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Wer gesund ist, muss keine Medikamente schlucken - auch wenn er einen hohen Cholesterinspiegel hat. Doch diese Erkenntnis setzt sich nur langsam durch.
Etwas erstaunt war Lotti Wülser schon. Als die 71-Jährige das letzte Mal beim Hausarzt war, fragte sie ihn, ob man nicht wieder einmal das Cholesterin messen sollte. «Bei der letzten Messung vor sechs oder sieben Jahren», erinnert sich Lotti Wülser, «war der Spiegel nämlich schon recht hoch gewesen.»
Doch Felix Huber von der Zürcher Medix-Praxis klärte sie über die Fakten auf: «Sehr viele ältere Menschen haben hohes Cholesterin. Wenn sie sonst gesund sind, ist das kein Grund zur Sorge.» Es sei unnötig, das Cholesterin mit Medikamenten zu senken.
Lotti Wülser war erstaunt - aber auch erleichtert. «Ich vertrage Medikamente schlecht. Solange ich nichts nehmen muss und mich trotzdem wohlfühle, bin ich zufrieden.»
Zwar lagert sich Cholesterin an den Wänden der Blutgefässe ab - es fliesst weniger Blut hindurch. Dies kann das Herzinfarktrisiko erhöhen. Für den Allgemeinarzt und Epidemiologen Johannes G. Schmidt in Einsiedeln SZ ist klar: «Der Cholesterinwert als alleiniger Risikofaktor hat in der Praxis keine Bedeutung. Ein gesunder Körper kann hohes Cholesterin gut verkraften», schreibt er in einem Lehrbuch.
Gesünder leben lautet das Rezept bei hohem Cholesterin
Diese Ansicht vertrat Schmidt bereits vor vier Jahren («Pulstipp», Ausgabe September 2002). Unterdessen hat sie sich in Fachkreisen durchgesetzt. Letztes Jahr gab die Schweizerische Gesellschaft für Kardiologie neue Richtlinien heraus: Ärzte sollen zuerst das Risiko eines Patienten bestimmen, in den nächsten Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden. Ist es hoch, sollen sie die Patienten dazu animieren, gesünder zu leben. Das heisst: Viel Früchte und Gemüse essen, Übergewicht abbauen, sich genug bewegen und nicht rauchen. Erst wenn dies alles nichts nützt, solle der Arzt Medikamente in Betracht ziehen.
Johannes G. Schmidt sagt: «Die Fachgesellschaft ist klüger geworden.» Doch längst nicht alle Ärzte hielten sich an die neuen Empfehlungen. «Bei Patienten sehe ich immer wieder, dass viele Ärzte das Cholesterin viel zu oft bestimmen und medikamentös behandeln.»
Dies belegen auch die Verkaufszahlen für cholesterinsenkende Medikamente: Knapp 1,5 Millionen Packungen gingen dieses Jahr über den Ladentisch, dreimal so viel wie noch 1996.
Ein Grund für den Anstieg sind Medienberichte. Immer wieder wird vor der «Gefahr» Cholesterin gewarnt - das freut die Hersteller cholesterinsenkender Mittel. Kürzlich griff auch TV-Arzt Samuel Stutz selber in die Tasten, um Werbung zu machen: Im Heft «Gesundheit Sprechstunde» bedauerte er unter anderem, dass die Patienten das Medikament Inegy noch kaum kennen. Stutz verschweigt, dass ein hoher Cholesterinspiegel alleine die Gefahr eines Herzinfarkts nur unwesentlich erhöht.
Noch weiter geht die Firma Pfizer, die den Cholesterinsenker Sortis herstellt. Die von Pfizer bezahlte Internetseite Cholesterininfo.ch empfängt den Leser mit der Botschaft «Hohes Cholesterin. Heimliche Gefahr, unheimliches Risiko.» Und eine von Pfizer unterstützte Publireportage in «Gesundheit Sprechstunde» trug letztes Jahr als Titel das Zitat eines Herzinfarkt-Patienten: «Ich hätte die Cholesterinsenker früher nehmen sollen.»
Muskelentzündungen durch Cholesterinsenker
Experten kritisieren solche Panikmache. Medix-Arzt Felix Huber: «Solche Propaganda führt dazu, dass Patienten Cholesterinsenker verlangen, wenn sie gar nicht nötig sind.»
Abgesehen von den Kosten gingen diese Patienten auch das Risiko von Nebenwirkungen ein. Laut Huber können Cholesterinsenker Muskelentzündungen auslösen. Vor einiger Zeit musste die Firma Bayer deswegen das Medikament Lipobay vom Markt nehmen.
In seiner Stellungnahme schreibt Samuel Stutz dem Gesundheitstipp, er habe nicht bedauert, dass Inegy zu wenig bekannt sei: «Wir informieren in dem Artikel sachlich und in keiner Weise werberisch über die grossen Defizite bei der Behandlung von erhöhtem Cholesterin, sei es mit Ernährungsumstellung, mehr Bewegung oder Medikamenten.»
Die Firma Pfizer erklärt: «Uns ist es ein Anliegen, der Öffentlichkeit verlässliche Gesundheitsinformationen zur Verfügung zu stellen, um so einen Beitrag für eine höhere Gesundheitskompetenz zu leisten.» Vom Titel der Publireportage distanziert sich Pfizer allerdings: Man habe bloss das daneben- stehende Interview mit einem «unabhängigen Experten» unterstützt.
Cholesterin messen: Für Gesunde nur alle fünf Jahre nötig
Ein gesunder Mensch kann einen hohen Cholesterinspiegel gut verkraften. Gestützt auf die aktuelle Fachliteratur empfiehlt der Zürcher Arzt Felix Huber deshalb:
Gesunde Frauen ab 45 sollen ihr Cholesterin alle fünf Jahre messen lassen, Männer ab 35 Jahren. Die Messung ist nur bis 65 Jahre sinnvoll. Bei Senioren ist hohes Cholesterin normal.
Menschen mit Risikofaktoren sollten mit dem Arzt besprechen, wie häufig Cholesterin zu messen ist. Die Risikofaktoren sind:
- Hoher Blutdruck
- Hoher Blutzucker oder Diabetes
- Herz-Kreislauf-Krankheit
Wenn Eltern, Onkel oder Tante vor dem 60. Lebensjahr eine der folgenden Krankheiten erlitten haben, sollte man das Cholesterin schon ab 20 Jahren messen lassen:
- Herzinfarkt
- Hirnschlag
- Gefässverschlüsse
06. Dezember 2006 | Christian Egg
