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Artikel | Gesundheits-Tipp 05/2008

Leben mit Gefühlsblindheit: Astrid*, 46

«Ich hatte einen Panzer um die Seele»


Erfolg und Ansehen: Das waren die zwei Triebfedern in meinem Leben: Erfolg und Ansehen. Nach aussen hin musste alles stimmen. Was auch immer Schlimmes in meinem Leben passierte, ich setzte ein Lächeln auf. Das ging so, seit mich ein Lehrer missbraucht hatte. Er hatte mich furchtbar erniedrigt. Gefühle liess ich danach nicht mehr zu.

Um meine Probleme nicht zu spüren, vergrub ich mich in Arbeit. An den Wochenenden fiel ich dann in ein schwarzes Loch. Ich konnte nicht schlafen, hatte Schweissausbrüche und Albträume. Vor eineinhalb Jahren brach ich zusammen. Die Ärzte stellten fest, dass ich unter Gefühlsblindheit leide.

Meine Gefühle waren schon lange eingefroren. Mein Vater war Alkoholiker, an meinem 16. Geburtstag verliess er die Familie. Bei seinem Tod vor zehn Jahren vergoss ich keine Träne. Dennoch: An seinem Grab fühlte ich mich schlecht. Aber ich wusste nicht, was Schmerz bedeutet. Ich kannte auch keine Wut. Ich hielt stumm die Luft an.

Da war auch dieser Drang, mich zu verletzen. Nur, um etwas zu fühlen. Ich tat es dann nicht. Das Einzige, was ich spürte, waren Schuldgefühle. Wenn ich beschenkt wurde, täuschte ich die Freude lediglich vor. Innerlich war ich überzeugt: «Ich verdiene das nicht.» Nur auf dem Rücken meiner Pferde fühlte ich mich lebendig: Ich spürte Freiheit, Tempo und Angst.

Auch mein Mann war Alkoholiker. Viel zu lange nahm ich ihn in Schutz, ich war den Zustand ja vom Vater her gewohnt. Anfangs habe ich meinen Mann wohl geliebt. Doch dann erduldete ich ihn nur noch. Wenn wir zusammen waren, fühlte ich nichts. Mit der Zeit verlor ich viele Freunde. Das lag wohl am Verhalten meines Mannes – aber auch an meiner kühlen, eher arroganten Art. Dann hatte mein Mann einen Unfall. Er wurde arbeitslos und trank noch mehr. Ich flüchtete wieder in die Arbeit. Neben meinem anspruchsvollen Job machte ich eine Weiterbildung. Abends kümmerte ich mich um meine zwei Pferde. Mein Tag begann um sechs Uhr morgens und hörte nachts um elf Uhr auf. Ich gönnte mir nichts, entspannte mich nie.

Ich schloss die Prüfungen meiner Weiterbildung gut ab – aber ich konnte mich kaum freuen. Ich war nur noch müde. Alles war mir plötzlich zu viel. Auf der Arbeit machte ich Fehler, vergass alles. Nur deswegen ging ich in eine psychiatrische Tagesklinik. Erst dort begriff ich, was mit mir los war. Endlich brach der Panzer, der um meine Seele lag. Ich erlebte Freude und Schmerz in ungekanntem Mass.

Vor allem die Maltherapie war wie eine Befreiung: Über Pinsel und Farben konnte ich mein Empfinden ausdrücken. Ausserdem lernte ich, über meine Probleme zu sprechen, sie zu akzeptieren und mich selbst zu spüren. Ich begann, in Teilzeit wieder zu arbeiten. Zum Glück habe ich einen verständnisvollen Arbeitgeber und kann das Pensum meinem Befinden anpassen.

Letzten Sommer hatte ich einen Rückfall. Ich lag von morgens bis abends im Bett. Meine Schwester half mir. Und da war noch jemand: mein Hund. Nur er brachte mich zum Aufstehen – und zum Lachen.

Jetzt arbeite ich wieder 50 Prozent. Und ich male. Ich bin inzwischen geschieden. In der Klinik lernte ich meinen neuen Partner kennen. Er ist sehr sensibel, emotional und einfühlsam. Er weckt in mir nie gekannte Gefühle. Ich weiss heute, was Sehnsucht und Zuneigung bedeuten.

Aufgezeichnet: Fridy Schürch
* Name geändert

Warum manche Menschen alles kalt lässt

Traumatische Erlebnisse wie sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit sind meistens der Grund, warum Menschen blind gegenüber Gefühlen werden. Sie spüren weder Wut, Hass, Trauer noch Freude.

Gefühlsblindheit (Alexithymie) ist eine Persönlichkeitsstörung. Oft ist sie verbunden mit Depressionen oder psychosomatischen Krankheiten. Zwischen den Gehirnhälften fliessen Informationen nicht richtig. Fachleute schätzen, dass mindestens jeder zehnte Mensch davon betroffen ist.

Gefühlsblinde fallen meist im Alltag nicht auf. Aber sie sind stark angespannt. Der enorme Druck kann zum Zusammenbruch führen.


Buchtipp

Doris Wolf, Rolf Merkle: «Gefühle verstehen, Probleme bewältigen», Pal-Verlag, Fr. 23.30


Beratung

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858, Mo, Di, Do 9–12 h, Do 14–17h

12. Mai 2008


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