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Artikel | Gesundheits-Tipp 3/2007

Die Geschäfte des Michael G.

Seit Jahren geschäftet Michael Genge als «Zahnarzt-Ratgeber». Er verlangt viel Geld für die Vermittlung von Zahnärzten. Jetzt klagen Patienten über miserable Behandlungen.

Lucia Gisler hatte Schmerzen. Ihr Kiefergelenk kugelte sich immer wieder aus. Im Telefonbuch sah sie den Eintrag «Zahnarztunabhängige Beratung». Am Telefon meldete sich Michael Genge. «Er sagte mir, er kenne einen Spezialisten mit langjähriger Erfahrung in Kieferheilkunde», berichtet die Zürcherin. «Ich war froh. Ich glaubte, ein Experte werde mir helfen.»
Was die 46-Jährige nicht wusste: Michael Genge hat wiederholt Schlagzeilen wegen fragwürdiger Geschäftsmethoden gemacht. So verlangt er von Patienten 10 Prozent des gesparten Betrags, wenn er eine günstigere Gegenofferte einholen kann. Zudem kassiert er laut Insidern von Zahnärzten 10 bis 20 Prozent des Honorars - als Gegenleistung dafür, dass er ihnen Patienten schickt. Sogar von Dentallabors lasse sich Genge fürs Vermitteln von Zahnarztaufträgen bezahlen - und mache so nochmals Kasse.

Der gebürtige Deutsche Michael Genge behauptet, er habe in Kiel «kurz» Zahnmedizin studiert. Das Studium beendete er jedoch nicht. Er ritt ein Dentaltechnik-Labor in den Konkurs und geschäftet seither unter ständig wechselnden Firmennamen als Berater - zuerst nannte er sein Büro «Genge Dentconsult», dann «Zahnarztunabhängiges Beratungszentrum», heute «Zahnarzt-Ratgeber».

Immer wieder werden Klagen laut über Zahnärzte, die Genge vermittelt. Ursula Gröbly, Expertin für Zahnmedizin der Schweizerischen Patientenorganisation (SPO), sagt: «Viele Patienten sind unzufrieden mit Zahnärzten, die Michael Genge empfohlen hat. Ich höre immer wieder die gleichen Namen von schlecht arbeitenden Zahnärzten, mit denen Genge zusammenarbeitet.»
Lucia Gisler wurde nicht von einem Kieferspezialisten behandelt, wie Genge versprochen hatte, sondern von Zahnarzt Jochen Gürtler. Der Österreicher führte anderthalb Jahre lang eine Praxis am Zürcher Bellevue. «Gürtler schlug mir vor, alle Zähne zu überkronen und neu zu positionieren. Er sagte, dann würde sich mein Kieferproblem automatisch bessern», erinnert sich Gisler.

Jochen Gürtler schliff alle Zähne der Patientin ab und setzte Kronen ein. Im Unterkiefer montierte er eine Schiene. Zuvor musste Gisler eine Anzahlung im Betrag von 15 000 Franken leisten, und zwar bar. Eine Quittung erhielt sie erst, nachdem sie - wie sie berichtet - mit einem Sitzstreik gedroht hatte. Insgesamt zahlte Gisler für die Überkronung ihres Gebisses 36 000 Franken.

Die Radikalbehandlung half ihr nicht - im Gegenteil: «Danach waren meine Kieferschmerzen unverändert stark. Zudem hatte ich monatelang starke Zahnschmerzen», sagt Lucia Gisler. «Es war der Horror.» Kurz nach der Behandlung brachen zwei Kronen teilweise ab. Im Januar 2006 war der Österreicher plötzlich verschwunden - «es hiess, wegen eines Sorgerecht-Streits mit seiner Exfrau», erinnert sich Gisler. «Mich traf fast der Schlag.»

Nun hatte sie genug: Sie bat Zahnmedizin-Expertin Ursula Gröbly um Hilfe. Gröbly schaltete den Kantonszahnarzt ein. Dieser stellte fest, wegen «massiver Behandlungsmängel» müsse man fast alle Kronen neu anfertigen. Obwohl sich Gürtler über die Grenze abgesetzt hatte, erhielt Lucia Gisler einen grossen Teil des Honorars zurück - dank des Einsatzes von Gröbly und vom Kantonszahnarzt.

Die 61-jährige Irene Lutz aus Zürich liess sich bei einem von Jochen Gürtler angestellten Zahnarzt behandeln. Er setzte ihr zwei Kronen und eine Brücke ein. Auch Lutz musste eine Bar-Anzahlung von 1300 Franken leisten. Und auch sie bekam erst eine Quittung, nachdem sie eine verlangt hatte. Das Resultat der Behandlung war katastrophal: «Ich konnte nicht richtig zubeissen, weil die Kronen zu hoch waren», sagt Irene Lutz. «Und die Brücke wackelte.»


Hauruck-Methoden: Kronen bis aufs Metall abgefräst

Jochen Gürtler korrigierte den Eingriff mit einer Hauruck-Methode: «Er hat die Kronen bis aufs Metall abgefräst», erinnert sich Irene Lutz. Zu den von Gisler und Lutz geschilderten Vorfällen will Jochen Gürtler nicht Stellung nehmen.

Als seine Firma noch «Dentconsult» hiess, schickte Genge oft Patienten zu Reinhard Kriebel, Zahnarzt in Rheineck SG. Auch Annemarie Hediger (Name geändert), die im aargauischen Fricktal wohnt. «Die Offerte war preislich attraktiv», sagt sie. Der weite Weg ins Rheintal lohnte sich aber nicht. «Nach der Behandlung war mein Zahnfleisch stark entzündet, weil Kriebel die Kronen falsch eingesetzt hatte», erinnert sich Hediger. «Dadurch wurde mein Immunsystem geschwächt, und ich litt auch unter Augenentzündungen und Erkältungen.»


«Genge verlangte immer höhere Beträge»

Für die missglückte Behandlung bezahlte Annemarie Hediger 17 000 Franken. Das Geld sah sie nie wieder. Reinhard Kriebel sagt dazu: «Der Fall liegt rund zehn Jahre zurück. Um zu sehen, ob der Fehler bei mir liegt, hätte ich die Patientin nochmals untersuchen müssen. Aber sie ging zu einem anderen Zahnarzt.»

Michael Genges teurer Vermittlungsservice ist offenbar vor allem für Zahnärzte aus der EU attraktiv, die Mühe haben, in der Schweiz Fuss zu fassen. «Sie sind glücklich, wenn ihnen Genge wohlhabende Patienten vermittelt», sagt ein Zahnarzt. Genge nützt dies aus. Ein leitendes Mitglied einer Zahnarztpraxis, das aus Angst vor Repressalien anonym bleiben will, berichtet: «Genge verlangte immer höhere Beträge. Er glaubte, er könne in unserer Praxis Geld abholen wie in einem Selbstbedienungsladen. Er hat bei uns x-tausend Franken bezogen.» Schliesslich wollte die Praxis Genges Forderungen nicht mehr erfüllen. «Da bekamen wir Krieg. Plötzlich hatten wir eine Betreibung im Haus.»

Heute will auch Reinhard Kriebel nichts mehr mit Genge zu tun haben. «Ich hatte keine Lust mehr, ihm überrissene Vermittlungsgebühren zu bezahlen», sagt der Zahnarzt.

Michael Genge bestreitet, dass er sich von Zahnärzten und Dentallabors für seine Vermittlungsarbeit bezahlen lässt. Auch treffe es nicht zu, dass er Patienten zu schlechten Zahnärzten schicke. Alle diese Vorwürfe seien «missgünstige Unterstellungen» und «frei erfunden». Genge gibt aber zu, bei der erwähnten Zahnarztpraxis dreimal je 2000 Franken abgeholt zu haben. Diese Beträge seien eine Entschädigung für «Babysitter-Dienste» gewesen: Er habe einen Zahnarztsohn drei Monate lang bei sich aufgenommen. Auch habe er den Zahnarzt nicht wegen Vermittlungsgebühren betrieben. Er habe die Betreibung eingeleitet, damit geschädigte Patienten zu ihrem Geld kämen.

Die Behörden schauen Michael Genges Treiben tatenlos zu. Ursula Wirtz, juristische Sekretärin der Zürcher Gesundheitsdirektion, sagt: «Wenn ein Vermittler die Notsituation von Patienten ausnützt, ist das unschön. Die Gesundheitsdirektion kann aber nicht gegen Vermittler vorgehen, sondern nur gegen Zahnärzte.»

Vielleicht löst sich das Problem ohne Zutun der Gesundheitsdirektion, zumindest vorübergehend. Michael Genge wurde im letzten Dezember vom Bezirksgericht Zürich zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er hatte einer Rentnerin fast eine Million Franken abgeluchst, wie der «Blick» berichtet hatte. Gegen das Urteil hat er Berufung eingelegt . Bereits vor einigen Jahren verbüsste Genge bereits eine Gefängnisstrafe wegen Vermögensdelikten.



So finden Sie einen seriösen Zahnarzt

- Fragen Sie Bekannte, ob sie einen Zahnarzt empfehlen können
- Fragen Sie den Zahnarzt, ob er bei der Zahnärztegesellschaft ist
- Verlangen Sie einen schriftlichen Kostenvoranschlag mit Beschrieb der geplanten Behandlung
- Der Zahnarzt muss Sie auf Alternativen zur empfohlenen Behandlung aufmerksam machen
- Bezahlen Sie die Rechnung nie bar oder im Voraus
- Holen Sie bei einem anderen Zahnarzt eine zweite Meinung ein
- Fragen Sie den Zahnarzt, ob er Spezialisten für Chirurgie, Kieferorthopädie oder Parodontologie kennt. Ein guter Zahnarzt verfügt über ein Netzwerk
- Seien Sie vorsichtig bei billigen Angeboten aus dem Ausland. Im Streitfall ist es schwierig, Forderungen durchzusetzen
Die Schweizerische Patientenorganisation bietet Telefonberatung für Zahnarztpatienten unter Tel. 079 674 25 02 an (jeweils montags, Fr. 40.- pro halbe Stunde).

Der Dachverband Schweizerischer Patientenstellen (DVSP) gibt ein «Zahnarzt-Merkblatt» heraus (für Fr. 2.- in Marken mit adressiertem und frankiertem C5-Couvert bei DVSP c/o Patientenstelle, Postfach, 8042 Zürich).



Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Zahnärzten oder Vermittlern gemacht?
Schreiben Sie uns: Redaktion Gesundheitstipp, «Zahnärzte», Postfach 277, 8024 Zürich oder redaktion@gesundheitstipp.ch

21. März 2007 | Andreas Gossweiler


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