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Artikel | Gesundheits-Tipp 06/2008

Besessen von gesundem Essen

Fachleute warnen: Gesund essen kann krank machen. Betroffene meiden die E-Nummern, versteckte Fette und studieren stundenlang Nährwerttabellen: Ihr Essverhalten hat missionarische Züge.


Nach ein paar Monaten hatte Anja Stadler (Name der Redaktion bekannt) es «endlich geschafft»: Die 32-jährige Baslerin ass nur noch Bio-Früchte und Gemüse. Sie verzichtete ganz auf Fleisch, Zucker, Fett und chemische Zusätze. Auch Kuhmilch, Brot und Käse konsumierte sie nicht mehr. Hackbraten und Gschwellti, früher ihre Lieblingsessen, waren für sie jetzt eine «pure Horrorvorstellung». Mehrere Stunden täglich verbrachte Anja Stadler mit der Menüplanung und dem Einkaufen von frischen Lebensmitteln. «Ich fühlte mich körperlich rein und war stolz auf mich.»


Wenn sich alles nur um die nächste Mahlzeit dreht

Sie konnte deshalb nicht verstehen, dass ihr Mann, ihre Freunde und ihre Familie weiterhin «all diese schlimmen Dinge» assen: «Ich ekelte mich vor ihnen», sagt sie. Sie habe ihren Mann deswegen kaum mehr küssen können. Ihm kam ihr Verhalten seltsam vor. Seine Bemerkungen, dass sie ein Essproblem habe und sich nicht mehr normal verhalte, fand sie absurd. «Ich lebte im Gegensatz zu meinen Bekannten einfach sehr gesund.»

Seit einem Jahr aber weiss Anja Stadler: Nicht die anderen hatten ein Problem – sondern sie selbst. Auf Druck ihres Mannes suchte sie eine Ernährungsberaterin auf. Dort wurde klar, dass sie an einer Krankheit litt – der Orthorexie. Betroffene sind krankhaft fixiert auf gesundes Essen und wollen Ungesundes auf jeden Fall vermeiden. Ihre Gedanken kreisen ausschliesslich um die nächste Mahlzeit und deren Bestandteile.


Orthorexie ist ein relativ neues Phänomen

So wie Anja Stadler geht es immer mehr Menschen in der Schweiz: Bei der Ärztin Bettina Isenschmid melden sich jede Woche neue Betroffene. Isenschmid ist Spezialistin für Störungen des Essverhaltens am Berner Inselspital. Laut Silvia Frei vom Zürcher Zentrum für Menschen mit Essstörungen ist die Sucht nach extrem gesundem Essen ein relativ neues Phänomen. «Früher haben wir so etwas nicht gesehen.»

Auslöser der Krankheit sind gemäss den Fachfrauen «Der Wunsch, Gewicht zu verlieren, vor allem aber die Gesundheit allgemein zu verbessern, die Fixierung auf Äusserlichkeiten, Lebensmittelskandale – und die vermehrte Diskussion über E-Nummern.» Bettina Isenschmid: «Die Betroffenen wollen gesünder essen, doch sie übertreiben es. Bei allzu strikter Diät kann dieses Verhalten zwanghaft werden und missionarische Züge annehmen.»

Betroffene machen gesundes Essen zu ihrem Lebenszweck. «Sie glauben, dass ihre persönliche Ernährungstheorie die einzige, heilige Wahrheit ist», erklärt Isenschmid. Wenn sie deren Vorschriften streng befolgen, fühlen sie sich rein und moralisch bestätigt. «Ist dieser Punkt erreicht, so liegt bereits eine eigentliche Essverhaltensstörung vor.» Das Krankheitsbild der Orthorexie überschneidet sich zum Teil mit der Anorexie und Bulimie. Sie kann sich zur Magersucht weiterentwickeln und umgekehrt ebenso aus dieser entstehen.

Die gesundheitlichen Folgen der sehr einseitigen Lebensmittelauswahl sind im Unterschied zu Anorexie und Bulimie zwar nicht so bedrohlich. Doch sie können auch zu Untergewicht und Schlafstörungen führen. Auch die Leistungsfähigkeit nimmt oft ab. Die extreme Fixierung auf gesundes Essen hat auch soziale Folgen: Betroffene können bei Einladungen nicht mehr mitessen, sie grenzen sich aus.


Wieder lernen zu essen, was einfach nur schmeckt

Bei einer schweren Orthorexie ist meist eine Behandlung beim Psychotherapeuten notwendig. Diese funktioniert ähnlich wie bei anderen Essstörungen: mit klarem Ess-verhaltenstraining. «Es geht darum, Betroffene zu einem normalen Essverhalten zurückzuführen», sagt Isenschmid. Sie müssen lernen, sich auch wieder etwas zu gönnen, das einfach nur gut schmeckt. «Nahrung sollte einfach wieder nur Nahrung werden – und kein Mittel, um Kontrolle, Selbstbestrafung oder soziale Isolierung zu erreichen.»

Um aus dieser Essstörung auszubrechen, braucht es Zeit und Geduld. Das weiss auch Anja Stadler: Seit einem Jahr lernt sie in langsamen Schritten, mit ihren Ängsten umzugehen. Ein Stück von ihrem ehemaligen Lieblingskäse, dem spanischen Manchego, isst sie wieder ab und zu. Auch Eier und Joghurt nimmt sie wieder zu sich – ihr Speiseplan ist weniger einseitig. Geheilt ist Anja Stadler noch nicht. «Ich merke aber, dass mir die Therapie guttut. Ich fühle mich freier.»


Selbsttest: Prüfen Sie Ihr Essverhalten!

Sind Sie süchtig nach gesundem Essen? Dieser Selbsttest gibt Auskunft darüber. Jede mit Ja beantwortete Frage ergibt einen Punkt.

1. Denken Sie mehr als drei Stunden täglich über Ihre Ernährung nach? (Bei vier Stunden geben Sie sich zwei Punkte.)
Ja Nein

2. Planen Sie Ihre Mahlzeiten lange im Voraus?
Ja Nein

3. Ist Ihnen der gesundheitliche Wert der Speisen wichtiger als das Essvergnügen?
Ja Nein

4. Haben Sie das Gefühl, Ihre Lebensqualität nimmt ab wegen Ihrem Drang nach gesundem Essen?
Ja Nein

5. Sind Sie in letzter Zeit strenger mit sich selbst geworden?
Ja Nein

6. Verzichten Sie auf Dinge (z. B. auswärts Essen gehen) um die Nahrung zu essen, von der Sie glauben, dass sie richtig ist?
Ja Nein

7. Sehen Sie auf andere hinab, die sich nicht gesund ernähren?
Ja Nein

8. Fühlen Sie Schuld oder Selbstverachtung, wenn Sie von Ihrer Diät abweichen?
Ja Nein

9. Isoliert Ihre Diät Sie gesellschaftlich?
Ja Nein

10. Empfinden Sie Frieden und ein Gefühl totaler Selbstkontrolle, wenn Sie Ihre Diät einhalten?
Ja Nein


Ergebnis

0–2 Punkte: Ihr Essverhalten ist in Ordnung. Sie können ohne schlechtes Gewissen geniessen.

3–5 Punkte:
Es kann sein, dass bei Ihnen eine leichte Orthorexie vorliegt. Achten Sie auf Ihr Verhalten.

6–8 Punkte:
Sie haben Probleme mit Ihrem Essen. Fixieren Sie sich weniger auf Ihre Ernährung.

9 Punkte und mehr:
Sie benötigen fachliche Unterstützung.

Quelle: Bratman-Test

09. Juni 2008 | Gabriela Braun


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