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Artikel | Gesundheits-Tipp 6/2007

“Meine Frau hatte Angst, ich würde sie schlagen” - Rolf *, 34: Leben mit gewalttätigen Neigungen

Als unsere Tochter vor zweieinhalb Jahren auf die Welt kam, war ich ein glücklicher und stolzer Vater. Doch wir hatten das Pech, ein Schreibaby zu haben. Der Schlafmangel machte mir sehr zu schaffen. Ich fühlte mich ausgelaugt. Beruf und Familie überforderten mich. Vor der Geburt hatten wir zwei Gehälter, danach war es nur noch eines. Auch meine Frau war gestresst und noch immer sehr erschöpft von der schweren Geburt.
Wir hatten endlose Diskussionen, die meist im Streit endeten. Bei der geringsten Meinungsverschiedenheit beschimpfte ich meine Partnerin aufs Gröbste. Doch ich hielt meine verbalen Gewaltattacken für eine Bagatelle. Ich dachte, ich sei im Recht, weil mich meine Frau immer wieder provozierte. Ich kam gar nicht auf die Idee, etwas zu ändern.
Eines Abends schrie unser damals fünfmonatiges Baby über drei Stunden lang. Alles Trösten und Wiegen brachte nichts. Unsere Nerven lagen blank. Ich wollte mit der Kleinen nach draussen und versuchte, das Tragetuch zu binden. Meine Frau wollte mir helfen. Doch als sie sah, wie ungeschickt ich mich anstellte, machte sie mir Vorwürfe. Die Kleine schrie die ganze Zeit, wir konnten uns nur anschreien - da riss mir der Faden. Ich war so wütend, dass ich das Bett mit den Füssen demolierte. Das Kind auf meinem Arm schrie weiter. Meine Frau hatte Angst, ich würde sie schlagen, weil ich so unkontrolliert wütete.
Dann ging ich mit unserer Tochter ins Freie. Langsam beruhigte ich mich und realisierte, was ich getan hatte. Ich bekam Angst. Trotzdem rechtfertigte ich meine Tat. Ich war überzeugt, nur so gehandelt zu haben, weil meine Frau mich provoziert hatte.
Schon während meiner Schulzeit neigte ich zu Gewaltausbrüchen. Ich demolierte Türen und Fenster oder zerschlug Geschirr. Den Schaden musste ich jeweils mit meinem Taschengeld begleichen, was ich als ungerecht empfand. Ich war überzeugt, meine Pflegeeltern seien an den Wutausbrüchen schuld. Denn sie übten massiv psychischen Druck auf mich aus und schlugen mich.
Nach meinem damaligen Ausbruch war meine Frau gesundheitlich noch stärker reduziert als bereits zuvor. Sie ging für drei Tage ins Spital, wo man sie bei der Kinderpflege unterstützte und sie schlafen konnte. Da wurde auch unsere prekäre Situation besprochen. Mir wurde bewusst, dass ich Hilfe brauchte.
Während meine Frau danach mit unserem Baby drei Monate in einer psychiatrischen Klinik in Behandlung war, wandte ich mich an das Institut «Männer gegen Männer-Gewalt» in St. Gallen. In Gesprächen wurde mir bewusst, dass ich mich oft unter Druck und ohnmächtig fühlte. Dies half mir, meine Bedürfnisse besser wahrzunehmen, sie mitzuteilen und mich dadurch zu entlasten und entspannen.
Heute sehe ich, dass ich alleine für meine Tat verantwortlich bin. Niemand anders ist schuld daran. Inzwischen merke ich, wann eine Situation zu eskalieren droht, und kann sie rechtzeitig entschärfen.
Wenn es Probleme gibt, reden meine Frau und ich darüber. Ich bringe Konflikte früher und somit mit weniger Druck auf den Tisch. Wir sind beide froh, dass unser Familienleben wieder friedlicher geworden ist.
* Name geändert

Häusliche Gewalt: Täter und Opfer brauchen Hilfe
Opfer von häuslicher Gewalt sind meist Frauen und Kinder. Pro Jahr suchen rund 10 000 Betroffene bei der Polizei Schutz. Sie werden geschlagen, eingesperrt, beschimpft, bedroht oder vergewaltigt. Es gibt aber auch subtile Formen der häuslichen Gewalt, wie unverhältnismässige Kontrolle, Schikane, Vernachlässigung oder das Vorenthalten von Geld. Die Täter geben oft anderen die Schuld an ihrer Wut und ihrer Gewalt. Sie müssen in einer Beratung lernen, mit Konflikten gewaltlos umzugehen.
Infos und Beratung:
- www.gewaltberatung.org
- Bern: Fach- und Beratungsstelle für gewalttätige Männer und Jungen, Biel, Ring 4, 2502 Biel/Bienne, Tel. 032 322 50 30.
- Basel: Institut für Gewaltberatung, Singerstr. 8, 4002 Basel, Tel. 079 700 22 33.
- Zürich: Mannebüro, Hohlstr. 36, 8004 Zürich, Tel. 044 242 08 88.
- Ostschweiz: «Männer gegen Männer-Gewalt», Vadianstr. 40, 9001 St. Gallen, Tel. 071 223 33 11.
- Innerschweiz: Fachstelle gegen Männergewalt, Tribschenstr. 78, 6005 Luzern, Tel. 078 744 88 88.

13. Juni 2007 | Aufgezeichnet: Fridy Schürch


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