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“Ohne meinen Hook fühle ich mich nackt”
Kurz nach meiner Geburt sagte der Spitalarzt zu meiner Mutter: «Mit diesem Kind werden Sie das ganze Leben lang Probleme haben.» Mein linker Unterarm endet ein Stück unterhalb des Ellbogens in einem Stumpf.
Doch ich habe diesen Spitalarzt Lügen gestraft: Meine Eltern mussten mich nie anders behandeln als meine Schwester Mirjam, die mit zwei gesunden Händen zur Welt gekommen war. Als Krabbelkind trug ich eine Art «Patschhändli» aus Gummi. Im zweiten Lebensjahr bekam ich meinen ersten Hook, eine Unterarmprothese mit Greifhaken. Meine Eltern erzählen, ich hätte mich sofort nach dem Anpassen auf den Boden gehockt und mit beiden Händen kleine Lederstücke sortiert.
Oft merken die Leute erst spät, dass ich eine Prothese trage. Ein Tanzpartner bemerkte es sogar einmal erst beim zweiten Tanz. Für mich ist die Prothese wie ein vertrautes Kleidungsstück. Ohne sie fühle ich mich nackt. Es macht mir nichts aus, einen Hook zu tragen. Ich weiss ja nicht, wie es sich anfühlt, wenn man zwei echte Hände hat.
Manche Leute erschrecken ein bisschen, wenn sie den Kunststoffhaken bemerken. Aber die wenigsten fragen nach. Mein Mann sagt, dass mir in der Stadt viele Leute nachschauen. Ich merke das schon lange nicht mehr. Kinder sind zum Glück direkter. Die Freunde meiner Kinder fragen gradheraus, was das ist, ob das weh tut und wie das funktioniert. Das finde ich gut.
An meine Kindheit denke ich gerne zurück, auch wenn mich meine Schulkameraden manchmal «Käpt’n Hook» nannten. Meine Mutter mischte sich nie ein – ausser einmal, als meine Schwester Mirjam mich beim Streiten deswegen hänselte. Meine Mutter wies sie scharf zurecht. Mirjam erwähnte meinen Hook nie wieder in einem Streit.
Richtig schlimm habe ich nie gelitten, aber es gab schmerzhafte Momente. So hatte ich in der vierten Klasse immer noch ein Minivelo mit Rücktritt. Alle anderen Kinder hatten Räder mit richtigen Bremsen. Beim Schulausflug musste ich immer hinter dem Lehrer her fahren. Auch bei der Berufswahl stand mir nicht alles offen. Vielleicht hätte ich mit zwei Händen einen Pflegeberuf gewählt anstelle meiner kaufmännischen Ausbildung.
Auch als Erwachsene gibt es immer wieder schwierige Situationen. Vor einiger Zeit sollte ich bei einem Kurs über Bewegung und Tanz die Form des Beckens ausdrücken. Ich konnte das nicht und brach plötzlich in Tränen aus.
Doch es gab auch sehr schöne Momente. Als Kind ging ich leidenschaftlich gerne zum Ballettunterricht. Um eine Stufe höher zu kommen, mussten alle eine Prüfung ablegen. Mich liess man wegen des Hooks nicht zu. Alle aus meiner Klasse fielen durch. Nachher sagte die Lehrerin zu mir: «Du hättest diese Prüfung als Einzige bestanden.» Das erfüllte mich mit Stolz.
Als Teenager ersetzte ich einmal den Haken durch eine künstliche Hand. Der Grund: Ich hatte Angst, keinen Freund zu finden. Doch die Kunsthand sagte mir nie zu. Ich schraubte sie ab und den Haken wieder an. Und blieb bis heute dabei. Der Hook hat sich bewährt. Ich bewältige meinen Alltag problemlos, kann Auto fahren und
sogar stricken und häkeln.
Das letzte Mal, dass ich mich mit meiner fehlenden Hand beschäftigte und mich sorgte, war während der beiden Schwangerschaften. Die Ärzte hatten nie einen Grund für die Behinderung gefunden und ich hatte deshalb Angst, dass meine Kinder ein ähnliches Schicksal erleiden könnten. Wir haben zwei Söhne, Liam ist heute vier Jahre alt, Yanis ist zwei. Beim Ultraschall drehte uns Liam zunächst den Rücken zu. Dann drehte er sich auf einmal nach vorne und zeigte uns beide Arme. Sie waren gesund. Es war, als ob er gewusst hätte, was uns bewegt. Das werde ich nie vergessen.
Der Hook: Prothese mit Greifhaken
Die Hook-Unterarmprothese ist eine klassische Prothese. Der Greifhaken wird mechanisch mit Muskelkraft bewegt: Ein Gurt umspannt die gegenüberliegende Schulter und ist mit einem Zug mit den Greifzangen verbunden. Durch das Bewegen der Schulter lässt sich der Haken öffnen und wieder schliessen.
Moderne Unterarmprothesen funktionieren mit Mikrochips. Bereits geringe Muskelanspannungen schalten Elektromotoren an und ab, die die Finger bewegen.
Die neuste Entwicklung ist die Sensor-Hand. Sie hat an Daumen, Zeige- und Mittelfinger Sensoren. Mit dieser Kunsthand kann man auch zerbrechliche Gegenstände greifen – zum Beispiel einen leeren Plastikbecher. Rutscht der Becher, greift die Hand automatisch nach.
03. November 2007 | Aufgezeichnet: Regula Schneider
