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Viele Kinder sind krankhaft dick. Sie sollten abnehmen. Doch die Krankenkassen weigern sich, dafür zu zahlen – obwohl sie müssten. Betroffen sind gerade ärmere Familien.
Jedes fünfte Kind zwischen 6 und 12 Jahren ist übergewichtig, jedes zwanzigste gar fettleibig. Zu diesem Schluss kam eine Studie der ETH Zürich bereits vor vier Jahren. Das hat für die Kinder gefährliche Folgen: Sie leiden deswegen an Diabetes, haben einen hohen Blutdruck und ihr Fettstoffwechsel ist gestört.
Für diese Kinder gibt es Hilfe: Abnehmprogramme wie Club Minu, Food-4-Teens, Shake oder Optimal. Rund 30 solche Programme und Kurse gibt es in der Schweiz, viele von ihnen haben ein Gütesiegel des Schweizerischen Fachvereins für Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AKJ, siehe unten).
Kosten betragen schnell bis zu 5000 Franken
Die Kurse sind nicht gratis. Eine Beratungstherapie dauert rund ein Jahr und kostet im Schnitt 2000 Franken. Kommen noch Spitalaufenthalte dazu, steigen die Kosten auf bis zu 5000 Franken.
Doch jetzt klagen Experten: Die Kosten bleiben vielfach an den Eltern hängen. Denn die Krankenkassen klemmen. Seit Januar dieses Jahres ist die Gruppentherapie für übergewichtige Kinder zwar im Leistungskatalog der Grundversicherung aufgeführt – zumindest provisorisch für die nächsten fünf Jahre. Eltern müssten bloss noch den Selbstbehalt bezahlen, den Rest die Kassen. Doch das tun sie nicht – mit fadenscheiniger Begründung: Der Vertragsentwurf zwischen den behandelnden Ärzten und den Kassen für die Adipositas-Therapie sei «noch nicht ganz unterschriftsreif», so der Sprecher von Santésuisse, dem Verband der Schweizer Krankenversicherer. Der Beschluss sei «kurzfristig» erfolgt.
«Ärmere Familien sind hier klar diskriminiert»
Betroffen sind vor allem ärmere Familien, denn meist stammen die übergewichtigen Kinder aus sozial benachteiligten Schichten. Das zeigt unter anderem eine Untersuchung im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz aus dem Jahr 2005. Sibylle Brunner, AKJ-Geschäftsführerin: «Die ärmeren Familien sind hier klar diskriminiert.» Josef Laimbacher, Chefarzt für Jugendmedizin am Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen, berichtet von Familien, die ihre Kinder nicht an die Kurse schicken konnten: «Sie konnten das Geld nicht aufbringen.»
Für Robert Sempach, Ernährungspsychologe und Projektleiter des Adipositas-Programms Club Minu, ist die Situation «absurd»: Seit Jahren würden die Krankenkassen fettleibigen Erwachsenen ihren Kampf gegen zu viele Pfunde bezahlen – mit Ernährungsberatungen, professionellen Gruppen- und Einzeltherapien. Doch bei übergewichtigen Kindern spielen sie auf Zeit. Sempach spricht von einem «unhaltbaren Zustand». Für den Ernährungspsychologen «sind aber gerade bei übergewichtigen Kindern frühe Umstellungen in Ernährung und Verhalten enorm wichtig». Andernfalls ist die Gefahr gross, dass sie auch als Erwachsene dick sind – und krank werden.
Auch für Chefarzt Josef Laimbacher ist klar: «Eine Adipositas-Therapie ist so notwendig wie andere Therapien bei anderen Krankheiten auch.» Die betroffenen Kinder seien zum Teil erheblich krank.
Gruppentherapien: Für die Motivation sehr wichtig
Die Diätprogramme sind unter Fachleuten unbestritten. Ihr Ziel ist, das Gewicht der Kinder zu reduzieren oder wenigstens zu stabilisieren. Sie richten sich vorwiegend an 9- bis 16-jährige Kinder und Jugendliche. Ernährungsberater und Psychologen bringen ihnen bei, wie sie die Ernährung und das Essverhalten umstellen, sich körperlich aktiv halten und ihr Selbstbild verändern können.
Denn dicke Kinder haben nicht nur einen gestörten Stoffwechsel, auch ihre Psyche kommt häufig unter die Räder. Sie werden gehänselt, haben ein deutlich schlechteres Selbstwertgefühl als normalgewichtige Alterskolleginnen und -kollegen. Dicke Kinder leiden zudem vermehrt an Depressionen und an der Aufmerksamkeitsstörung ADHS.
Der Allgemeinpraktiker Thomas Walser ist überzeugt: «Gerade bei Kindern sind Gruppentherapien für die Motivation sehr wichtig.» Auch Ernährungsfachfrau Carine Buhmann empfiehlt die Programme: «Kinder können dort viel über gesunde Ernährung lernen und ihre Essgewohnheiten positiv verändern.» Dies allein zu schaffen, sei kaum möglich. Die Fachleute beziehen die Eltern mit ein, denn um Erfolge zu feiern, müssten alle am selben Strang ziehen. «Sonst funktioniert es nicht», weiss Sibylle Brunner aus Erfahrung.
Diäten bei Kindern erfolgreicher als bei Erwachsenen
Zudem haben die Programme Erfolg. Zwar liegen keine offizellen Daten vor. Doch das Adipositas-Programm Club Minu zum Beispiel berichtet, dass rund zwei Drittel der Teilnehmer längerfristige Erfolge nachweisen können – und das ist fast dreimal mehr als bei vergleichbaren Programmen für Erwachsene. Sempach: «Ein Jahr nach dem Programmabschluss bringen die Kinder im Verhältnis weniger Gewicht auf die Waage und sind um einiges gesünder.» Mögliche Folgekosten würden so reduziert – «und das müsste doch eigentlich für die Krankenkassen interessant sein», so Sempach.
Santésuisse wehrt sich gegen die Vorwürfe: Man hoffe «auf einen baldigen Vertragsabschluss». Denn auch Santésuisse halte es für wichtig, «sehr stark übergewichtigen Kindern mit der Therapie wieder zu mehr Lebensqualität und Selbstvertrauen zu verhelfen.» Zurzeit sind das allerdings nur Lippenkenntnisse.
Übergewichtige Kinder – die Anlaufstellen
Hat Ihr Kind Übergewicht oder Essstörungen, ist die erste Adresse Ihr Kinderarzt. Lassen Sie sich von ihm zuerst beraten.
Abrakadabra, Solothurn, Tel. 032 627 84 00
Adikids, Zug, Tel. 041 766 61 54
Adiri, Basel, Tel. 061 641 51 65
Adwin, Winterthur, www.adwin.ch
Club Minu, Zürich, www.minuweb.ch
D-Club Castelmont, Basel, Tel. 061 271 91 55
Food-4-Teens, Wohlen, www.food4teens-wohlen.ch
Happy Kids, Zürich, brigitta.ganz@bigawellfit.ch
KIG-Together, St. Gallen, www.kispisg.ch
Knapp, Knonauer Amt, Tel. 044 768 30 15
Minuzo, Zürcher Oberland, www.minuzo.ch
Now-or-never, Wilen (Sarnen), now-or-never@bluewin.ch
Okapi, Olten, www.okapi-olten.ch
Optimahl, Aarau, info@optimahl.ch
Shake, Schaffhausen, www.sh-ake.ch
Trap, Zürich, Tel. 044 466 24 02
Wim, Bern, corinne-spahr@bluewin.ch
31. März 2008 | Gabriela Braun
