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Immer mehr Arme schulden der Krankenkasse Geld. Ärzte verweigern deswegen die Behandlung. Andere müssen auf Hilfe der Behörde warten - Gesundheit wird zunehmend ein Luxusgut.
Diesen Frühling kündigte Lorenzo Semeraro seine Arbeitsstelle: Mit seinem Job als Berater verdiente er bloss noch 1600 Franken an Provisionen monatlich. Für seine fünfköpfige Familie war dies eine finanzielle Katastrophe. Lorenzo Semeraro bat die Krankenkasse, die Prämien zu stunden. Diese aber lehnte ab.
Ein paar Wochen später bekam Semeraros Ehefrau Lucia heftige Rückenschmerzen. «Ich konnte mich kaum bewegen», erzählt sie. «Ich vermutete einen Bandscheibenvorfall.» Als die Schmerzen nicht verschwanden, wollte sie einen Termin beim Arzt vereinbaren. Doch die Praxisassistentin wies sie ab. Wegen ausstehender Rechnungen bezahle die Krankenkasse nichts mehr. Auch ins Spital könne Semeraro nicht. Sie werde dort nicht behandelt, prophezeite ihr die Praxisassistentin.
Die Familie schuldete der Krankenkasse 4700 Franken. Semeraro versprach der Versicherung, den Betrag in Raten abzuzahlen. Doch dies änderte nichts: Solange die Schulden nicht restlos getilgt sind, gibts keine Behandlung, entschied die Krankenkasse.
Lucia Semeraros Rückenschmerzen wurden immer schlimmer. Sie suchte deshalb Hilfe beim Fürsorgeamt, bei Caritas und Pro Infirmis, erfolglos: «Für die Fürsorge verdiente mein Mann trotz allem zu viel. Wir fühlten uns ziemlich allein gelassen», sagt Semeraro.
In seiner Verzweiflung nahm das Ehepaar einen Kleinkredit auf. So konnte es der Krankenkasse die Schulden bezahlen - und Lucia Semeraro konnte endlich zum Arzt. Den Kredit stottert die Familie nun allmählich ab. Ob Lucia Semeraro durch das lange Zuwarten bleibende Schäden davonträgt, ist noch nicht klar.
Selbst für Schwerkranke keine Medis und Therapien
Ähnliche Erfahrungen wie Familie Semeraro machten dieses Jahr Tausende von Menschen in der Schweiz: Ihre Krankenkasse verweigerte die Leistung und zahlte selbst Schwerkranken weder Medikamente noch Therapien.
Grund für die prekäre Lage ist die Änderung des Krankenversicherungsgesetzes: Seit Anfang 2006 übernehmen die Kassen keine Kosten mehr, wenn der Patient ihnen Geld schuldet. Das soll säumige Prämienzahler unter Druck setzen. Laut Schätzungen des Krankenkassenverbandes Santésuisse sind etwa 400 000 Versicherte betroffen. Ihre Schulden belaufen sich auf rund 400 Millionen Franken, jammern die Kassen. Was sie verschweigen: Im Jahr 2005 kassierten sie über 18 Milliarden Franken an Prämien. Berechnet man zudem die ausstehenden Prämien pro Kopf, sind es nur 1000 Franken - also lediglich etwa drei Monatsprämien.
Krankenkassenverband: «Eine unhaltbare Situation»
Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation, ist von dieser Geschäftspolitik entsetzt: «Das ist eine staatlich verordnete Verhinderung von Hilfeleistung.» Kessler fordert, dass diese Praxis schnell wieder abgeschafft wird.
Unzufrieden mit der neuen Regelung sind auch Ärzte und Apotheker. Denn sie geraten in einen Clinch: Einerseits möchten sie ihren Patienten helfen - andererseits sind sie auch auf die Einnahmen angewiesen. Apotheker Beat Egloff aus Zürich hat mehrere Kunden, denen die Krankenkasse nichts mehr bezahlt. Einem Patienten hat er bisher auf eigene Kosten für rund 5000 Franken Medikamente abgegeben. «Ich kann ihn ja nicht einfach fallen lassen», so der Apotheker. Doch er fordert: «Der Staat oder die Krankenkassen müssen dafür sorgen, dass solche Fälle nicht an Ärzten und Apothekern hängen bleiben.»
Auch der Krankenkassenverband hat mittlerweile die Meinung geändert: «Die Neuerung führt bei Zahlungsunfähigen zu unhaltbaren Situationen», so Santésuisse-Sprecher Peter Marbet. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) versucht nun, das Gesetz zu entschärfen: Eine neue Verordnung soll die Kantone verpflichten, Prämien und Kostenbeteiligungen zu übernehmen, die Versicherte nicht zahlen können. Die Verordnung soll im ersten Halbjahr 2007 in Kraft treten.
Dadurch werden zwar zahlreiche Menschen in finanzieller Not wieder entlastet werden - doch längst nicht alle. Für viele von ihnen bleibt Gesundheit trotzdem ein unbezahlbarer Luxus: Sie müssen weiterhin auf notwendige Arztbesuche verzichten, weil sie sich nicht einmal den Selbstbehalt leisten können. Und den teuren Gang zum Zahnarzt schieben sie möglichst hinaus. Eine Schweizer Studie hat ergeben, dass jeder Neunte der finanziell Schwachen auf eine notwendige Zahnbehandlung verzichten muss.
Der letzte Anker für diese Menschen sind Hilfswerke wie Caritas, Winterhilfe, Pro Senectute und das Arbeiterhilfswerk. Von dort erhoffen sie sich das Geld für die dringenden Behandlungen. Allein bei der Caritas müssen pro Jahr gegen 1000 Menschen aus gesundheitlichen Gründen um Hilfe bitten.
Alleinerziehende und Arbeitslose triffts am meisten
Rund eine Million Kinder und Erwachsene müssen in der reichen Schweiz in Armut leben. So die Zahlen aus dem aktuellen «Handbuch Armut» der Caritas. Betroffen sind vor allem Alleinerziehende und ihre Kinder sowie Langzeitarbeitslose. Doch nur rund die Hälfte wird vom Netz des Sozialstaats aufgefangen. Carlo Knöpfel, Hochschuldozent für Sozialpolitik und Sozialarbeit und Geschäftsleitungs-Mitglied der Caritas: «Durch die Maschen fallen Menschen, die knapp über dem Existenzminimum leben, und solche, die nicht wissen, wie sie zu ihrem Recht kommen.»
Wegen einer Behandlung beim Zahnarzt war auch die 28-jährige Chenoa Greet aus Biel auf Unterstützung angewiesen. Sie bekam sehr jung ein Kind. Die ersten Jahre war sie Hausfrau, ihr Freund brachte die Familie über die Runden. Doch dann trennten sie sich, und Chenoa Greet stand da - ohne Ausbildung und ohne Geld. Sie begann, im Service zu arbeiten, und fand schliesslich eine Lehrstelle als Steinbildhauerin.
Mit Lehrlingslohn und Stipendium konnte sie sich und ihre Tochter knapp über Wasser halten. Vor zwei Jahren aber passierte es: «Plötzlich bekam ich wahnsinnige Zahnschmerzen», erzählt sie. Drei Tage lang hielt sie die Schmerzen aus, dann ging sie zum Zahnarzt. Eine Wurzelbehandlung für 1000 Franken war nötig. «Der Zahnarzt fand weitere Zähne, die dringend geflickt werden mussten.» Der Kostenvoranschlag belief sich auf rund 4000 Franken. «Das war ein totaler Schock», erinnert sich Greet. Das Geld hatte sie nicht. Dank Zuwendungen verschiedener Hilfswerke konnte sie schliesslich die nötige Zahnbehandlung machen lassen.
Behörden brauchen oft Wochen, bis sie helfen
Invalide und alte Menschen, die aufgrund ihrer kleinen Rente Ergänzungsleistungen benötigen, geraten ebenfalls oft in Schwierigkeiten. Sie erhalten zwar Arzt- und Zahnarztbehandlungen vergütet. Doch häufig dauert es Wochen, bis die Behörde die Kostengutsprache erteilt oder das Geld auszahlt. Evelyne Hug von der Winterhilfe Kanton Bern: «Viele geraten deshalb in Verzug mit dem Bezahlen und trauen sich gar nicht mehr zum Arzt.»
Auch IV-Bezüger Florian Gasser (Name geändert) hat schlechte Erinnerungen an das lange Warten: Wegen Zahnschmerzen öffnete ihm der Zahnarzt einen Backenzahn und füllte ihn mit einer Mischung aus Kortison und Antibiotika. Eine Woche später sollte die Behandlung weitergehen. Doch Gasser musste neun Wochen warten - erst dann gab das Amt für Sozialbeiträge grünes Licht.
«Ein normales Leben war nicht mehr möglich»
In dieser Zeit ging es Gasser miserabel: «Täglich musste ich mehrmals erbrechen. Ein normales Leben war nicht mehr möglich.» Gasser ist leberkrank und hatte das Kortisongemisch nicht mehr vertragen. Die Medikamente im Zahn waren für höchstens zwei Wochen gedacht. «Es ist ungeheuerlich, dass eine dringende Behandlung wegen einer Kostengutsprache so lange hinausgezögert werden muss», sagt Gasser.
Menschen mit finanziellen Problemen rät Gesundheitsökonom Willy Oggier, die Krankenkassenprämien pünktlich zu bezahlen: «Im Notfall stellt man lieber andere Rechnungen zurück, wie etwa Steuern, und redet mit den Behörden.» Kommt man trotzdem in Schwierigkeiten mit dem Versicherungsschutz, soll man sich an eine Patientenorganisation oder Budgetberatung wenden.
Hilfe bei finanziellen Engpässen
- Klären Sie ab, ob Sie Anspruch auf eine Prämienverbilligung haben. In einigen Kantonen werden Sie nicht automatisch informiert. Adressen der zuständigen kantonalen Stellen finden Sie auf dem Gesundheitstipp-Merkblatt «Prämienverbilligung» (Bezugsadresse unten).
- Bezahlen Sie die Krankenkassenprämien pünktlich und per Dauerauftrag. Stellen Sie notfalls andere Rechnungen zurück (zum Beispiel Steuern).
- Wenden Sie sich bei finanziellen Schwierigkeiten möglichst bald an eine Schuldenberatungsstelle. Adressen siehe Gesundheitstipp-Merkblatt «Schuldenberatung» (unten). Lassen Sie aber die Finger von kommerziellen Schuldensanierungsbüros!
- Verschiedene Hilfswerke und Stiftungen können mit Rat und oft auch finanzieller Unterstützung helfen. Nutzen Sie diese Möglichkeit. Adressen siehe Gesundheitstipp-Merkblatt «Hilfswerke und Stiftungen» (unten).
Gratis-Merkblätter: Krank und finanzielle Probleme?
Gegen ein C5-Antwortcouvert erhalten Sie drei Gesundheitstipp-Merkblätter mit Adressen von Hilfswerken und Stiftungen für kranke Menschen, Adressen von Schuldenberatungsstellen und zur Prämienverbilligung: Redaktion Gesundheitstipp, Stichwort «Hilfswerke», Postfach 277, 8024 Zürich.
Die Merkblätter können Sie auch gratis herunterladen unter www.gesundheitstipp.ch.
06. Dezember 2006 | Gabriela Braun, Sonja Marti
