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Artikel | K-Tipp 13/2007

Von «Hokuspokus» bis «grob fahrlässig

Sie nennen sich «Mike Shiva» oder «Antoinette» und bieten telefonische Lebensberatung an. Eine Expertin beurteilte für den K-Tipp solche Dienste – und fand wenig Positives.

Selbsternannte Lebensberater werben in Kleininseraten für ihre teuren 0901er-Nummern. Der K-Tipp rief verdeckt bei fünf Ratgeberinnen an und konfrontierte sie mit folgendem Problem: Kürzlich war der Anrufer nach langjähriger Beziehung von seiner Freundin verlassen worden. Grund ist ein anderer Mann. Dem Ratsuchenden gehts miserabel. Er erzählt am Telefon, dass er des Lebens mitunter überdrüssig sei.
Eva Zimmermann, Fachpsychologin für Psychotherapie am Kantonsspital Freiburg, bewertete die Beratungsgespräche für K-Tipp aufgrund von Protokollen.


«Michelle»

Vom Studio Merlin aus – es gehört dem Tessiner Pierluigi Canonica – hört sich Michelle für Fr. 2.– pro Minute die Sorgen ihrer Mitmenschen an. Michelle, nach eigenen Angaben früher im kaufmännischen Bereich tätig, arbeitet mit Karten. Diese machten sie zur Hellseherin. So orakelt sie: «Ich möchte dir nicht sagen, dass sie (die Freundin, Anm. d. Red.) den Traummann gefunden hat.»
Die 54-Jährige macht dem Anrufer sogar Hoffnungen: «Du solltest nicht verzweifeln. Es ist nicht wirklich hundertprozentig fertig.» Dass der Ratsuchende selbstmordgefährdet sein könnte, darauf ging sie nicht ein.
Kosten für dieses Gespräch: rund Fr. 16.–

Eva Zimmermanns Urteil: «Michelle redet in allgemeinen Floskeln, die nur dem Alltagswissen entstammen.» Die zentrale Kritik der Psychologin gilt aber der Tatsache, dass Michelle den selbstmordgefährdeten Anrufer nicht aufforderte, die Hilfe von Fachpersonen in Anspruch zu nehmen.

 
«Ursula»/«Mike Shiva»

Eine solche Aufforderung unterliess – wie übrigens alle getesteten Beraterinnen – auch Ursula. Sie arbeitet im Team von Mike Shiva, der eine eigene TV-Show hat, die meisten Anrufe aber durch Angestellte erledigen lässt.
Shiva kritisiert seine Mitarbeiterin: «Ich weise die Leute an, Ratsuchende mit schwerwiegenden Problemen an einen Arzt oder Psychologen zu verweisen.» Doch Ursula redet für 4.50/Minute unter anderem von einer Räucherzeremonie. Dieses Wissen hat sie sich laut Shiva bei den nordamerikanischen Lakota-Indianern angeeignet. Ursula empfiehlt das Abbrennen von Sweetgrass und Salbei – und zwar in einem geschlossenen Raum. Danach seien die Fenster zu öffnen. Negative Schwingungen würden dann weggetragen. Kosten: rund Fr. 25.–

Urteil Zimmermann:
«Neben Anleitung zu Hokuspokus gabs doch ein paar Worte zum Leben. Aber sie stellte keine Fragen zu dem Anrufer nahe stehenden Personen, die helfend einspringen könnten.»

 
«Antoinette»
«Grob fahrlässig» ist für Zimmermann die Arbeit von Antoinette Egger aus Lyss BE. Auf die Probleme geht die Ex-Kosmetikverkäuferin kaum ein. Nach Fragen zu Wohnort, Sternzeichen usw. lädt sie zu einer Sitzung ein. Stundenansatz: Fr. 150.–, am Telefon kostet die Minute Fr. 2.50. Die 74-jährige benutzt Pendel und Pyramiden. Dadurch sollen Leute wieder zusammenfinden.
Kosten: rund Fr. 10.–

Urteil Zimmermann:  
«Das Profitdenken steht bei ihr im Vordergrund.»

 
«Vera»

Vera Bleuer wohnt und arbeitet im bernischen Oberwil bei Büren. Für ihre Beratungen nimmt sie Steine zu Hilfe. Damit glaubt die einstige Damencoiffeuse zum Beispiel herausgefunden zu haben, dass die Freundin wohl nicht mehr zurückkehrt. Bleuer gab einige lapidare Tipps, wie der Trennungsschmerz zu überwinden sei. «Stürz dich in die Arbeit oder in ein Hobby!» Sie betonte, dass sich der Anrufer, dem pro Minute Fr. 1.90 verrechnet werden, mit dem Schmerz auseinandersetzen müsse, und verwies auf die «tollen Seiten» des Lebens. «Es ist viel zu schön, als dass man es für eine Person beenden sollte.»
Kosten: rund Fr. 25.–

Urteil Zimmermann:
«Die Tipps sind gut gemeint und letztlich richtig.» Sie kritisiert aber, dass die Beraterin keine Aussagen über deren Umsetzung macht. «Die Floskeln vom schönen Leben nützen einem Selbstmordgefährdeten nichts.» Die Sache mit den Steinen hält die Fachfrau für Humbug.

 
«Mary»

In einem Inserat in der «Coop-Zeitung» streicht Mary ihre Kompetenz für Beratungen heraus. Dahinter steckt Marianne Jucker aus Kloten ZH (Fr. 2.50/Minute). Einfühlsame Beratung scheint jedoch nicht ihre Stärke zu sein: Statt sich mit dem Problem auseinanderzusetzen, hagelt es Vorwürfe: «Hat sie (die Freundin, Anm. d. Red.) dir nicht oft gesagt, was sie gerne anders hätte bei dir?» Oder: «Dann hast du ihr nicht zugehört. Du dachtest, die kann mir in die Schuhe blasen. Ich mache, was ich will.»
Kosten: rund Fr. 35.–

Urteil Zimmermann:
«Der erste Teil ist so vorwurfsvoll, dass man sich ja am liebsten wirklich umbringen würde. Im zweiten Teil finden sich die üblichen nichtssagenden Allgemeinplätze. Für leidende Menschen sind die schlicht unbrauchbar.»



Diese Fachleute beraten gut und günstig

Kompetente Lebensberatung: Es gibt Alternativen zu teuren Anbietern mit 0901er-Nummern.

lDargebotene Hand
Ein Anruf übers Festnetz auf die Nummer 143 kostet unabhängig von der Gesprächsdauer 20 Rappen, aus einer öffentlichen Kabine 70 Rappen. Die Dienstleistung wird das ganze Jahr rund um die Uhr angeboten. Der Hilfesuchende bleibt anonym und wird von Fachleuten (Ausbildung u.a. auch in Gesprächsführung) beraten. Auch Gratis-Hilfe per E-Mail oder Einzelchat ist möglich. www.143.ch
lPro Juventute
Kinder und Jugendliche wenden sich an die Nummer 147. Wie die 143 ist auch sie permanent besetzt. Der Anruf ist gratis. www.pro-juventute.ch oder www.147.ch
lPsychologen
Bei Problemen finden sich unter www.psychologie.ch Beratungs- und Therapiemöglichkeiten. In der Datenbank sind über 1300 Psychologinnen und Psychologen aus der ganzen Schweiz aufgelistet.
lPro Mente Sana
Die Schweizerische Stiftung Pro Mente Sana bietet über Tel. 0848 800 858 (Normaltrarif) Beratungen an: Mo, Di, Do: 9 bis 12 Uhr; Do 14 bis 17 Uhr. www.promentesana.ch
lSelbsthilfegruppen
Adressen kennt die Stiftung Kosch an der Laufenstrasse 12 in Basel,
Tel. 0848 810 814 (Normaltarif). Und unter www.kosch.ch finden
sich weitere Infos zu Selbsthilfezentren.


07. September 2007 | Thomas Heer


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Coop-Kunden sollen nicht mehr erfahren, aus welchem Land Importprodukte kommen. «Hergestellt in der EU» genüge. Was halten Sie davon?
Das Herkunftsland muss weiterhin deklariert werden.
Nur das Herkunftsland reicht nicht. Es sollte noch viel detaillierter deklariert werden.
Kein Problem. Ich achte sowieso nicht drauf.
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