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Artikel | saldo 20/2006

Das grosse Geschäft mit den Diabetikern

Immer häufiger bekommen Zuckerkranke eine neue und teurere Generation von Insulinen. Die Vorteile sind umstritten. Doch für die Pharmabranche ist es ein gutes Geschäft.

Das grosse Geschäft mit den Diabetikern


Rund 250 000 Diabetiker leben in der Schweiz. Ein Teil von ihnen muss ein Leben lang täglich Insulin spritzen, um den Zuckerhaushalt des Körpers im Gleichgewicht zu halten. Ein sicheres Geschäft für Pharmafirmen. Rund 40 Millionen Franken Umsatz erzielen sie damit jedes Jahr in der Schweiz. Und der Markt wird immer grösser, denn die Zahl der Diabetiker steigt ständig.

Doch damit nicht genug. Pharmaunternehmen entwickeln neue Insulinpräparate, sogenannte Insulin-Analoga, die zum Teil wesentlich teurer sind. Analoges Insulin wird wie Humaninsulin gentechnisch hergestellt, hat jedoch andere Wirkungskurven. Das heisst, einige Analoga wirken besonders schnell, andere besonders langsam, erklärt der Diabetologe Arthur Teuscher, Leiter der Stiftung Ernährung und Diabetes in Bern.

In der Schweiz sind Analoga bis zu 20 Prozent teurer als herkömmliches Insulin. Und immer mehr Zuckerkranke bekommen das neue, teurere Präparat. Arthur Teuscher bestätigt: «Analoga sind in den meisten Fällen die Einstiegstherapie bei neu diagnostizierten Diabetespatienten, welche Insulin benötigen.» Aber auch Patienten, die bereits auf Humaninsulin eingestellt sind, bekommen die analogen Präparate. Arzt und Pharmakritiker Etzel Gysling stellt in seiner Praxis fest: «Diabetespatienten sind nach einem Spitalaufenthalt oft auf analoge Präparate umgestellt.»


Patente für Humaninsuline vor dem Ablaufen

Dabei scheint der Wechsel zum neuen Medikament nicht nur «rein medizinisch begründet» zu sein, wie der Schweizer Insulinmarktleader Novo Nordisk behauptet. «Patienten werden auf analoge Produkte umgestellt, weil die Pharmafirmen die Humaninsuline der ersten Generation schrittweise zurückziehen», befürchtet Teuscher. Er vermutet, dass dies nicht zufällig geschehe: Die Patente für diese Humaninsuline sind nämlich am Ablaufen. «Wenn die Pharmafirmen jetzt das Humaninsulin zurückziehen, müssen die Patienten auf Analoga wechseln, bevor Generikahersteller ein billigeres auf den Markt bringen können.»

Novo Nordisk gibt zu, dass man eine Strategie verfolge, die über die Zeit auf patentgeschützte Analoga abzielt. Dennoch bezeichnet Markgeting-Verantwortliche Susanne Landolt die Befürchtung, dass die Humaninsuline bald verschwinden werden, als unbegründet: «Es gibt keine Pläne, die Herstellung von Humaninsulin einzustellen. Wir zwingen niemanden, auf analoge Präparate umzusteigen.»


Deutschland: Kassen zahlen einige Analoga nicht mehr

Im benachbarten Ausland werden die höheren Preise heftig kritisiert. Sie seien nicht immer durch einen Zusatznutzen gerechtfertigt, heisst es beispielsweise beim deutschen Institut für Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Die deutsche Bundesbehörde entschied deshalb, gewisse Analoga für einen Teil der Patienten nur noch in Ausnahmefällen von den Krankenkassen bezahlen zu lassen.


Schweiz: Neue Insuline weiterhin kassenpflichtig

Und in der Schweiz? Auch hier sind kritische Stimmen zu hören. Pharmakritiker Etzel Gysling zum Beispiel sagt: «Ein zusätzlicher Nutzen ist nicht bei allen Medikamenten belegt.» Und auch Santésuisse erachtet laut Paul Rhyn die Preise für die Insulin-Analoga als zu hoch. Der Krankenkassenverband hat deshalb einen entsprechenden Einwand bei der Eidgenössischen Arzneimittelkommission eingebracht. Bis anhin allerdings ohne Erfolg.

Trotz dieser Kritik: Die neuen Medikamente verbleiben auf der Spezialitätenliste und sind damit kassenpflichtig, bestätigt das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Dies, obwohl nur Medikamente und Therapien zugelassen sein sollen, welche die sogenannten WZW-Kriterien (wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich) erfüllen. «Für uns ist der Zusatznutzen gegeben, weil die Insulin-Analoga schneller wirken», meint BAG-Mediensprecher Daniel Dauwalder.


Die Geschichte wiederholt sich

Vor etwa 25 Jahren wurden die Diabetiker schon einmal zu einem Wechsel von einem gut funktionierenden Insulin zu einem neuen Präparat gedrängt. Das Argument damals: modernere «Spritzinstrumente».

Alex Haller vom Forum Insulin (FIS) erinnert sich: «Die Insulinhersteller haben in den Achtzigerjahren nur die damals neuen Humaninsuline in den ebenfalls neuen Pens - Spritzen im Füllfederhalterprinzip - abgegeben. Für tierische Insuline standen ausschliesslich die alten Aufziehfläschchen und die entsprechenden Spritzen zur Verfügung.» Neue Diabetiker hätten sich so natürlich für die modernere Spritzform entschieden.

Nur: Gewisse Zuckerkranke sind auf tierisches Insulin angewiesen, weil Humaninsuline bei ihnen lebensgefährliche Nebenwirkungen haben. Für sie spitzt sich die Versorgungssicherheit zurzeit stark zu. FIS-Präsidentin Henriette Ludwig: «Ab nächstem Mai können lebensbedrohende Situationen für einige Diabetiker entstehen. Dann wird ein tierisches Insulin vom Markt verschwunden sein, für das es keinen Ersatz gibt.»

Das Forum Insulin sprach deshalb bei Gesundheitsminister Pascal Couchepin vor und forderte von ihm, beim Erhalt dieses Medikamentes aktiv mitzuwirken. Doch Couchepin erachtet es nicht als «Staatsaufgabe», auf diese Nachfrage zu reagieren. Dies sei Aufgabe der Privatwirtschaft, hält er in einer Stellungnahme fest.

Das Forum Insulin Schweiz ist eine Organisation von Diabetikern, welche auf die Versorgung mit tierischen Insulinen angewiesen sind.

Kontakt:

Forum Insulin
Postfach
3000 Bern 25
Tel. 031 332 67 15
www.foruminsulin.ch

 

06. Dezember 2006 | Silvia Baumgartner


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