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Artikel | K-Geld 6/2006

Kassenbons

Karen Naundorf, Journalistin in Buenos Aires, Argentinien

Eine Telefonkarte bitte», sage ich. Die Kioskfrau nestelt in ihrer Bauchtasche, wo sie das Wechselgeld aufbewahrt. Und dann stellt sie die übliche Frage: «Brauchen Sie einen Beleg?» - «Ja, bitte», sage ich. Sie schaut mich überrascht und ein bisschen genervt an, die gewünschte Antwort war «nein, danke». Wer für Kleinigkeiten einen Kaufbeleg will, ist ein Spiesser.

Als ich zum ersten Mal in Argentinien war, habe ich mich über die Frage, ob ich einen Kassenbon brauche, gewundert. Dann begriff ich: Alles, was ohne Bon verkauft wird, geht an der Steuer vorbei. In jedem Laden hängt deshalb gleich neben der Kasse der Hinweis der Steuerbehörden für die Kunden: «Stopp! Bitten Sie um einen Kassenbon!»

Wie viele Waren in Argentinien am Fiskus vorbei verkauft werden, darüber gibt es keine Zahlen, zumindest will sie niemand verraten. Vielleicht ist es besser, sie nicht zu kennen. Die Handelskammer der Stadt Buenos Aires hat Anfang des Jahres eine Erhebung in Auftrag gegeben: In 733 Blocks - Buenos Aires ist wie New York auf dem Reissbrett entstanden - wurden 3465 nicht registrierte Stände gezählt.

Ich muss nur aus dem Haus gehen, um die fliegenden Händler zu sehen. Vorne an der Ecke breitet Alberto jeden Tag Thermoskannen, Ferngläser und Taschenlampen auf einer Decke aus. Gekauft habe ich bei ihm noch nie, aber wir reden ab und zu mal über Politik oder Wirtschaft. «Warum sollte ich Steuern zahlen?», sagt Alberto. «Die Schulen sind schlecht, die Krankenhäuser auch.»

Ein paar Meter neben Alberto steht der alte Mann mit der Baseballkappe, den alle Nacho nennen. Er hat Dutzende von Weckern auf einem Klapptisch und lässt immer mindestens fünf davon gleichzeitig klingeln. Daneben gibt es noch den Blumenstand, wo man natürlich auch nie einen Bon kriegt.

Niemand zahlt gerne Steuern. Umso erstaunlicher ist, dass Santiago Montoya, der Steuereintreiber der Provinz Buenos Aires, in den letzten Jahren zu einem Medienstar geworden ist: Eine seiner ersten Amtshandlungen war ein Serienbrief an 200 000 Ehefrauen von Steuerschuldnern. Sie sollten bitte ihre Männer auf die offenen Beträge aufmerksam machen.

Dabei ?el manchen auf, dass ihre Männer Wohnungen und Villen besassen, von denen sie nichts wussten. Einige Liebesnester flogen auf. Das weckte das Interesse der Medien - und veranlasste viele Steuerschuldner, sich freiwillig zu melden.

Montoya ist bei den Argentiniern beliebt, denn seine Massnahmen treffen keine Armen: Mit Vorliebe lässt er Luxuslimousinen kon?szieren, deren Besitzer die Autosteuer nicht bezahlt haben. Besonders, wenn die Wagen in Skigebieten oder am internationalen Flughafen Ezeiza geparkt sind. Nach dem Motto: Wer in den Urlaub fahren kann, kann auch Steuern zahlen. Bezahlt der Besitzer seine Schulden nicht innerhalb zweier Wochen, darf die Polizei mit dem Wagen auf Streife gehen.

Montoya hat Erfolg. 2005 konnte er die Steuereinnahmen der Provinz Buenos Aires um 20 Prozent steigern, in diesem Jahr sollen es 16 Prozent werden. Dabei helfen ihm Inflation und hohe Wachstumsraten. Sogar der fliegende Händler Alberto ?ndet den Mann gut: «Endlich müssen die Reichen zahlen», sagt er. Zum Dank für seine Auskünfte lade ich ihn auf einen Kaffee ein. «Brauchen Sie eine Quittung?», fragt der Kellner.

13. Dezember 2006


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