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Artikel | Gesundheits-Tipp 04/2008

Margrit, 71, erträgt keine Chemikalien

“Ein Parfümspritzer macht mich krank”

Warum es damals anfing, begreife ich bis heute nicht. Nach der Schilddrüsen-Operation sollte ich die Narbe eincremen. Plötzlich fühlte ich mich schlecht wie noch nie in meinem Leben. Sofort wusch ich die Salbe weg. Das war das erste Mal, dass ich heftig auf Chemikalien reagierte.

Seither sind viele Gerüche für mich unerträglich: Parfüm, Haarlack, Shampoo, Putzmittel, Rauch, Heizöl und vieles andere machen mich krank. Sie lösen Atembeschwerden, Juckreiz und Panik aus. Dann kann ich kaum noch denken. Deshalb trage ich zum Schutz eine Maske über Mund und Nase.

Nur wenige Menschen zeigen Verständnis und nehmen Rücksicht. Dadurch werden Kontakte schwierig. Mein Mann und ich werden nicht mehr eingeladen. Selbst viele gute Bekannte nehmen meine Krankheit nicht ernst. Sie sagen: «Tu doch nicht so, das kann doch nicht so schlimm sein.» Wenn ich die Schutzmaske trage, höre ich oft Bemerkungen wie «Wir haben noch nicht die Vogelgrippe».

Die Maske stört mich besonders, wenn ich ins Theater oder in ein Konzert gehe. Dort sind alle Leute schön gekleidet, parfümiert und geschminkt – und ich komme mit dieser Maske daher. Logisch starren mich dann alle an. Sie wissen ja nicht, warum ich die Maske trage.

Sogar viele Ärzte kennen die Krankheit nicht. Sie wimmelten mich mit meinen Beschwerden ab. Es dauerte zwei Jahre, bis mir ein Arzt nach vielen Tests die Diagnose MCS stellte. MCS heisst, ich vertrage alltägliche Chemikalien nicht.

Manchmal muss ich flüchten. Im Warenhaus etwa. Da wurde ich unerwartet mit Parfüm besprüht! Das ertrug ich nicht. Wenn daheim das Heizöl aufgefüllt wird, muss ich das Haus verlassen.

Selbst für meinen Mann ist es nicht leicht, immer daran zu denken. Vor Jahren dachten wir, im Pensionsalter reisen zu können, wo immer es uns hinzieht. Doch jetzt ist die Reiseplanung ein ewiges Suchen. Nur mit wenigen Hotels können wir absprechen, dass sie keine duftenden Reinigungsmittel für unser Zimmer verwenden.

Für MCS gibt es kein Heilmittel. Das Einzige, was hilft, ist Schadstoffe zu meiden, so gut es geht. Auch bei der Ernährung. Ich esse möglichst natürliche, unbehandelte Produkte. Ich verzichte auf Weissmehl, Zucker – und vor allem auf Schweinefleisch. Milchprodukte müssen vom Schaf sein und Schoggi dunkel. Zum Schutz vor Juckreiz benutze ich Nasensalbe, Augentropfen und duftfreie Körpercremen.

Daheim lenke ich mich mit Musik ab und male mit Aquarellfarben. Sie dünsten keine Chemikalien aus. Mein Gesundbrunnen ist die Natur: Wenn ich mich schlecht fühle, wandere ich durch den Wald. Das Wichtigste aber ist die Einstellung: Jeder Anfall geht wieder vorbei.


MCS: Betroffene sind extrem empfindlich auf Chemikalien

Immer mehr Menschen leiden unter MCS, der Multiple Chemical Sensitivity. Die Krankheit ist eine Reaktion des Immunsystems auf Umweltschadstoffe. Die Betroffenen reagieren extrem auf alltägliche Chemikalien – von Kosmetika bis Abgasen. Sie bekommen Kopf- schmerzen, Kreislaufbeschwerden, Atemnot, leiden unter Schlafstörungen und anderen, zum Teil lebensgefährlichen Beschwerden.

In der Schweiz leben 300 Menschen mit MCS. Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer viel höher. In Deutschland etwa ist einer von 1500 Menschen betroffen.

Um Chemikalien zu meiden, müssen viele Patienten ihr Umfeld verlassen: Sie brauchen zum Beispiel spezielle Wohnungen, die keine Chemikalien ausdünsten. Manche wohnen in den Bergen, am Waldrand in einem alten Wohnwagen oder sogar im Freien. Die MCS-Liga plant, Wohnraum für MCS-Kranke zu schaffen. Ein erstes Haus soll in Zürich entstehen.


Infos und Hilfe

  • MCS-Liga Schweiz
    Postfach 169
    7078 Lenzerheide
    Tel. 081 356 37 39
    www.mcs-liga.ch

15. April 2008 | Aufgezeichnet: Fridy Schürch


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Margrit, 71, erträgt keine Chemikalien
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Kommentare (1)

 
  • MCS-SOS | 19.04.2008, 11:07

    “Ein Parfümspritzer macht mich krank”

    Liebe Margrit

    Mit grossem Interesse haben wir den Bericht über Sie im
    Gesundheitstipp gelesen und Sie sprechen vielen anderen Betroffenen
    aus der Seele. Was Sie schildern ist bei uns Realität, hat nichts
    mit „tu doch nicht so“ zu tun, denn die Gerüche um uns herum
    machen uns wirklich krank. Bei den einen ist es noch nicht so schlimm
    und sie können zum Teil einer geregelten Arbeit nachgehen,
    anderen ist dies schon lange nicht mehr möglich. Eine lange
    Ärzteodyssee ist nicht selten, weil vielfach nur einzelne
    Symptome bekämpft werden, nicht aber nach der Ursache gesucht
    wird. Für viele ist es eine Erleichterung endlich zu erfahren,
    dass dieses Phantom auch einen Namen hat, denn dann kann man besser
    damit umgehen und sein Leben anders in die Hand nehmen. Man entwickelt
    Taktiken um Chemikalien im Alltag aus dem Weg zu gehen. Da es aber
    kaum duftfreie Produkte gibt, ist dies gar nicht so einfach.
    Gerade weil diese Krankheit noch wenig bekannt ist und bei den
    Mitmenschen oft auf Unverständnis stösst, bewundern wir
    Ihren Mut, liebe Margrit, mit Ihrer Geschichte an die
    Öffentlichkeit zu gehen. Wir bedanken uns sehr herzlich und wir
    sind sicher, dass Sie damit auch anderen MCS-Kranken helfen und ihnen
    Mut machen. Nur wenn wir über unsere Probleme sprechen,
    können wir auf unsere oft unüberwindbaren Hürden im
    Alltag aufmerksam machen. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen Mut
    und Kraft und möglichst viele rücksichtsvolle Mitmenschen in
    Ihrem Umfeld.

    Vielen Dank auch an das Team vom Gesundheitstipp, das diesen Bericht
    ermöglicht hat.

    Wir sind der Meinung, es sollte auch schwer chemikaliensensiblen
    Menschen das Recht zustehen, sich nicht total isolieren zu
    müssen. Die Krankheit allein macht es schon schwierig genug, sich
    genügend Lebensqualität zu erhalten.

    Mit freundlichen Grüssen

    Team MCS-SOS

    MCS-Selbsthilfeorganisation Schweiz
    Rainweg 11
    3250 Lyss
    www.mcs-sos.ch
    info@mcs-sos.ch
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