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Mein Mann kommt selten vor 22 Uhr nachts nach Hause. Er ist dann sternhagelvoll. Trotzdem behauptet er, er sei kein Alkoholiker. Oft schlägt er mich. Er ist gross und kräftig. Ich habe keine Chance mich zu wehren.
Wenn mein Mann betrunken ist, gerät er total ausser Kontrolle. Er wirft das Telefon, Handy oder die TV-Fernbedienung nach mir – einfach alles, was ihm in die Finger kommt. Erst kürzlich warf er den Klubtisch um. Alles lag verstreut in der Stube. Früher neigte ich dazu, alles zu vertuschen. Niemand sollte von seinen Ausbrüchen erfahren. Doch letztes Mal räumte ich nicht auf. Ich bin nicht länger bereit, seine Eskapaden auszubaden. Vielleicht bringt ihn mein verändertes Verhalten zur Besinnung.
Ich lernte meinen Mann kennen, als er in der Rekrutenschule war. Schon damals trank er täglich übers Mass. Doch weil mein Vater ebenfalls Alkoholiker war, kam es mir nicht aussergewöhnlich vor, dass mein Mann so viel trank. Ich war erst 19 und verliebt. Ich dachte, ich könnte ihm Halt geben. Ich hoffte, dass alles besser würde, wenn wir heirateten. Doch es änderte nichts. Als unsere Tochter vor zehn Jahren zur Welt kam, hoffte ich erneut, dass er aufhört zu trinken. Doch mein Mann reduzierte den Alkoholkonsum nur für kurze Zeit.
Wenn mein Mann mich schlägt, habe ich oft blaue Flecken. Die vergehen. Viel schlimmer ist die verbale Gewalt. Das trifft meine Seele. Jede Diskussion artet aus. Wenn ich nichts sage, fühlt er sich ebenfalls provoziert. Er betitelt mich öfters als faule, blöde Kuh. Ich mache den Haushalt und kümmere mich um unsere kleine Tochter. Zudem habe ich einen 30-Prozent-Job. Trotzdem fragt er mich, was ich eigentlich den ganzen Tag mache.
Ich weiss, dass ich ihn verlassen sollte. Denn sein Verhalten schadet auch meiner Tochter. Er hat sie zwar noch nie geschlagen, aber er setzt auch sie ständig unter Druck.
Dann denke ich wieder an seine Familie, die sonst schon genug Sorgen hat. Sein Vater war ebenfalls Alkoholiker. Wenn ich mit meiner Schwiegermutter darüber rede, sagt sie nur: Sein Vater war auch so.
Meine Mutter versteht mich besser. Sie hat ja das Gleiche mit meinem Vater erlebt. Deshalb liess sie sich scheiden, als ich 13-jährig war. Zu ihr bin ich schon mehrmals geflüchtet und habe mit meiner Tochter bei ihr Unterschlupf gesucht.
Seit kurzem besuche ich regelmässig die Selbsthilfegruppe für Angehörige von alkoholabhängigen Menschen. Da habe ich gelernt, dass ich die Schuld nicht bei mir suchen darf. Mein Mann muss die Verantwortung für sein Tun übernehmen. Solange ich ihm seine Probleme aus dem Weg schaffe, verändert sich gar nichts.
Ich bin körperlich und seelisch am Ende, habe keine Hoffnung mehr, dass sich meine Situation verbessert. Vor einem Jahr hatte
ich einen totalen Zusammenbruch. Manchmal möchte ich einfach mit dem Auto losrasen – egal was passiert. Doch dann denke ich an die Kleine, die mich braucht. Meine Tochter möchte nicht, dass wir uns trennen. Sie hängt trotz allem an ihrem Vater. Dennoch denke ich immer häufiger daran, meinen Mann zu verlassen. Das müsste bei Nacht und Nebel passieren. Denn ich weiss nicht, wozu er fähig wäre, wenn er merkt, dass ich gehe.
Co-abhängig: Mitgefangen in der Sucht
Partner von Alkoholkranken geraten häufig selber in eine Abhängigkeitsfalle: Sie wollen helfen und machen den Süchtigen zum Mittelpunkt ihres Lebens. In Selbsthilfegruppen lernen Co-Abhängige, sich von der Sucht des Alkoholkranken abzugrenzen. Sie erkennen, dass sie einem Alkoholiker nicht helfen, wenn sie ihm die Probleme aus dem Weg schaffen.
Infos und Beratung:
10. Oktober 2007 | Fridy Schürch
