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Artikel | Gesundheits-Tipp 09/2008

Rebellion im Orchestergraben

Ein klassisches Orchester kann so laut spielen, dass es die Musiker schmerzt. Meist versuchen sie, den Lärm irgendwie zu ertragen. Doch hin und wieder platzt ihnen der Kragen.


Probe zur Oper «Wozzeck» des Symphonieorchesters Bern, es ist der 22. März. Der Lärm ist ohrenbetäubend. An den lautesten Stellen zeigen Schallmessgeräte  Werte bis zu 120 Dezibel. Dies entspricht etwa dem Schallpegel eines startenden Düsenjets.

«Besonders die Bläser litten unter der Lautstärke, die der Dirigent gefordert hatte», erzählt Bratschist Olivier Krieger. Kurz vor der Generalprobe hatte die Direktion ein Dach über dem Orchestergraben  einbauen lassen. Doch das warf die Schallwellen direkt zu den Trompetern zurück. «Sie bekamen Angst um ihr Gehör», berichtet Krieger. 

Die Musiker teilten dies  dem Dirigenten und der Direktion mehrmals mit. Keine Reaktion. Kurz vor der Premiere beschlossen die Musiker deshalb, die Oper an der Aufführung leiser zu spielen als vom Dirigenten gefordert.

Am Premierenabend, dem 24. März, kam es zum Eklat: Nach 10 Minuten brach der Dirigent das Konzert ab, sprach von Arbeitsverweigerung und verliess wütend den Saal. Die Zuschauer hatten keine Ahnung, was vor sich ging. Nach einer Viertelstunde Aufregung gaben die Musiker klein bei: Den Rest des Konzerts spielten sie in der gewünschten Lautstärke.


Musik im Orchestergraben: So laut wie eine Kreissäge

Seither ist wieder Ruhe eingekehrt im Symphonieorchester. Doch die Sorge der Musiker um ihre Gesundheit bleibt: Je nach Stück verlangen Dirigenten, dass die Instrumente extrem laut gespielt werden. Der Orchestergraben ist zudem eng, die Musiker sitzen nah beieinander. Sitzt man wie Olivier Krieger mit anderen Streichern direkt vor den Trompeten und Pauken, ist der Lärm ohrenbetäubend.

Diese Probleme betreffen nicht bloss das Symphonieorchester Bern  – jedes Orchester kennt sie. Studien zeigen, dass Lärmbelastungen in den Orchestergräben erheblich sind: Werte zwischen 90 und 110 Dezibel sind normal. Dies entspricht dem Schallpegel einer Kreissäge. Laut Suva-Mitarbeiter Heinz Waldmann ist dies für Musiker «eine akute Bedrohung». Tinnitus und Hörverlust treten bei Musikern denn auch weitaus häufiger auf als beim Rest der Bevölkerung. Suva-Untersuchungen zeigen, dass 75 Prozent der Musiker während ihrer Karriere mindestens einmal an Hörbeschwerden leiden.

Bei Musikern kann eine starke Schädigung des Gehörs das Ende der Karriere bedeuten. «Solche Probleme werden unter Musikern aber kaum diskutiert», sagt Pia Bucher. «Zu gross ist die Angst, als krank zu gelten und den Job zu verlieren.» Die Konkurrenz sei gross, der entsprechende Druck auch. Bucher, ehemalige Solo-Posaunistin, berät Musiker mit gesundheitlichen Beschwerden. 


Ob Rock, Pop oder Klassik: Konzertbesucher gefährdet

Die Musiker sind enormen Lautstärken ausgesetzt – vergleichbar mit jenen an Pop- und Rockkonzerten. Doch auch für Zuhörer kann es gefährlich werden. Dies zeigt eine Stichprobe des Gesundheitstipp: Bei einem klassischen Konzert hat es der Besucher schnell einmal mit einer durchschnittlichen Lautstärke von 89 Dezibel zu tun. Dies war der gemessene Wert am Bruckner-Konzert vom 22. August in der Zürcher St. Peterskirche.

Zum Vergleich: An einem Hip-Hop-Konzert von Erykah Badu im Luzerner KKL ergab die Stichprobe im Schnitt 98 Dezibel. Bei Peter Maffay im Zürcher Volkshaus waren es 97. Die höchsten Durchschnittswerte mit 104 Dezibel ergab die Messung an einem Rockkonzert im Abart-Club in Zürich. Die Clubbesitzer bestreiten den Wert und verweisen auf hauseigene Messungen. Diese Resultate liegen dem Gesundheitstipp jedoch nicht vor.

Die Lärmschutzverordnung verlangt, einen Schallpegel von 93 Dezibel einzuhalten. Bis 100 Dezibel sind zulässig, wenn der Veranstalter das Publikum über die hohen Werte informiert – und gratis Hörstöpsel verteilt. Im Abart-Club traf beides nicht zu. Im Volkshaus machten zwar Plakate auf den hohen Lärmpegel aufmerksam, Ohrstöpsel bekamen die Testpersonen aber nicht zu Gesicht. Laut Veranstalter hatten Angestellte jedoch Ohrstöpsel verteilt.

Ohrenarzt Peter Ott, Professor am Unispital Zürich, rät nicht bloss Besuchern von Rock- und Popkonzerten, die Ohren zu schützen. Auch Klassikliebhaber, die gerne in den vorderen Rängen sitzen, sollen Ohrstöpsel verwenden. «Obwohl es fürs Musikerlebnis schade ist», sagt Ott. «Man könnte doch einfach etwas leiser spielen.» Für den Arzt sind Lautstärken, wie sie das Symphonieorchester in Bern spielen musste, «völlig übertrieben, eine Unsitte».


Geschädigte Hörzellen erholen sich nicht

Vor zweihundert Jahren, als viele klassische Werke entstanden, liessen sich Instrumente gar nicht so laut spielen wie heute. Bratschist Olivier Krieger erklärt, dass aber vor allem die Orchester sehr viel grösser sind als noch im 18. Jahrhundert. «Ein Fortissimo war deshalb nie so laut wie heute.»

Ohrenarzt Ott behandelt häufig Menschen, die wegen zu lauter Musik an Hörproblemen leiden. Das Fatale: Lärmbedingte Hörschäden entwickeln sich unter Umständen langsam, tun nicht weh und wenn man sie bemerkt, ist es oft zu spät: «Sind die Hörzellen geschädigt, bleiben sie es in der Regel», so Ott.

Behandeln kann man die Schäden kaum – Hörzellen wachsen nicht nach. «Und Therapien, die die Zellen regenerieren, gibt es  nicht.» Deshalb ist es umso wichtiger, dass man auf die eigenen Ohren  hört. Surrt oder pfeift es in den Ohren nach einem Konzert, ist dies ein Alarmzeichen: Sie brauchen dann mindestens 24 Stunden Ruhe. Sind die Beschwerden bis dahin nicht weg, sollte man beim Ohrenarzt einen Hörtest machen lassen.


«Mit Ohrstöpseln spielen ist sehr schwierig»

Für Orchestermusiker gibt es eine Suva-Vorschrift: Ab 86 Dezibel müssten sie sich schützen. Doch die Hilfsmittel sind unbefriedigend: Schutzmassnahmen wie Schallwände werfen den Schall zurück oder lenken ihn ab – zu Mitmusikern. Auch die individuell angefertigten Ohrstöpsel, die jeder Orchestermusiker besitzt, sind unbeliebt. «Sie verzerren die eigene Wahrnehmung», sagt Krieger. «Es ist sehr schwierig, damit zu spielen.» Er verwende sie deshalb sehr selten.

Berufsmusiker hoffen, dass sich die Dirigenten ihrer Verantwortung gegenüber dem Orchester bewusst werden. Zudem wünscht sich Krieger bessere Hilfsmittel wie Stellwände, die den Schall schlucken statt reflektieren. Auch grössere Orchestergräben und Veränderungen der Raumakustik würden helfen. Dies zeigen die Erfahrungen in grossen deutschen Konzertsälen.

Ganz andere Wege geht das Opernhaus Zürich: Um die Ohren der Musiker zu schützen, gibts im Orchestergraben Lärmmessungen. Wer regelmässig zu laut spielt, muss eine Strafe zahlen.


Stichprobe: So laut ist es an Konzerten

Der Gesundheitstipp liess an mehreren Konzerten die durchschnittliche Lautstärke im Publikum messen. Die Winterthurer Symphoniker spielten nur gerade 9 Dezibel leiser als die HipHop-Band Erykah Badu. Ab 100 Dezibel sollte man maximal 15 Minuten ohne Ohrstöpsel zuhören.


So bleibt das Gehör gesund

Vermeiden Sie eine musikalische Dauerberieselung: Das Gehör benötigt genügend Ruhephasen.
Hören Sie pro Woche maximal sechs Stunden laute Musik.
MP3-Gerät, Walkman: Stellen Sie die Lautstärke maximal auf zwei Drittel der Skala ein.
Gehörschutzpfropfen benutzen! So gehts: Zum Würstchen rollen, in den Gehörgang einführen und während der Ausdehnphase 30 Sekunden den Finger draufhalten.
Für häufige Konzertbesucher lohnen sich mehrfach verwendbare Kunststoff-Pfropfen (ca. Fr. 4.–). Es gibt auch solche mit eingebautem Filter. Er sorgt für einen besseren Klang. Erhältlich in Musikfachgeschäften oder bei der Suva (ca. Fr. 40.–, www.suva.ch).


Infos
:

  • Telefon-Hörcheck, Pro Audito Schweiz. Nach dem 5-Minuten-Test erfährt man, ob die eigene Hörleistung normal ist.
    Tel. 0900 400 55 55 (Fr. –.50/Minute)

 

08. September 2008 | Gabriela Braun


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