Bald 150 statt nur 125 Gramm im Beutel

Laut Vaterlaus nutzen viele Hersteller die Grauzone mit dem Argument «technisch notwendig» aus. Sie behaupten, die grosszügige Form der Verpackung sei auf den Produktionsprozess zurückzuführen. Dabei ist die Kontrolle nicht besonders pedantisch: «Bei Beuteln mit Chips und ähnlich zerbrechlichem Inhalt, der beim Versand leicht beschädigt werden kann, drücken wir oft beide Augen zu», erklärt Vaterlaus.

saldo hat die betroffenen Hersteller über das schlechte Abschneiden ihrer Produkte informiert. Gleich mehrere geben technische Gründe vor, obwohl der Zürcher Eichmeister dies in den konkreten Fällen ausgeschlossen hat.

Migros verweist auf den Wortlaut der Deklarationsverordnung, die einen «Spielraum für Interpretationen» zulasse. Sprecher Urs Peter Naef: «Der Luftanteil ist aus produktionstechnischen Gründen notwendig und gewährleistet Schutz und Qualität.» Daher werde man keine Änderung an den beanstandeten Verpackungen vornehmen.

Auch Coop macht «technische Gründe» für die Mogelpackungen verantwortlich. Zudem sei das Füllgewicht auf den Verpackungen deutlich ausgewiesen.

Andreas Hug, Geschäftsführer des Willisauer-Ringli-Herstellers Hug, hingegen gelobt Besserung: «Direkt nach dem Abfüllen sind die Beutel höher gefüllt, beim Transport fällt alles ein wenig zusammen.» Halb leere Packungen seien ihm aber nicht sympathisch. «Ab nächstem Jahr enthalten die gleichen Beutel nicht mehr 125, sondern 150 Gramm.»

Helen Engler, Produkt-Managerin bei Dr. Oetker, sieht sogar einen Vorteil in der Decor-Streusel-Mogelpackung: «Wir wollen die Konsumenten nicht mit zu viel Vorrat eindecken.» Sonst müssten diese ja nach Ablauf der Mindesthaltbarkeit einen grossen Teil der Ware entsorgen. Helen Engler: «Die Füllmenge entspricht dem durchschnittlichen Verbrauch innerhalb der Haltbarkeitszeit.» Immerhin: Dr. Oetker werde eine Erhöhung der Füllmenge prüfen.

Tipp: Wer Mogelpackungen entlarven will, sollte jeweils auf das angegebene Gewicht achten und die Verpackung mit anderen vergleichen. Bei tief platzierten Sichtfenstern hilft nur eines: Packung auf den Kopf drehen.


Messung

Der Zürcher Eichmeister Rudolf Metzler vergleicht die Masse der Verpackung mit der effektiven Füllmenge. Technische Sachzwänge beim Abfüllvorgang berücksichtigt er bei seiner Beurteilung.

Bei luftdichten Beuteln wie Chips-Packungen arbeitet der Eichmeister mit Wasser. Zuerst drückt er den vollen Beutel in einen Wasserbehälter, um das verdrängte Volumen zu ermitteln. Die Menge des gestiegenen Wasserpegels entspricht dem Volumen des vollen Beutels. Danach entnimmt er dem Beutel so viel Luft, bis das Füllgut noch locker Platz hat. Metzler dichtet den Beutel ab und drückt ihn erneut unter Wasser. Die Differenz zwischen der ersten und der zweiten Messung ergibt den Volumenanteil Luft in der Packung.

Befinden sich Beutel in Schachteln, berücksichtigt der Eichmeister für den gesamten Luftanteil sowohl die Luft im Beutel wie auch die Luft in der Schachtel.

23. September 2008 | Sabine Rindlisbacher


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