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“Ein Parfümspritzer macht mich krank”
Warum es damals anfing, begreife ich bis heute nicht. Nach der Schilddrüsen-Operation sollte ich die Narbe eincremen. Plötzlich fühlte ich mich schlecht wie noch nie in meinem Leben. Sofort wusch ich die Salbe weg. Das war das erste Mal, dass ich heftig auf Chemikalien reagierte.
Seither sind viele Gerüche für mich unerträglich: Parfüm, Haarlack, Shampoo, Putzmittel, Rauch, Heizöl und vieles andere machen mich krank. Sie lösen Atembeschwerden, Juckreiz und Panik aus. Dann kann ich kaum noch denken. Deshalb trage ich zum Schutz eine Maske über Mund und Nase.
Nur wenige Menschen zeigen Verständnis und nehmen Rücksicht. Dadurch werden Kontakte schwierig. Mein Mann und ich werden nicht mehr eingeladen. Selbst viele gute Bekannte nehmen meine Krankheit nicht ernst. Sie sagen: «Tu doch nicht so, das kann doch nicht so schlimm sein.» Wenn ich die Schutzmaske trage, höre ich oft Bemerkungen wie «Wir haben noch nicht die Vogelgrippe».
Die Maske stört mich besonders, wenn ich ins Theater oder in ein Konzert gehe. Dort sind alle Leute schön gekleidet, parfümiert und geschminkt – und ich komme mit dieser Maske daher. Logisch starren mich dann alle an. Sie wissen ja nicht, warum ich die Maske trage.
Sogar viele Ärzte kennen die Krankheit nicht. Sie wimmelten mich mit meinen Beschwerden ab. Es dauerte zwei Jahre, bis mir ein Arzt nach vielen Tests die Diagnose MCS stellte. MCS heisst, ich vertrage alltägliche Chemikalien nicht.
Manchmal muss ich flüchten. Im Warenhaus etwa. Da wurde ich unerwartet mit Parfüm besprüht! Das ertrug ich nicht. Wenn daheim das Heizöl aufgefüllt wird, muss ich das Haus verlassen.
Selbst für meinen Mann ist es nicht leicht, immer daran zu denken. Vor Jahren dachten wir, im Pensionsalter reisen zu können, wo immer es uns hinzieht. Doch jetzt ist die Reiseplanung ein ewiges Suchen. Nur mit wenigen Hotels können wir absprechen, dass sie keine duftenden Reinigungsmittel für unser Zimmer verwenden.
Für MCS gibt es kein Heilmittel. Das Einzige, was hilft, ist Schadstoffe zu meiden, so gut es geht. Auch bei der Ernährung. Ich esse möglichst natürliche, unbehandelte Produkte. Ich verzichte auf Weissmehl, Zucker – und vor allem auf Schweinefleisch. Milchprodukte müssen vom Schaf sein und Schoggi dunkel. Zum Schutz vor Juckreiz benutze ich Nasensalbe, Augentropfen und duftfreie Körpercremen.
Daheim lenke ich mich mit Musik ab und male mit Aquarellfarben. Sie dünsten keine Chemikalien aus. Mein Gesundbrunnen ist die Natur: Wenn ich mich schlecht fühle, wandere ich durch den Wald. Das Wichtigste aber ist die Einstellung: Jeder Anfall geht wieder vorbei.
MCS: Betroffene sind extrem empfindlich auf Chemikalien
Immer mehr Menschen leiden unter MCS, der Multiple Chemical Sensitivity. Die Krankheit ist eine Reaktion des Immunsystems auf Umweltschadstoffe. Die Betroffenen reagieren extrem auf alltägliche Chemikalien – von Kosmetika bis Abgasen. Sie bekommen Kopf- schmerzen, Kreislaufbeschwerden, Atemnot, leiden unter Schlafstörungen und anderen, zum Teil lebensgefährlichen Beschwerden.
In der Schweiz leben 300 Menschen mit MCS. Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer viel höher. In Deutschland etwa ist einer von 1500 Menschen betroffen.
Um Chemikalien zu meiden, müssen viele Patienten ihr Umfeld verlassen: Sie brauchen zum Beispiel spezielle Wohnungen, die keine Chemikalien ausdünsten. Manche wohnen in den Bergen, am Waldrand in einem alten Wohnwagen oder sogar im Freien. Die MCS-Liga plant, Wohnraum für MCS-Kranke zu schaffen. Ein erstes Haus soll in Zürich entstehen.
Infos und Hilfe
15. April 2008 | Aufgezeichnet: Fridy Schürch
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