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Artikel | Gesundheits-Tipp 06/2008

«Dem Doktor gehorche ich nicht»

Rosa Tschanz, 90: Trotz ihres hohen Alters arbeitet «Schöriz-Rösi» auch diesen Sommer wieder auf ihrer Alp.


Seit 1936 lebt die 90-jährige Rosa Tschanz jeden Sommer auf der Alp Steinige Schöriz im Berner Oberland. Das ist ihr lieber als im Altersheim «zu verdummen».

Rosa Tschanz, warum gehen Sie noch auf die Alp?
In meinem Alter müsste ich eigentlich nicht mehr hier oben arbeiten. Aber ich hänge an dieser Alp. Das ist meine Welt.


Würden Sie nicht lieber gemütlich den Ruhestand geniessen?

Nein. Wenn ich im Winter im Tal lebe, habe ich es schön und ruhig, aber ich bin unzufrieden. Hier oben auf der Alp gefällt es mir besser. Hier besuchen mich viele Leute. An einem Sonntag kommen manchmal bis zu dreissig Personen. Im Winter habe ich nicht viel Besuch.


Mögen Sie die strenge Arbeit auf der Alp noch machen?
Ja, ich will nicht klagen. Nur mein hoher Blutdruck macht mir Sorgen. Das kann einen Hirnschlag geben, gell. Mir ist oft schwindlig. Und der Rücken tut mir den ganzen Tag weh. Darum muss ich mich ab und zu hinsetzen. Mit dem Alter kommen eben die Wehwehchen.


Warum schmerzt Ihr Rücken?
Im Sommer 1940 war ich allein, alle Männer mussten einrücken. Und mein Mann starb mit 48 Jahren. Darum arbeitete ich lange im Stall, ich habe den Mist gezettelt und mit der Sense das Gras gemäht. Die viele Männerarbeit hat meinen Rücken kaputt gemacht.


Verrichten Sie heute immer noch Männerarbeit?
Normalerweise mache ich den Haushalt. Die Arbeit im Stall und auf der Weide erledigen meine beiden Angestellten, der Ryser Rüedu und der Graf Markus. Aber wenn Markus im Tal ist, dann helfe ich dem Rüedu im Stall. Obwohl der Doktor mir das verboten hat. Aber mit 90 Jahren gehorche ich dem Doktor nicht mehr (lacht).


Hätten Sie früher gedacht, dass Sie bis ins hohe Alter auf der Alp arbeiten würden?
Uh nei nei! Als ich 18 war, kam ich zum ersten Mal mit meinem Bruder auf die Alp. Den ganzen Sommer lang regnete es. Ich hatte keinen Regenschutz und keine Stiefel. Ich war flätschnass. Als ich im Herbst heimkam, fragte mich der Vater: Hat es dir gefallen? Ich sagte: Nein. Ich gehe nur zweimal auf die Alp – zum ersten und zum letzten Mal (lacht).


Dennoch kamen Sie wieder.

Als im nächsten Frühling das Vieh auf die Alp getrieben wurde, packte es mich. Ich sagte dem Vater: Ich will doch wieder z’Bärg gehen. Später, als ich die Alp kaufen konnte, hatte ich noch mehr Freude daran.


War es auf der Alp früher anders?
Früher haben wir alles von Hand gemacht. Wir stiegen zum Wildheuen bis auf 1800 Meter hinauf. Wenn die Gemsen uns bemerkten, traten sie Steine los: Die wollten uns töten. Wir mussten uns schnell mit unseren Sensen in Sicherheit bringen.


Sie hatten ein strenges Leben.
Ich sage dem Rüedu manchmal: Wenn du arbeiten müsstest wie ich früher, würdest du davonlaufen. Jetzt haben wir einen Aebi-Transporter, zwei Mähmaschinen, einen Heuwender und eine Holzspaltmaschine. So geht es viel leichter.


Wollen Sie auch in den nächsten Jahren auf die Alp fahren?

Ja. Ich komme hierher, solange es noch geht. Ich bin froh, dass ich nicht in einem Altersheim leben muss. Dort würde ich nur wie ein Pfund Schnitz herumsitzen und verdummen.


Zur Person: Rosa Tschanz


Mit 18 Jahren ging Rosa Tschanz zum ersten Mal auf die Alp Steinige Schöriz, die zwei Wegstunden von Thun BE auf 1378 Metern über Meer liegt. Seither hat sie jeden Sommer dort gearbeitet. Auf der Alp leben in den Sommermonaten rund 80 «Guschti» (junge Rinder), zwei Kühe und zwei Schweine.

09. Juni 2008 | Andreas Gossweiler


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