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Artikel | saldo 20/2006

Zu viele Reisebüros lassen ihre Kunden im Stich

730 Reisebüros und rund 100 Carfirmen kümmern sich nicht um die gesetzlich vorgeschriebene Reisegarantie. Wer bei ihnen bucht, zahlt besser nicht zum Voraus.

Als die Jann Reisen AG aus Rümlang ZH im Mai 2005 in Konkurs ging, hatten 3000 Kunden Pech: Sie erhielten nur einen Viertel ihres im Voraus bezahlten Reisegeldes zurück. Ein solches Debakel kann sich wiederholen, denn jedes dritte Schweizer Reisebüro hat keine gesetzlich vorgeschriebene Kundengeldabsicherung.

730 Reisevermittler hatten laut der Markus Flühmann AG Mitte November keine Kundengeldabsicherung, 1392 verfügten über eine. Die Aargauer Firma verschickt Reisekataloge und besitzt die landesweit präziseste Reisebürokartei. Unter den schwarzen Schafen sind laut Daniel Montani von der Markus Flühmann AG «mehrheitlich Kleinfirmen und sehr viele Ethno-Reisebüros, aber auch Reisebüros an bester Lage». Die meisten sind auch als Reiseveranstalter tätig und bräuchten daher die Kundengeldabsicherung, sagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizerischen Reisebüro-Verbands (SRV).


Carunternehmen: Viele stehen ohne Absicherung da

Schwarze Schafe gibt es auch unter Reiseanbietern. Bis Juni 2006 waren 120 Carfirmen, die Pauschalreisen anbieten, über den Garantiefonds des Nutzfahrzeugverbandes Astag abgesichert. Dann löste der Astag den Fonds auf. «Wir haben den Mitgliedern andere Fonds empfohlen», sagt Hanspeter Baeriswyl, Präsident der Astag-CarGroupe: «Doch wir können niemandem vorschreiben, was er zu tun hat.» Nur zwei Dutzend Firmen sind heute nachweislich Mitglied eines anerkannten Garantiefonds, fast 100 Carfirmen schicken ihre Fahrgäste ohne Absicherung auf Tour. Hinzu kommen die Busreisenunternehmer, die sich schon früher um diese Investition drückten.


Wer bei Carfirmen punkto Absicherung nachfragt, bekommt denn auch viel Vages zu hören: «Unsere Chefin guckt schon gut zu Ihrem Geld», antwortet eine Angestellte von Albisser-Reisen AG in Unterägeri ZG. «Wir haben eine Versicherung», sagt eine Mitarbeiterin von Rösli-Carreisen in Horgen ZH, «ich weiss nur nicht wo.» Christian Dillier von der Dillier Bus AG in Sarnen OW erklärt: «Wir warten jetzt erst mal noch ab.» Offen kommuniziert Jürg Lehmann von STI Bus, Tochterfirma der Thuner Busbetriebe: «Wir sind zurzeit in keinem Garantiefonds, aber das Thema muss uns interessieren.» Ähnlich Alex Rüegg von Bissig Reisen Schwyz: «Wir prüfen drei Angebote, haben uns aber noch nicht entschieden.»

Der SRV macht gegen Drückeberger mobil. Laut Geschäftsführer Kunz haben «Anbieter ohne Kundengeldabsicherung nichts im Markt verloren. Sie verschaffen sich so Vorteile gegenüber der Konkurrenz, schädigen unter Umständen Kunden und werfen ein schlechtes Licht auf die Branche.» Der SRV schreibt seinen Mitgliedern den Beitritt zu einem der vier anerkannten Kundengeldabsicherer zwingend vor. «Wer dort seine Mitgliedschaft verliert, fliegt auch bei uns raus», sagt Kunz. Alle anderen Formen der Absicherung sind aus Sicht des Verbandes nicht sicher genug. Einzige Ausnahme: die Millionenstiftung der Universal Reisen AG in Vaduz. Und der SRV verbietet seinen derzeit 860 Mitgliedern, Angebote von Firmen ohne Absicherung zu vermitteln.


Wer sich kennt, drückt schon mal ein Auge zu

Inzwischen akzeptiert das «Migros-Magazin» keine Inserate mehr von Reisefirmen, die keinem anerkannten Garantiefonds angehören. Die «Coopzeitung» befolgt diesen Grundsatz bei Neuinserenten. Auch die grossen Veranstalter halten sich weitgehend an diese Richtlinie, sagt Daniel Montani von der Markus Flühmann AG: «Jeder hat jedoch seine Beziehungsdelikte.» Will sagen: Sie drücken schon mal ein Auge bei Reisebüros zu, mit denen sie schon lange gute Geschäfte machen.


Einhaltung des Gesetzes wird nicht überprüft

Den Drückebergern wird das Schummeln ohnehin leicht gemacht. Denn das Pauschalreisegesetz hat einen Haken. Es verpflichtet Anbieter von Reisen, die länger als 24 Stunden dauern oder eine Übernachtung enthalten, eine Summe für Kundengelder zweckgebunden zu hinterlegen. Aber keiner kontrolliert das. «Wir beaufsichtigen das nicht», sagt Felix Schöbi vom Bundesamt für Justiz. Er schätzt, dass «90 Prozent aller Pauschalreisen trotzdem abgesichert sind». Doch daneben gäbe es «viele Nischenanbieter, die diesen Kostenfaktor scheuen».

In der Tat muss eine Firma für den Beitritt zum Garantiefonds der Reisebranche mindestens 50 000 Franken auf ein Sperrkonto einzahlen, plus Jahresbeitrag. Für viele kapitalschwache Kleinfirmen ein Problem. Sie haben das grösste Konkursrisiko. Gehen sie pleite, verliert der Kunde sein Geld oder strandet irgendwo und muss die Reise doppelt bezahlen. Konkurse sind in der Branche nicht selten. Allein 2005 musste der Garantiefonds bei sieben Pleiten einspringen.



Keine Vorauszahlung ohne Reisegarantie!

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich gegen den Verlust seines Reisegeldes zu schützen:
- Man sollte die Reise nicht im Voraus bezahlen.
- Man macht um Reiseanbieter ohne Kundengeldabsicherung einen grossen Bogen.

Vor dem Buchen sollte man immer nachfragen, ob der Reiseveranstalter eine Absicherung hat.

Erhält man keine befriedigende Antwort, kann man sich beim Schweizerischen Reisebüro-Verband (Tel. 044 487 30 50; www.srv.ch) oder beim Ombudsmann der Reisebranche (Tel. 062 212 66 00; www.ombudsman-touristik.ch) erkundigen.
Entdeckt jemand erst nach der Buchung, dass der Anbieter über keine Absicherung verfügt, kann er laut Pauschalreisegesetz immer noch vom Vertrag zurücktreten.

Wer einem der vier anerkannten Reisegarantiefonds angehört, wirbt oft mit dem Logo seines Fonds. Unter den Web-Adressen findet man Mitgliederverzeichnisse.



Garantiefonds der Schweizer Reisebranche
Mitglieder: rund 1600, davon zirka 650 Firmen ohne Filialen (www.garantiefonds.ch).

Glarner Genossenschaft Reisesicherung Mitglieder: 14
(www.glarnerreisesicherung.ch).

Travel Professionals Association Zentrale: Lausanne, rund 120 Mitglieder, vornehmlich im Tessin und in der Westschweiz
(www.tpa.ch).

Swiss Travel Security, von der Swiss Travel Association (Star) gegründet, rund 240 Mitglieder, hauptsächlich Reisebüros (www.star.ch).

06. Dezember 2006 | Eric Breitinger


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