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Schwierige Patienten mit Schizophrenie erhalten ihre Medikamente oft als Spritze. Die Wirkung hält über mehrere Wochen an – die schweren Nebenwirkungen allerdings auch.
Die Stimmen verfolgen Petra Müller (Name geändert) seit 18 Jahren: «Es sind Männerstimmen, quasi stereo, Dämonen, die mich auch nachts nicht in Ruhe lassen.» Die Situation wurde immer schlimmer und der Notfallarzt liess Petra Müller in eine psychiatrische Klinik einweisen.
Zweieinhalb Jahre verbrachte die Mutter von drei Kindern in der Klinik. Doch die Schizophrenie-Kranke nahm ihre Medikamente wegen der Nebenwirkungen nur ungern und unregelmässig. Vor der Entlassung konnten die Klinikärzte sie schliesslich überzeugen, sich die Medikamente als Depot in den Gesässmuskel spritzen zu lassen. Seither begibt sich die heute 54-Jährige jeden zweiten Mittwoch in die Universitätsklinik Zürich und lässt sich die Spritze setzen. Denn sie weiss: «Die Medikamente würde ich nie und nimmer schlucken.»
Bei Problempatienten ist die Therapie gewährleistet
In einzelnen Psychiatriezentren bekommt bereits jeder zehnte Schizophrenie-Patient seine Medikamente als Depot gespritzt. Der Grund: Oft sind Schizophrenie-Kranke uneinsichtig, sie fühlen sich gar nicht krank oder weigern sich, Medikamente zu schlucken. Ausserhalb der Klinik sind Depot-Medikamente oft der einzige Weg für eine konstante Therapie.
Für René Bridler, leitender Arzt von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, ist sie vor allem dann angebracht, wenn eine Person regelmässig die Einsicht verliert, dass sie krank ist, und «dabei für sich oder andere zur Gefahr wird und es immer wieder zu Klinikeinweisungen kommt – vielleicht gar gegen den Willen des Patienten».
Fünf Medikamente, sogenannte Neuroleptika, sind in der Schweiz für Depot-Spritzen bereits zugelassen (siehe unten). Die gespritzten Medikamente wirken im Körper während zwei bis vier Wochen.
Nebenwirkungen: Zittern und Bewegungsstörungen
Doch Depot-Medikamente sind unter Fachleuten und Patienten umstritten. Denn oft haben Neuroleptika schwere Nebenwirkungen: Den Patienten zittern die Hände, sie können die Arme und Beine nicht mehr richtig bewegen oder nur noch mit kleinen Schritten gehen. Wenn man die Medikamente spritzt, bleiben die Nebenwirkungen über Wochen bestehen, ohne dass die Patienten etwas dagegen tun können.
Als Depot-Medikamente werden vor allem ältere Neuroleptika verwendet – die oftmals stärkere Nebenwirkungen haben als die neueren Mittel.
Auch für Petra Müller braucht es jedes Mal Überwindung, sich die Spritze setzen zu lassen: «Die Medikamente fahren mir immer wahnsinnig ein.» In den ersten Tagen ist ihr übel, sie fühlt sich elend und ist «hundemüde». Die Unruhe in den Beinen, der Schwindel und das starke Zittern in den Händen sind seit Jahren zu unliebsamen Begleitern geworden. Meist vibrieren die Finger so stark, dass sie nur mit Mühe schreiben kann.
«Chemische Zwangsjacke» schränkt Patienten ein
Jürg Gassmann, Zentralsekretär von Pro Mente Sana, spricht Klartext: «Viele Patientinnen und Patienten empfinden Neuroleptika als chemische Zwangsjacke und berichten, dass sie sich sehr schlecht fühlen.» Gassmann befürchtet zudem, dass Ärzte bei den Depot-Spritzen die Therapie nicht mehr hinterfragen und nicht über das Absetzen oder Reduzieren von Medikamenten nachdenken würden. Mit den Spritzen geht zudem auch ein Teil der Autonomie der Patienten verloren. Sie können die Medikamente nicht selber absetzen oder die Dosis ändern.
Für Facharzt René Bridler können die Vorteile bei einzelnen Betroffenen aber dennoch überwiegen: «Eine Depot-Spritze kann dazu beitragen, dass ein Mensch längerfristig in eine stabilere Situation kommt. Dies reduziert die Rückfallquote und kann mehr Lebensqualität bedeuten.»
Langzeit-Spritzen in der Psychiatrie: Das sind Vor- und Nachteile
Vorteile:
Nachteile:
Infos zu Medikamenten:
Broschüre «Psychopharmaka – Informationen für einen selbstbestimmten Umgang»,
für 10 Franken zu bestellen bei
Pro Mente Sana
Hardturmstrasse 261
Postfach
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oder unter www.promentesana.ch
22. Januar 2008 | Ursula Eichenberger
