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Artikel | Gesundheits-Tipp 12/2006

“Ich schlief in der Telefonkabine” - J?rg Peter, 44

Seit seiner Jugend lebte Jürg Peter auf der Gasse. Doch jetzt will er ein neues Leben beginnen.

Jürg Peter, im Winter ist das Leben für Obdachlose besonders hart. Wo haben Sie in der kalten Jahreszeit geschlafen?
Jahrelang lebte ich im Pavillon in der Bäckeranlage in Zürich. Dort haben wir immer ein Feuer gemacht. Manchmal schliefen zwei Dutzend Obdachlose im Pavillon. Wir hatten einen Chef, der hiess Daniel. Er hat für uns immer Suppe gekocht. Ab und zu habe ich auch im Shop-Ville in einer Telefonkabine übernachtet, bis mich die Polizei um vier Uhr früh herausgeholt hat.

Hatten Sie gesundheitliche Probleme wegen der Kälte?
Ich hatte oft Bronchitis. Wenn man draussen übernachtet, geht das nicht so schnell weg. Wegen der Bronchitis bereitete mir das Atmen Mühe.

Was haben Sie gemacht, wenn Sie unter Bronchitis litten?
Dann wickelte ich mich in drei Wolldecken ein statt nur in eine. Ich hatte auch oft geschwollene Beine, weil ich in der Kälte herumstand. Das ging wieder weg dank pflanzlicher Mittel.

Tranken Sie viel Alkohol?
Ja, ich trank viel. Aber seit einem Jahr trinke ich gar keinen Alkohol mehr.

Wie haben Sie das geschafft?
Ich sass in einem Restaurant und betrachtete das Glas vor mir. Ich dachte: Jürg, hast du es nötig, deine Birne jeden Tag mit Alkohol zu füllen? Dann sagte ich mir: Nein, jetzt ist Schluss. Jetzt rauche ich nur noch Zigaretten, etwa drei Päckli pro Tag. Und ich bin spielsüchtig.

Woher nahmen Sie das Geld für das Glücksspiel?
Ich habe manchmal geklaut. Darum kam ich immer wieder ins Gefängnis. Aber jetzt habe ich die Spielsucht besser im Griff. Heute gewann ich in einem Restaurant an einem Spielautomaten 70 Franken. Die habe ich mitgenommen, statt sie gleich wieder zu verspielen. Darauf bin ich stolz.

Wurden Sie auch schon selber bestohlen?
In der Bäckeranlage wurde ich dreimal ausgenommen. Weil ich zu viel getrunken hatte, merkte ich es nicht. Betrunkene Kollegen machten auch meinen Grill kaputt. Den hatte ich gekauft, um Bratwürste und Cervelats zu verkaufen. Vor Wut habe ich mir mit einer Flasche den Bauch aufgeschnitten. Aus Wut und Enttäuschung habe ich mich ein paar Mal selber geschnitten.

Wollten Sie nie in ein Wohnheim ziehen?
Ich wohnte eine Zeit lang in Heimen. Aber ich fühlte mich dort nicht ernstgenommen. Da sagte ich mir: Wenn das so ist, dann bin ich lieber ein Aussenseiter.

Aber das ist jetzt vorbei. Seit drei Wochen lebe ich in einem kleinen Zimmer, das mein Vormund organisiert hat. Ich will ihm zeigen, dass ich das kann. Kürzlich besuchte er mich. Er machte mir ein Kompliment und sagte: Herr Peter, Sie haben eine schöne Ordnung!

Möchten Sie ein neues Leben beginnen?
Ja. Mein früheres Leben ist abgeschlossen. Der alte Film ist vorbei, die Rolle ist gerissen. Jetzt gibt es einen neuen Film. Ich möchte wie die anderen Menschen leben und nicht immer die Nummer zwei sein. Ich hoffe, dass ich bald in eine begleitete Wohnung einziehen kann, wo einmal pro Woche ein Sozialarbeiter vorbeischaut.



Jürg Peter

Jürg Peter wuchs in Heimen im Kanton Aargau auf. Eine Kochlehre brach er nach zwei Jahren wegen psychischer Probleme ab. Danach lebte er abwechslungsweise auf der Strasse, in Wohnheimen, in psychiatrischen Kliniken oder im Gefängnis. Jetzt will Jürg Peter ein neues Leben beginnen: Mitte November hat er in Zürich ein Zimmer bezogen.

06. Dezember 2006 | Andreas Gossweiler


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