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Artikel | saldo 6/2007

Bussen trotz gültigem Billett

SBB-Kunden zahlen saftige Bussen, wenn sie die 1. mit der 2. Klasse verwechseln. Das Problem: Die Unterschiede unter den Klassen werden immer geringer.

Bussen trotz gültigem Billett

Das war sehr verletzend», sagt die langjährige SBB-Kundin Barbara Scholer über ihr jüngstes Bahnerlebnis. Spätabends bestieg sie in Rheinfelden AG die S 1 nach Basel, einen neuen Niederflurzug des Typs Flirt. Sie schaute sich nicht gross um, als sie sich auf den erstbesten freien Platz setzte - in einem 1.-Klasse-Abteil.

«Wissen Sie, wo Sie sind?», fragte kurz darauf ein SBB-Kontrolleur. Da erst bemerkte Scholer, wo sie sass: «Ich wollte sofort aufstehen und in die 2. Klasse gehen.» Doch der Kontrolleur liess nicht mit sich reden. Er notierte ihre Personalien und stellte ihr eine Busse wegen Schwarzfahrens über 80 Franken aus, obwohl sie ihr Umweltschutzabo 2. Klasse zeigte: «Der Kontrolleur erledigte das eiskalt. Ich war nur ein Fall unter vielen», sagt Scholer.

Reinhold Poll setzte sich nach einer vierstündigen Zahnbehandlung in Aarau in einen Doppelstockzug, um heim nach Hägglingen AG zu fahren. «Es sah nicht aus wie die 1. Klasse, aber ich fahre nicht oft Zug», sagt er. Wenig später zeigte er dem Kontrolleur sein 2.-Klasse-Billett. Dieser akzeptierte es nicht, Poll entschuldigte sich, stand auf, um in die 2. Klasse zu wechseln. Doch der Kontrolleur kannte kein Pardon: 80 Franken Busse wegen Schwarzfahrens. Poll ärgert sich: «Es war ein Versehen, ich hatte ja ein Ticket. Zudem sind die beiden Klassen nicht gut auseinanderzuhalten.»

Tatsächlich: Äusserlich sind die 1.-Klasse-Wagen häufig nur noch an kurzen gelben Markierungen zu erkennen. Im Innern zwängen die SBB im Regionalverkehr seit einigen Jahren auch in der 1. Klasse pro Reihe vier Sitze nebeneinander - wie in der 2. Klasse. Bei Doppelstockwagen sind die Klassenunterschiede oft nur noch für routinierte Bahnbenützer ersichtlich - auch bei den Langstrecken.


Busse auch für das Stehen im Vorraum der 1. Klasse

Für Edwin Dutler, Präsident des Fahrgastverbandes Pro Bahn, sind deshalb die SBB mitschuldig daran, dass sich Kunden als Schwarzfahrer vorführen lassen müssen. «Die 1. Klasse sollte man mit Farben und Signeten prinzipiell knalliger kennzeichnen», fordert Dutler. «Gerade die Doppelstockzüge im Zürcher und Aargauer Regionalverkehr sowie die Züge der Ostschweizer Thurbo-Regionalbahn sind schlecht gekennzeichnet. Ungeübte Fahrgäste können die 1.-Klasse-Markierungen leicht übersehen.» In solchen Fällen sollten die Kontrolleure, so Pro-Bahn-Präsident Dutler, dann «den gesunden Menschenverstand mehr nutzen».

Bei Grenzfällen kennen die SBB-Kontrolleure jedoch keine Gnade, wie auch der Fall des Baslers Mohamed Oueslati zeigt. Er erreichte am Morgen gerade noch die S-Bahn. Der Flirt-Zug verliess Sekunden später, um 6.30 Uhr, den Bahnhof. Oueslati stand im Vorraum der 1. Klasse, als ein Kontrolleur sich sein Billett zeigen liess. Um genau 6.31 Uhr war der Bussenzettel über 80 Franken bereits ausgedruckt. «Der liess mir keine Chance, in die 2. Klasse zu gehen. Ich habe nicht mal eine Minute im Vorraum gestanden», sagt Oueslati.

Nach den Buchstaben des Gesetzes handelten die Kontrolleure laut SBB in allen drei Fällen korrekt. «Das Zugpersonal kann nicht einzelne Begründungen, warum jemand kein gültiges Ticket besitzt, überprüfen oder beurteilen», sagt SBB-Sprecher Roland Binz. Das sei Sache des Kundendienstes. Seit die SBB die Kondukteure im Regionalverkehr abgeschafft haben, gibt es für Kunden keine Möglichkeit mehr, im Zug einen Klassenwechsel zu lösen. «Leider lassen sich Grenzfälle nicht vermeiden», sagt Binz.


Die SBB wollen die Klassen künftig besser kennzeichnen

Warum aber unterscheiden die SBB die Klassen nicht deutlicher voneinander? «Wir verbessern die Kennzeichnung nur, wenn Bedarf besteht», sagt SBB-Sprecherin Michèle Bamert. Dass ein Bedarf besteht, scheinen die SBB allmählich zu merken:
So kennzeichneten sie die 1. Klasse der Flirt-Züge seit Ende 2006 besser - mit grossen Einsen rechts und links von der Türe, «1»-Piktogrammen auf Teppichen und Kopfpolstern. Auch für den S-Bahn-Verkehr Zürich räumt SBB-Sprecherin Bamert inzwischen einen «Optimierungsbedarf» ein. In den neuen Doppelstockzügen soll es künftig mehr und grössere 1.-Klasse-Piktogramme geben.

04. April 2007 | Eric Breitinger


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