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Immer mehr Therapeuten bieten bei Makula-Degeneration die Augen-Akupunktur nach John Boel an. Schulmediziner warnen: Den Patienten geht es nur scheinbar besser. Tatsächlich breitet sich die Krankheit aus.
Der Akupunkteur sticht eine Nadel ins Fingergelenk von Hans Eduard Meier. Ein höllischer Schmerz durchfährt den 85-Jährigen. Kaum verfliegt der Schmerz, sticht die nächste Nadel. Der Senior aus Obstalden GL erträgt die Qual, um sein Augenlicht zu retten.
Denn Hans Eduard Meier leidet an altersbedingter Makula-Degeneration. Seit Jahren liegt ein grauer Fleck über allem, was der 85-Jährige mit dem linken Auge sieht. Der Grund: Die Mitte der Netzhaut, die Makula, wird zerstört. Für Meier bedeutet das: Wenn es so weitergeht, wird er fast blind.
In seiner Not ging der Rentner zum Akupunkteur. Dieser bot eine neue Methode an, um die Sehkraft zu verbessern: die Augen-Akupunktur nach Boel.
Der Däne John Boel entwickelte diese Methode. Mit der Philosophie der Traditionellen Chinesischen Akupunktur hat sie wenig gemeinsam. Der Therapeut sticht an bestimmten Stellen in die Finger- und Zehengelenke. Das tut enorm weh. Dieser starke Schmerzreiz soll die Selbstheilungskräfte aktivieren und so die Netzhaut heilen.
Die Nadelstiche sollen viele Augenkrankheiten heilen
70 Prozent der Makula-Patienten könne Augen-Akupunktur helfen, wirbt John Boel auf seiner Internetseite. «In den meisten Fällen können wir das Sehvermögen mehr oder weniger verbessern und es dann stabilisieren», heisst es dort. Sogar Blinden will der Däne das Augenlicht zurückbringen. Die Nadelstiche sollen auch viele andere Augenleiden heilen – von Weitsichtigkeit bis zum grünen Star.
Mittlerweile bieten Akupunkteure zunehmend die Boel-Methode in der Schweiz an. Manche Patienten reisen gar ins dänische Avlum und geben Tausende von Franken aus, um sich von John Boel und dessen Sohn persönlich behandeln zu lassen. 1250 Franken hat Meier bisher für die Behandlung bezahlt. Weitere Akupunktur-Sitzungen sollen folgen. Meier ist überzeugt: «Der Fleck vor meinem linken Auge ist kleiner geworden.»
Doch Schulmediziner warnen vor der Augen-Akupunktur. Klara Landau, Professorin an der Augenklinik des Universitätsspitals Zürich, hält sie bei Makula-Degeneration für «puren Unsinn».
«Es gibt andere Methoden, die nachweislich wirken»
Augenärztin Malaika Kurz-Levin vom Unispital Zürich kritisiert: «Es gibt keine veröffentlichten wissenschaftlichen Studien, die Wirkung und Sicherheit der Augen-Akupunktur beweisen.» Auch Christina Fasser von der Selbsthilfeorganisation für Augenkrankheiten Retina Suisse kennt «keine nachgewiesenen günstigen Resultate».
Sebastian Wolf, Professor für Augenmedizin am Inselspital Bern, erklärt positive Berichte wie den von Hans Eduard Meier mit einem Plazebo-Effekt: «Je stärker der Schmerz, desto eher glauben Patienten, einen Erfolg zu spüren.» Doch die Behandlungsmethode ist nicht nur unwirksam. Sie birgt auch eine Gefahr: Wenn sich Patienten auf die Akupunktur verlassen, verstreicht wertvolle Zeit, in der die Netzhaut weiter zerstört wird. Wer direkt zum Augenarzt geht, kann die Krankheit verzögern. «Es gibt heute Methoden, die nachweislich wirken», betont Ärztin Klara Landau. So bremsen Vitamine und Medikamente die Krankheit (siehe unten).
Der Erfinder der Augen-Akupunktur gibt sich von seiner Methode überzeugt. Corinne Boel, Schwiegertochter und Sprecherin John Boels, sieht keine Gefahr für die Patienten: «Wir behandeln nur Menschen, die zuvor einen Arzt aufgesucht haben.» Sie legt dem Gesundheitstipp zwei Untersuchungen vor. Für Experte Sebastian Wolf sind diese jedoch «nicht stichhaltig».
Der 85-jährige Hans Eduard Meier muss nun erleben, dass seine Sehkraft trotz Akupunktur-Behandlung nachlässt: «Im Dämmerlicht sehe ich auch vor dem rechten Auge einen Fleck.» Nächstens will er sich noch einmal vom Augenarzt untersuchen lassen.
So retten Sie Ihr Augenlicht
08. September 2008 | Ines Vogel
