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Für viele Menschen liegt der Nothelferkurs Jahre zurück. Folge: Jeder Zweite weiss nicht, was in einem Notfall zu tun ist. Deshalb wollen die Behörden obligatorische Wiederholungskurse einführen.
Bernhard Graf (Name geändert) war mit seinem Velo in der Nähe von Frauenfeld unterwegs, als er einen Knall hörte. Er bog um die Kurve und entdeckte ein verbeultes Motorrad im Strassengraben. «Ich sah einen Mann auf dem Bauch am Boden liegen und sprach ihn an. Als er nicht reagierte, geriet ich in Panik», erzählt der 51-Jährige.
Vor der Autofahrprüfung hatte Graf zwar den Nothelferkurs besucht. Doch das lag 31 Jahre zurück. «Ich konnte mich an nichts aus dem Kurs erinnern», sagt Graf, «ich traute mich nicht, den Mann anzufassen – aus Angst, etwas Falsches zu tun.»
In seiner Not zückte er schliesslich das Handy und alarmierte die Polizei. Eine Viertelstunde später traf der Krankenwagen ein. Auch wenn in der Zwischenzeit mehrere Autofahrer angehalten und geholfen hatten, sagt Graf: «Das waren die längsten Minuten meines Lebens.»
Eine Umfrage des Schweizerischen Samariterbundes zeigte kürzlich: Jeder zweite Befragte fühlt sich beieinem Notfall «sehr schlecht oder eher schlecht» vorbereitet. Die Unsicherheit steigt mit zunehmendem Alter.
Viele Leute wissen auch nicht, welche Telefonnummer sie bei einem Notfall anrufen müssen. Gery Meier, Bereichsleiter beim Schweizerischen Samariterbund: «Jeder Dritte kennt die Notrufnummer 144 nicht.» Dabei ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass man helfen muss. Laut der Statistik der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung verletzen sich jedes Jahr rund 35 000 Menschen im Strassenverkehr, 25 000 davon schwer, und 500 sterben.
Roland Wiederkehr, Geschäftsleiter von Road-Cross, der Vereinigung für Unfallprävention und -bewältigung: «Die ersten Minuten nach einem Unfall entscheiden oft über Leben und Tod. Überlegtes und schnelles Handeln kann Leben retten.»
Der Plan: Alle zehn Jahre obligatorische Kurse
Doch die Sicherheit, im Notfall richtig zu reagieren, fehlt den meisten Automobilisten. Der Grund: Der Kurs liegt zu weit zurück.Das haben die Behörden erkannt. Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) will deshalb die Sicherheit auf den Strassen erhöhen: «Via Sicura» heisst das Massnahmenpaket. Mit seiner Hilfe soll es auf Schweizer Strassen weniger Unfälle und weniger Todesopfer geben. Eine Massnahme wäre die obligatorische Weiterbildung für Autofahrer. Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen formuliert es vorsichtig: «Jeder Fahrzeuglenker sollte sich alle zehn Jahre punkto Verkehrssicherheit weiterbilden müssen. Wir halten es für sinnvoll, wenn die Nothilfe eines der Weiterbildungselemente wird.» Unterstützung bekommt die Behörde zwar von Roland Wiederkehr von Road-Cross.
Doch «Via Sicura» muss noch in die Vernehmlassung der nationalen Räte. Ob diese einen obligatorischen Wiederholungskurs befürworten, scheint zweifelhaft.
Verbände halten wenig von Zwangsmassnahmen
Auch der TCS hält nicht viel von obligatorischer Weiterbildung. Stephan Müller, Pressesprecher vom TCS, behauptet, ein Obligatorium für weitere Nothelferkurse würde einen «unglaublichen administrativen Aufwand» bedeuten. Auch der ACS sagt, dass ein solches Obligatorium «generell nicht auf grosse Akzeptanz» stossen würde.
Gery Meier vom Samariterbund ist überzeugt, dass «wer alle sechs bis zehn Jahre seine Nothelfer-Kenntnisse auffrischt, im Notfall auch helfen kann». Doch auch er lehnt den «Zwang» ab: «Das ist der falsche Weg.» Der Vorstand des Samariterbundes hat sich zu «Via Sicura» noch nicht geäussert.
Samariterbund und TCS versuchen mittels Kampagnen, die Autofahrer zu freiwilligen Wiederholungskursen zu animieren. Der Samariterbund bietet für alle, die ihre Kenntnisse auffrischen möchten, solche Kurse an.
Nothilfekurse gibt es auch beim Schweizerischen Roten Kreuz, bei der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft und in den Klubschulen von Migros und Coop.
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Infos im Internet
30. Juni 2008 | Regula Schneider
