|
(0) |
Mobilnetzbetreiber sperren Prepaid-Karten viel zu früh oder völlig grundlos. Die Restguthaben ihrer Kunden behalten sie selbst.
Wozu kauft jemand eine Prepaid-Karte fürs Handy? Zweifellos, um damit zu telefonieren oder SMS zu versenden und zu empfangen. Wer das tut, benutzt sein Handy. Doch Orange und der ins gleiche Netz eingemietete Grossverteiler Coop sehen das anders. Unter «benutzen» verstehen sie nur eines: Die 350 000 Kunden müssen ihre Karten regelmässig mit Geld aufladen - selbst dann, wenn noch genügend Guthaben zur Verfügung steht. Orange-Kommunikationsleiterin Therese Wenger erklärt: «Wer sicher sein will, dass seine Orange-Karte nicht abgestellt wird, muss sie mindestens einmal in 360 Tagen aufladen.»
Coop gibt den Behörden die Schuld
Coop-Sprecherin Susanne Erdös schiebt die Verantwortung für diese seltsame Regelung den Behörden zu:
«Der Grund, warum Prepaid-Karten von Coop ohne erfolgte Aufladung deaktiviert werden müssen, liegt in den Vorschriften des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom). Dieses Amt hält die Telekomanbieter an, ungenutzte Nummern abzuschalten.»
Bernhard Bürki vom Bakom dementiert: «Das stimmt nicht. Wir haben auch schon Beschwerden von Konsumenten bekommen, die diese Auskunft vom Kundendienst einzelner Telekomfirmen erhalten haben.» Tatsächlich steht in der Bakom-Verordnung etwas völlig anderes: «Werden innerhalb von 24 Monaten keine Verbindungen von und zu einer solchen Nummer hergestellt, so muss die Telekomfirma die Nummer ausser Betrieb nehmen.» Von Aufladen spricht das Bakom mit keinem Wort.
Die anderen Anbieter sperren Handys nur dann, wenn diese nicht eingesetzt werden. Dafür hätten sie zwei Jahre Zeit. Trotzdem steht in den allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von Cablecom und Yallo: «Wird die SIM-Karte während drei Monaten nicht benutzt, wird sie automatisch und ohne weitere Benachrichtigung abgeschaltet.»
Wozu diese Eile? «Wir passen die AGB an und verlängern die Frist bis zur Sperrung auf zwölf Monate», verspricht Sunrise-Sprecher Konrad Stokar den Kunden. Er ist auch für Cablecom und Yallo zuständig. Die Swisscom stellt ihren 1,4 Millionen Kunden und den knapp 280 000 Besitzern einer M-Budget-Karte der Migros ebenfalls nach nur einem Jahr Inaktivität das Handy ab.
Fadenscheiniges Argument: Zu wenig Telefonnummern
Warum müssen Prepaid-Karten überhaupt so rasch gesperrt werden? Bakom-Sprecher Bürki: «Telefonnummern sind eine beschränkte Ressource.» Trotzdem gibt es mehr als genug: Mit den vier bestehenden Handy-Vorwahlen (076 bis 079) können rund 28 Millionen Nummern gebildet werden. «Aktuell sind weniger als 8 Millionen Handy-Nummern im Umlauf. Nur knapp die Hälfte davon sind Prepaid-Karten», sagt Ralf Beyeler vom Internetvergleichsdienst Comparis.
Mobilnetzbetreiber sperren Karten nicht nur voreilig, sie behalten auch noch das Guthaben ihrer Kunden. Welche Einnahmen so generiert werden, wollen die Anbieter nicht offenlegen. «Ich gehe davon aus, dass seit der Registrierungspflicht Mitte 2004 bis zu 600 000 Prepaid-Karten abgestellt worden sind», sagt Beyeler. Bei einem angenommenen Restguthaben von nur 10 Franken pro Karte kämen so bereits 6 Millionen Franken zusammen.
Orange zeigt, dass es auch anders geht
Wie rechtfertigen die Telekomfirmen diesen Raubzug auf ihre Kunden? Sunrise-Mediensprecher Stokar: «Guthaben sind zwingend Telefonnummern zugeordnet und verfallen, wenn diese Nummern gelöscht werden.» Swisscom-Sprecher Carsten Roetz macht geltend: «Wenn eine Karte endgültig gesperrt wird, geht der Anspruch auf das Guthaben verloren. Im Einzelfall sind wir aber kulant.»
Eine löbliche Ausnahme ist Orange: «Restguthaben werden von uns noch zehn Jahre rückwirkend ohne jeden Abzug erstattet, wenn der Kunde dies schriftlich beantragt», sagt Kommunikationsleiterin Wenger. Das gilt auch für Coop-Kunden.
In Deutschland haben Gerichte ein- für allemal klargestellt: Handy-Guthaben dürfen nicht verfallen. Marc Schwenninger, Anwalt für Wirtschafts- und Lauterkeitsrecht in Zürich, ist überzeugt: «Schweizer Gerichte kämen zum gleichen Schluss.»
02. Mai 2007 | Franco Tonozzi
