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Die Manie überfiel mich zum ersten Mal in Kalifornien. Ich war als Reiseleiterin mit einer Touristengruppe unterwegs. Plötzlich misstraute ich allem: Ich befürchtete, dass die Hotels falsch gebucht waren, das Essen nicht bestellt war. Auch war ich überzeugt, dass die Organisatoren mich und meine Kolleginnen ausbooten wollten. Hinter allem, was nicht korrekt ablief, sah ich ein Komplott.
Nach der Reise war ich total erschöpft, konnte aber nicht schlafen. Mitten in der Nacht weckte ich meinen Mann. Ich wollte, dass er sofort an meine Arbeitgeber schreibe, um sie über meine «Entdeckungen» zu unterrichten. Am nächsten Tag wollte ich sämtliche Medien über die Missstände benachrichtigen. Mein Mann hatte alle Hände voll zu tun, mich vom Telefon fern zu halten.
Mein Vater kam nach Amerika und organisierte einen Psychiater, der zweimal in der Woche vorbeischaute. Ich wollte auf keinen Fall in die Klinik, wie das bereits bei meiner Tante früher der Fall war.
Die Gesprächstherapie nützte nichts. Die Pillen, die ich täglich schlucken musste, machten mich dumpf. Meine Angehörigen kümmerten sich zwar rührend um mich, doch ich konnte nichts mehr empfinden, ich fiel in ein Loch. Ich überlegte mir, wie ich mich umbringen könnte. Der Versuch mit dem Föhn in der Badewanne scheiterte, ebenso das Schlucken von Pillen. Denn ich war immer unter Aufsicht.
Als es mir wieder besser ging, bekam ich einen neuen Auftrag. Weil ich mich recht gut fühlte, setzte ich die Medikamente ab - mit fatalen Folgen. Am Strand im prüden Miami badete ich nackt mit Kunden. Ich landete in der Klinik. Dort fühlte ich mich wie in einem Spiel aus der Kindheit: Ich setzte mich mit einem Seidenschal meiner Grossmutter im Bett auf und bildete mir ein, ich sei Königin Elisabeth und gebe eine Audienz. In Wirklichkeit sass ich in einem Gitterbett, und viel Pflegepersonal kümmerte sich um mich.
Damals war ich 36 Jahre alt. Bis dahin war meine Krankheit nie aufgefallen. Rückblickend weiss ich aber, dass ich bereits in meiner Kindheit Stimmungsschwankungen hatte. Meine Grossmutter sagte einmal: «Das Kind ist wie ein Quartalssäufer, manchmal zu allen Spässen bereit und dann wieder total lustlos.»
Ich bin in Bolivien geboren und in Holland aufgewachsen. Nach der Matur machte ich die Dolmetscherschule in Genf. Bald merkte ich, dass eine geregelte Arbeitszeit nichts ist für mich. Deshalb wurde ich Dolmetscherin und Reiseleiterin. Zum Schlafen bleibt mir da oft zu wenig Zeit. Manchmal müssen drei Stunden reichen. Doch das Schlafdefizit ist gefährlich.
In meinen manischen Phasen kam es vor, dass ich 36 Paar Schuhe an einem Tag kaufte. Oder ich liess mich mit Männern ein, die ich normalerweise nicht beachten würde.
Viermal war ich in einer psychiatrischen Klinik. Mittlerweile habe ich gelernt, die Situation im Griff zu halten. Die Medikamente sind gut eingestellt und ich nehme sie diszipliniert ein. Ich versuche mehr zu schlafen und mich möglichst viel im Freien zu bewegen. Doch die Angst vor Rückfällen sitzt immer noch tief. Es ist, wie wenn ich eine Schlange um den Hals hätte, die jederzeit wieder zubeissen könnte.
Bipolare Störungen: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt
Die ersten Symptome treten meistens zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr auf. Weltweit sind 2 bis 5 Prozent der Menschen betroffen. Während einer manischen Phase fühlen sich die Patienten grandios und überschätzen sich. Dabei bringen sie sich und andere in Gefahr. In depressiven Phasen sind die Patienten antriebslos und niedergeschlagen. Jeder vierte Unbehandelte nimmt sich das Leben.
Bipolare Störungen - auch als manische Depression bezeichnet - sind zum Teil genetisch bedingt, zum Teil können äussere Faktoren die Krankheit auslösen. Ist die Krankheit richtig erkannt und behandelt, dann kann sie der Patient bewältigen.
- Infos und Kontakte: Verein Equilibrium, Sekretariat, 6340 Baar, Telefon 0848 143 144, www.depressionen.ch
Infos: info@depressionen.ch
SOS: help@depression.ch
16. Mai 2007 | Aufgezeichnet: Fridy Schürch
