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Pharmamultis werben mit Grossplakaten für ihre Pillen gegen Reizblase. Doch längerfristig hilft ein Blasentraining besser.
Wo ist die nächste Toilette?» Das fragt sich Susanne Herzog (Name geändert) ständig, wenn sie unterwegs ist. Denn die 41-Jährige hat seit der Geburt ihres ersten Kindes eine Reizblase. Der Muskel der Blasenwand ist überaktiv und zieht sich zusammen, auch wenn die Blase noch lange nicht voll ist. Der quälende Harndrang lässt Susanne Herzog manchmal schon nach zehn Minuten Pause wieder aufs WC rennen.
Pharmafirmen wie Pfizer verkünden in Werbekampagnen, dass Leute wie Herzog dringend zum Arzt sollten, um sich Medikamente verschreiben zu lassen. «Wie lange wollen Sie noch zögern?», heisst es in der Werbebroschüre von Pfizer. Und: «Ihr Arzt kennt die geeignete Therapie.»
«Die Nebenwirkungen von Detrusitol waren mühsam»
Susanne Herzog ging zum Arzt. Und der verschrieb ihr das Pfizer-Medikament Detrusitol. Überzeugt haben sie die Pillen allerdings nicht: «Die Nebenwirkungen waren mühsam. Ich hatte ständig Verstopfung und einen ausgetrockneten Mund», sagt Herzog. Zudem wolle sie nicht dauernd Medikamente schlucken. Denn sobald man das Mittel absetzt, ist der Harndrang wieder akut. Ähnliche Probleme gibts auch bei anderen Medikamenten gegen Reizblase wie zum Beispiel Ditropan, Lyrinel Oros und Emselex.
Die Fachzeitschrift «Pharmakritik» hat jetzt geprüft, wie nützlich die Mittel tatsächlich sind. Ihr Fazit: Nur für wenige Patienten seien Reizblase-Medikamente eine wirksame und gut verträgliche Therapie. Denn die Nebenwirkungen sind oft beträchtlich - und der Nutzen bescheiden.
Trotzdem behauptet Pfizer, das Reizblase-Medikament Detrusitol habe wenig Nebenwirkungen und wirke gut: «Für viele Patienten kann es Unabhängigkeit und eine erhöhte Lebensqualität zurückbringen.» Auch müsse das Medikament vom Arzt verschrieben werden. So sei sichergestellt, dass dieser «über die optimale Therapie entscheidet».
Doch es gibt sanfte und wirksame Alternativen zu den Medikamenten: «Bei einer Reizblase sollte man in erster Linie ein Blasentraining machen», sagt Etzel Gysling, Herausgeber der «Pharmakritik». Das heisst: Man versucht schrittweise, den Gang aufs WC immer länger hinauszuzögern.
Viel trinken und Blaseninfekte vermeiden
Zum Training gehört viel trinken: am besten zwei bis drei Liter pro Tag. So lernt die Blase, sich wieder an grössere Mengen zu gewöhnen. Denn viele Patienten trinken aus Angst vor dem Harndrang viel zu wenig. Dadurch wird der Urin konzentrierter und reizt die Blase zusätzlich.
Auch Blasenspezialist Gabriel Schär, Chefarzt der Frauenklinik des Kantonsspitals Aarau, ist vom Nutzen des Trainings überzeugt. «Betroffene übernehmen so ganz bewusst wieder die Kontrolle über die Blase, während zuvor die Blase den Tagesablauf bestimmt hat.» Das Training brauche aber Geduld, sagt Schär. Wichtig sei auch, Blaseninfekte zu vermeiden. Deshalb sollte man regelmässig Cranberrysaft trinken. Frauen in der Menopause könne auch eine Östrogen-Creme helfen, die man in und um die Scheide anwendet.
Merkblatt Blasentraining
Gratis zum Herunterladen unter www.gesundheitstipp.ch oder zu bestellen gegen ein frankiertes C5-Antwort-Couvert bei: Redaktion Gesundheitstipp, «Blasentraining», Postfach 277, 8024 Zürich.
21. Februar 2007 | Sonja Marti
