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Gekaufte Schiedsrichter, abgekartete Partien, ein Penalty aus heiterem Himmel: Das Spiel «Millionen von Schwalben» nimmt das Fussballgeschäft auf die Schippe.
Die Schaufenster überquellen zurzeit mit Fussballartikeln. Bloss die Spiele-Branche hält sich zurück: Offenbar lässt sich die Faszination Fussball nur schwer mit Karten und Würfeln vermitteln. Auch «Millionen von Schwalben» ist zwar nicht neu, aber originell. Der Schweizer Verlag Fata Morgana brachte das Spiel vor zwei Jahren heraus, knapp vor der Fussball-Weltmeisterschaft.
55 Nationen stehen zur Auswahl. Aus denen wählt man 16 aus. Auch die bevorstehende Europameisterschaft lässt sich spielen: Alle Teilnehmer sind vorhanden.
Die Teams werden unter den Spielern verteilt, jeder ist somit mehrfacher Nationaltrainer. Dann wird der Spielplan ausgelost. Es gibt vier Gruppen, danach geht es im K.-o.-System weiter. Aber: Nicht der Turnier-Gewinner ist der Sieger, sondern jener Spieler, der am meisten Geld gescheffelt hat.
Vor Turnierbeginn wettet man. Dabei muss man keineswegs nur auf eigene Nationen setzen. Schneidet die eigene Mannschaft gut ab, gibt es zwar Siegprämien. Wer richtig getippt hat, verdient aber deutlich mehr Geld.
Zwecks Profitmaximierung kann es deshalb von Vorteil sein, ein eigenes Team verlieren zu lassen. Mit der Folge, dass die Fussballnation Italien durchaus am Aussenseiter Österreich scheitern kann – und dieser schliesslich Europameister wird.
Doch auch im Spiel «Millionen von Schwalben» haben die Favoriten bessere Chancen als die Fussballzwerge: Starke Nationen wie Frankreich oder Deutschland erhalten mehr Karten als schwache.
Jede Karte beschreibt in einem kurzen Text einen Spielzug: vom Alibi-Angriff bis zur Offside-Falle. Und natürlich auch die Schwalben, die dem Spiel den Namen geben: das kunstvolle Sich-fallenLassen in der Absicht, einen Foul-Pfiff zu erschwindeln.
Fast immer muss zum Wert der Karte ein Würfelresultat addiert werden, der Einfluss des Zufalls ist also beträchtlich. Doch auch der Schiedsrichter tut alles, damit das Spiel unberechenbar bleibt. Ihn als «Unparteiischen» zu betiteln, wäre völlig verkehrt: Seine Rolle nimmt jeweils ein Spieler ein, dessen Mannschaften gerade nicht am Ball sind. Entscheidet der Würfel, ob der «Schiri» ein Foul gesehen hat oder nicht – und das ist oft der Fall –, darf dieser das Würfelresultat um einen Punkt nach oben oder nach unten korrigieren. Und einmal im Turnier darf er sogar aus heiterem Himmel einen Penalty pfeifen – ein Highlight dieses Spiels.
Doch damit nicht genug der Mauscheleien: Vor dem Match dürfen die Spieler den Schiedsrichter bestechen, sie können sich sogar im Voraus auf ein Resultat einigen, das ihnen den grössten finanziellen Nutzen verspricht.
In «Millionen von Schwalben» wird viel gelacht. Denn oft ergeben sich absurde Situationen – zum Beispiel, wenn zwei Spieler auf die Mannschaft des anderen gewettet haben und beide um jeden Preis verlieren wollen. Auch die Texte auf den Karten sind witzig. So steht auf einer Angriffskarte: «Dein Stürmer lässt sich vor der Bandenwerbung des Sponsors pflegen.»
Und trotzdem kam das Spiel nicht bei allen gleich gut an. Einige Teilnehmer waren von der Atmosphäre begeistert, andere fanden die Spielmechanik mit Karten, Würfeln und Schiedsrichter-Entscheiden verwirrend.
In der Tat mussten wir auch nach mehreren Partien immer wieder überlegen: Muss ich als Schiedsrichter das Würfelresultat jetzt nach oben oder nach unten korrigieren, wenn die Mannschaft gewinnen soll, auf die ich gewettet habe?
Haupt-Kritikpunkt war allerdings die Spieldauer: Gerade mit unerfahrenen Spielern dauert ein Turnier gerne drei Stunden, mit Grüblern sogar noch länger. Und für ein doch eher glücksabhängiges Spiel ist dies vielen zu lang.
«Millionen von Schwalben» von Urs Hostettler, für 3 bis 6 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer 2 bis 4 Stunden, Preis ca. 40 Franken. Verlag Fata Morgana.
26. Mai 2008 | Christian Egg
