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Der Spitalarzt hängte seinen Beruf wegen gesundheitlicher Probleme an den Nagel. Als Arzt arbeitete Klaus Ratheiser 60 bis 100 Stunden pro Woche. Die Arbeit im Spital habe zwei Ehen zerstört und ihn an den Rand eines Burnouts gebracht, sagt er heute.
Klaus Ratheiser, warum arbeiten Sie nicht mehr als Arzt?
Vor sieben Jahren hat ein Bandscheibenvorfall meine Karriere als Arzt gestoppt. Denn ich war damals zu wenig beweglich, um Patienten zu versorgen. Das hatte auch positive Seiten: Ich hatte – ohne die Arbeit im Spital – endlich Zeit, über mein Leben nachzudenken.
Was haben Sie herausgefunden?
Ich realisierte, dass ich nahe an einem Burnout war.
Wussten Sie das vorher nicht?
Ich hatte es verdrängt. Als Leiter der Intensivstation eines grossen Spitals war ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere. Doch mein Innenleben sah weniger glanzvoll aus: Zuhause war ich oft muffelig, aggressiv und trank zu viel Alkohol. Dann zog ich mich aus dem Freundeskreis zurück. Ich war damals stärker gefährdet, als ich glaubte.
Was hat Sie als Arzt am meisten belastet?
Ich wurde jede Woche mit Dutzenden dramatischer Schicksale konfrontiert. Auch die Frage, ob ich alles getan habe, um das Leben der Patienten zu retten, hat mich oft gequält. Ich hatte aber nie Gelegenheit, diese belastenden Bilder zu verarbeiten.
Konnten Sie mit Ihrer Frau nicht darüber sprechen?
Das habe ich nie gemacht. Wenn ich endlich nach Hause kam, gab es immer vieles zu erledigen – mich um die Tochter kümmern, Möbel montieren usw. Ich wollte meine Frau auch nicht täglich mit meinen Spitalerlebnissen konfrontieren.
Gab es auch schöne Dinge?
Wenn ich mit Patienten und Angehörigen sprach, bekam ich viel Schönes zurück. Doch leider fehlte oft die Zeit für das Gespräch mit den Patienten. Als Arzt an einem Unispital wurde von mir erwartet, möglichst viele wissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen.
Hatten Sie keine Lust zum Forschen?
Doch. Aber die wissenschaftliche Arbeit verschlang zu viel Zeit. Ich hätte lieber weniger geforscht und mehr mit den Patienten gesprochen.
Waren die langen Arbeitszeiten ein Problem für Sie?
Ja. Ich arbeitete 60 bis 100 Stunden pro Woche. Einmal arbeitete ich 14 Tage lang pausenlos in der Intensivstation – Tag und Nacht. Es war niemand sonst da, der die Arbeit hätte machen können.
Wie fühlten Sie sich nachher?
Wie ein Roboter auf einem anderen Planeten, ein unwirkliches Gefühl.
Was meinte Ihre Familie zu den langen Arbeitszeiten?
Meine Arbeit führte immer wieder zu Konflikten. Wenn ich nach Hause kam, hatte ich keine Energie mehr, um mit meiner Familie etwas zu unternehmen. Das sind keine guten Voraussetzungen für eine Partnerschaft. Als ich im Spital arbeitete, gingen meine beiden Ehen in die Brüche.
Führte Ihre Arbeit zur Trennung?
Die Arbeit war nicht der einzige Grund. Aber sie hatte einen grossen Einfluss darauf. Die Arbeit im Spital schadet der Familie – wenn das Spital den Ärzten nicht hilft, ihre Gefühle zu verarbeiten. Ansätze dazu gibt es erst seit ein paar Jahren. Ich habe erkannt, wie wichtig das ist. Deshalb lasse ich mich zum Psychologen weiterbilden. Heute betreue ich Ärzte in psychischen Notsituationen.
Zur Person: Klaus Ratheiser
Der gebürtige Österreicher Klaus Ratheiser sieht sich als «Hofnarr»: In drei Büchern verarbeitete er seine Erlebnisse als Arzt und kritisierte den Spitalbetrieb. Zuvor hatte er 20 Jahre lang auf Intensivstationen gearbeitet – in Zürich, St. Veit an der Glan und in Wien. Jetzt betreut er als Coach Ärzte in Krisensituationen.
18. Februar 2008 | Andreas Gossweiler
