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Das 14-jährige Mädchen hört fast nichts – und ihre Augen nehmen nur schwache Lichtreflexe wahr.
Ein wenig Licht, ein wenig Schatten, Berührungen: Das ist Annas Welt. Das Mädchen ist taubblindund geistig behindert.
Anna (Name geändert) liegt rücklings auf dem Pferd. Kein Sattel stört. Ihre Beine baumeln an den Flanken. Der Haflinger trottet gemächlich durch den Wald. Anna lässt sich von seinen Schritten schaukeln. Sie blinzelt in die Sonne, die durch die Bäume fällt. Licht und Schatten tanzen im Wechsel auf Annas Gesicht, sie lächelt.
Seit ihrer Geburt sieht die 14-Jährige fast nichts. Und sie hört auch fast nichts. Sie gilt als taubblind. Licht ist einer der Anker, mit dem sich Anna in der Welt um sie herum festhält. Oft versinkt das Mädchen ganz in sich selbst. Dann vollzieht sie ihr Fingerspiel: Sie bildet mit Zeige- und Mittelfinger ein Gucklock und bewegt es schnell vor dem rechten Auge hin und her. Die Lichtreflexe, die so ins Auge fallen, faszinieren sie.
Wie viel Anna hört und sieht, ist schwer zu sagen. Wenn sich Betreuer Andreas Hunsperger vor sie stellt, reagiert sie nicht. Aber wenn ein Gummibärli zwei Meter entfernt auf dem Tisch liegt, entdeckt es Anna. Essen ist der zweite Anker, an den sich das zarte Mädchen klammert. Äpfel, Kuchen, Nudeln – Essbares zieht Anna magisch an.
Anna wohnt in der «Tanne» in Langnau am Albis ZH. Das ist die einzige Schweizer Institution, die sich speziell um taubblinde Menschen kümmert. Die meisten Bewohner haben weitere körperliche Gebrechen und eine geistige Behinderung. Neben dem Wohnbereich gibt es eine Internatsschule, zudem Beschäftigungsplätze für Erwachsene. 56 Menschen wohnen dort. 19 weitere besuchen nur die Schule.
Symbole und Gesten helfen Anna zu kommunizieren
«Taubblindheit ist nicht die Summe von taub und blind. Sie umfasst viel mehr», sagt Hendrika Graf-de Ruiter, Leiterin der Kinderabteilung. «Diese Menschen haben nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen und zu erforschen. Das führt zu starken Verzögerungen in der Entwicklung.» Was ist der Boden, was ist der Himmel? Was die Mutter? Taubblinde Kinder begreifen nur langsam.
Und das Greifen, das Fühlen ist der Schlüssel zur Welt. Auch für Anna. Mit vier Jahren kam sie in die Internatsschule der «Tanne». Die Lehrer übten Gesten und Symbole mit ihr. 500-mal, 1000-mal dasselbe. Vormachen, Fühlen, Nachahmen. Irgendwann verstand sie.
Heute kennt das Mädchen rund zwanzig Gesten und Symbole, mit denen es kommuniziert. Symbole sind zum Beispiel die verschiedenen Armbänder der Betreuer. Wenn Anna das Band mit der angeknoteten Spielfigur an Andreas’ Handgelenk fühlt, erkennt sie ihn. Eine Geste ist für Anna, wenn sie morgens am Ellenbogen berührt wird, dann weiss sie: Zeit zum Aufstehen!
Verschiedene Gefässe zeigen die Wochentage an
In ihrem Zimmer in der Wohngruppe hängen verschiedene mit Stoff und Fell beklebte Trommeln. Sie zeigen Anna die Wochentage an. Heute, am Donnerstag, steckt in der Trommel ein Stoffeselchen – Hippotherapie. Legt Andreas dem Mädchen die Schuhe in die Hände, begreift Anna: Es geht los.
Im Vergleich zu vielen ihrer Mitbewohner ist Anna fit. Sie findet in ihrer Umgebung alleine den Weg. Ihr Körper gehorcht ihr. Nur ihre Muskeln sind schwach – Anna bewegt sich nicht gern. Am liebsten lässt sie sich auf dem Wasser treiben. Oder in ihrem Hängesitz schaukeln, oder auf dem Pferderücken. Stundenlang, wenn sie dürfte. Doch Anna soll in der Hippotherapie ihre Muskeln stärken. Therapeutin Anneke Dobrovolny-Janssen zieht das Mädchen auf dem Pferd sanft am Arm. Anna versteht, richtet sich auf.
Ein Glücksfall, dass Anna kaum Angst kennt. «Viele Erfahrungen, die ein taubblinder Säugling macht, sind negativ. Das beginnt damit, dass er sich beim Strampeln am Bettchen stösst – und nicht weiss, woher der Schmerz kommt», sagt Hendrika Graf-de Ruiter. Trotz professioneller Unterstützung sind die meisten Eltern mit solchen Babys überfordert.
Eine Pflegemutter schenkt Anna an den Wochenenden Liebe. Klare Strukturen und die Beziehungen zu ihren Betreuern im Internat geben ihr Halt in der stummen Welt.
Anna streckt das Gesicht zur Sonne. Das Kälbchen, das sie nach der Reittherapie streicheln könnte, interessiert sie nicht, bis sie das Futter bemerkt. Sie untersucht es, beschnuppert es, will es kosten.
«Anna ist ein kleines Schlitzohr», lacht Betreuerin Olivia Senn. «Einmal wusste sie genau, wo die Äpfel lagen. Schaute niemand hin, öffnete sie die Schranktür und biss in einen der Äpfel. Wir wunderten uns, warum alle Früchte angeknabbert waren.» Anna erobert sich die Welt in kleinen Stücken.
22. Januar 2008 | Ines Vogel
