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Artikel | K-Tipp 13/2008

Sparen am falschen Örtchen

Platz ist Geld. Darum verzichten Regionalbahnen immer häufiger auf Toiletten. Den Bahnkunden stinkts.


Toiletten in Zügen sind vielen Betreibern von Regional- und S-Bahnen zusehends ein Dorn im Auge. Der Grund: Sie sind teuer im Unterhalt, immer wieder defekt und benötigen Raum, der für Sitzplätze genutzt werden kann.

Die Regionalbahn Bern-Solothurn RBS hat die WCs deshalb schon vor 20 Jahren aus ihren Zügen verbannt. «Für die Pendler ist das kein Problem», sagt Sprecherin Sonja Stiegelbauer. «Sie wissen es.»

Doch «Notfälle» kommen immer mal wieder vor. Den Pendlern bleibt nichts anders übrig, als auszusteigen und auf dem Bahnhof ein WC zu suchen. Aber Stiegelbauer räumt ein: «Ab und zu sind diese geschlossen.»

Toiletten in Zügen werden auch anderswo immer rarer. Auf dem Netz des Zürcher Verkehrsverbundes teilen sich in manchen S-Bahn-Zügen inzwischen 387 Passagiere ein WC. SBB-Sprecher Roman Marti hält dies für richtig berechnet: «Pendler fahren im Schnitt 10 bis 20 Minuten mit der S-Bahn. Die Toiletten sind folglich nicht dauernd ausgelastet.»

Etwas weniger dramatisch sieht es bei der Südostbahn aus. Hier teilen sich in den 11 Flirt-Triebzügen 217 Passagiere ein WC. Bei der BLS, welche die S-Bahn in Bern betreibt, sind es 171 Passagiere pro WC. Und bei der Ostschweizer Regionalbahn Thurbo existiert in den 90 Gelenktriebwagen-Kompostitionen jeweils für 150 Passagiere ein WC.

Für Kurt Schreiber von der Kundenorganisation Pro-Bahn ein unhaltbarer Zustand. «Eine Toilette für so viele Passagiere ist eindeutig zu wenig.» Er verlangt deshalb mindestens zwei Toiletten pro Zug (siehe Interview). Über einen Vorstoss im Nationalrat sollen alle Bahnbetreiber dazu gezwungen werden. Schreiber ist überzeugt: «Anders geht es nicht.»

Beim Thema Toiletten in Zügen gehen die Bahnbetreiber an die Grenzen – und auch mal darüber. Den Bogen überspannt hatte vor zehn Jahren die BLS. Auf der Strecke Bern–Neuenburg fuhr sie anfänglich toilettenlos. Hans Martin Schaer von der BLS: «Die Reaktionen waren so heftig, dass wir den Entscheid innert drei Jahren korrigieren mussten.» Für Südostbahn-Sprecher Kaspar P. Woker ist heute klar: «Ganz abschaffen können wir sie nicht.»

Diese Erkenntnis der Bahnbetreiber genügt Pro-Bahn-Vizepräsident Kurt Schreiber aber längst nicht. «Zwei WCs pro Zug sind das Minimum.»


«Ein WC pro Zug ist zu wenig»

Interview mit Pro-Bahn-Vizepräsident Kurt Schreiber. Kurt Schreiber von der Organisation Pro-Bahn Schweiz hat genug: «In Nahverkehrszügen braucht es mehr Toiletten.»

Herrscht in den Schweizer Zügen ein WC-Notstand?
Ich würde es nicht als generellen Notstand bezeichnen. Ganz klar ist aber, dass es im Regional- und S-Bahn-Verkehr zuwenig Toiletten hat.

Was ist die Ursache?
Eindeutig der latente Platzmangel in diesen Vorortszügen und das Streben nach Kostenmaximierung. Verzichtet man nämlich nur schon auf ein WC, dann gewinnt der Bahnbetreiber Sitzplätze. Diese Aussicht ist eine grosse Versuchung, anstelle von Toiletten Sitzplätze einzubauen.

Pro Bahn akzeptiert den WC-Notstand nicht länger. Warum?
Wir vertreten die Bahnkunden, und diese dürfen im Nahverkehr die gleichen Dienstleistungen erwarten wie im Fernverkehr.

Das heisst?
Wir fordern pro Triebzug mindestens zwei Toiletten. Nur eine, wie jetzt vielerorts vorhanden, ist zu wenig, denn bei einem Defekt hat der Bahnkunde gar keine Ausweichmöglichkeit mehr, und es kommt buchstäblich zu einem Notstand.

Was plant Pro Bahn, damit diese Forderung umgesetzt wird?
Im Kanton Zürich, wo der grösste S-Bahn-Betrieb besteht, versuchen wir, demnächst einen Vorstoss im Kantonsparlament zu plazieren. So hoffen wir, dass endlich Bewegung in diese leidige Frage kommt.

Und auf nationaler Ebene?
Auch hier wollen wir mit Vorstössen über den Nationalrat Druck ausüben.

17. August 2008 | Daniel Jaggi


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